Late Night "Anne Will"

Darum würde sich Arnulf Baring in Fukushima opfern

Historiker Arnulf Baring sah sich bei Anne Will umgeben von Idealisten und kämpfte für die Atomenergie. Im Ernstfall würde er auch selbst löschen.

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Die CDU will Atomkraftwerke vom Netz nehmen, die Grünen fordern Militäreinsätze, und die Linkspartei lobt plötzlich Westerwelle für seine Außenpolitik. Die Ereignisse in Libyen und Japan krempeln die politische Landschaft in Deutschland um. Da gibt es Diskussionsbedarf.

Und so setzte Anne Will gleich zwei Themen auf die Agenda. Eigentlich hatte sie ihre Gäste geladen, um über die deutsche Energiepolitik nach der Reaktor-Katastrophe in Fukushima zu reden. Doch die Luftangriffe auf Libyen ließen ihr keine andere Wahl, als noch einen kurzen Blick auf weltpolitische Lage zu werfen.

Mit ihren Gästen sollte das auch kein Problem sein: Mit Mehrzweck-Talkern wie dem Historiker Arnulf Baring sowie den Journalisten Theo Sommer und Wolf von Lojewski kann man ja über alles reden. Eben auch über Libyen. Oder über die Atomenergie. Oder über das Dosenpfand.

Das Thema Libyen starb dann doch recht schnell. Nicht, weil die Gäste nichts zu sagen hatten, sondern weil sie sich einfach zu einig waren. Die Luftangriffe seien gerechtfertigt und die Enthaltung der Bundesrepublik feige, sagte einer nach dem anderen. Und auch beim eigentlichen Atom-Thema nickten sich die Gästen größtenteils gegenseitig zu. Nur einer scherte aus der Reihe: der Historiker Arnulf Baring.

Baring, der von Will als „letzter Konservativer Deutschlands“ vorgestellt wurde, verdiente sich diesen Titel im Laufe der Sendung voll und ganz. Zumindest dürfte er einer der wenigen sein, die sich nach Fukushima noch trauen, offen für die Atom-Technologie zu plädieren. Seine Mitgäste, so schimpfte er, seien allesamt Idealisten, während er der einzig klar denkende Mensch sei.

Die Welt werde noch lange Zeit die Atomenergie benötigen, da ist er sich sicher. Kaum ein Land werde dem deutschen Ausstieg folgen: „Es wäre ja schön, wenn die Welt so wäre, wie Ihr sie euch denkt, aber sie ist nicht so.“

Nach dem Willen der anderen Gäste sollte Deutschland dagegen schleunigst raus aus der Atom-Energie. Die anderen Länder würden es der Bundesrepublik dann schon nachmachen. „Es ist jedem klar geworden, dass die Risiken der Atomeinenergie größer sind, als es zu verantworten wäre“, sagte Theo Sommer.

Für den früheren VW-Manager Daniel Goeudevert wäre der Ausstieg auch ohne größere Komplikationen möglich: „Man kann die Atomenergie ersetzen, wenn man es denn will.“ Das dürfe keine Frage des Geldes sein: „Wir können nicht den Tod von Japanern mit Kilowattstundenpreisen aufrechnen.“

Über wirkliche Konzepte, wie der Ausstieg funktionieren könnte, wurde nicht geredet. Hier zeigte sich: Wirklich tief im drin Thema steckte eben keiner der Gäste.

Auch Hiltrud Schwetje, Leiterin einer Tschernobyl-Hilfsorganisation, Ex-Frau von Gerhard Schröder und auf der Will-Website als „Vegetarierin, Tierschützerin und Atomkraftgegnerin“ vorgestellt, konnte die ihr wohl zugedachten Aufgabe nicht erfüllen. Ihre These, für die Beseitigung der Fukushima-Schäden könnte man bis zu 500.000 Mann benötigen, scheint dann doch sehr gewagt.

Die Frage, wie schnell der Atomausstieg gelingen könnte, fiel schnell unter den Tisch. Dafür fehlte den Gästen schlicht das Wissen. Und so konnte Baring trotz seiner Außenseiterposition siegessicher in die Kamera lächeln und den weisen Großvater geben, der eben weiß, wie die Welt tickt - dabei hätte man sich gewünscht, dass ihm einer aus der Runde das besserwisserische Grinsen aus dem Gesicht heraus argumentiert hätte.

Doch den Vorwurf, idealistisch zu sein, konnten die Atomenergiegegner nicht entkräften.

Das Gespräch driftete ab und gemeinsam rührte man an jenem emotionalen Brei, der nach anderthalb Wochen Katastrophensendungen kaum noch zu schlucken ist. In der Berichterstattung über das Erdbeben ist es ja zur Routine geworden, dass japanische Volk kollektiv auf die Couch zu legen und tiefenpsychologisch zu untersuchen: Diese Ruhe, diese Gelassenheit und gleichzeitig dieser Mut!

Auch Anne Will widerstand der Versuchung nicht und befragte ihre Gäste zu deren Gedanken über die japanische Mentalität.

Theo Sommer führte diese, wie die meisten Beobachter, auf den Buddhismus und die japanische Kaiserverehrung zurück: „Die Gemeinschaft zählt in Japan mehr als das Individuum“, sagte Sommer und verglich die Arbeit der Retter mit „Kamikaze“-Aktionen aus dem Zweiten Weltkrieg.

Baring hielt den Heroismus der Japaner dagegen für selbstverständlich. Seit Jahrhunderten würden die Menschen ihr Leben für ihr Vaterland hingeben. „Ich finde diese Haltung großartig, vorbildlich und unerlässlich für jede Gesellschaft, die sich und ihre Menschen ernst nimmt.“

Auf Anne Wills Frage, ob auch er gegen die Reaktorkatastrophe kämpfen würde, sagte er selbstsicher: „Wenn man in eine Lage gerät, in der das notwendig ist, wäre ich natürlich bereit, mich zu opfern.“