Late Night

Kerner und das Wunder nach der Querschnittslähmung

Ob der verunglückte "Wetten, dass..?"-Kandidat Samuel Koch jemals wieder laufen kann, versuchte Johannes B. Kerner am Beispiel eines 18-Jährigen zu ergründen.

Foto: sat.1 / sat.1/Sat.1

“Drei Dinge auf einmal, das geht nun wirklich nicht“, heißt es in einem Werbespot eines weltbekannten Schokoladenherstellers. Kerner versuchte in seiner Show einmal mehr vom Gegenteil zu überzeugen. Er servierte dem Zuschauer etwas zum Lachen, etwas zum Aufregen und etwas Ernstes fürs Herz.

Zusammen passte das alles nicht, sollte aber Balsam für den Gefühlshaushalt sein. Zurück bleibt eine große Irritation. Denn das Hauptthema der Sendung Querschnittslähmung wurde unreflektiert zwischen dem Start der neuen Staffel von “Germany’s Next Topmodel“ und der aktuellen Benzinwut abgehandelt.

Zu Gast im Studio war der 18-jährige Marvin Wölk, der nach einer Querschnittslähmung wieder laufen kann. Ein Einspieler klärte den Fernsehzuschauer über den Schicksalstag des Schülers aus Itzehoe auf. Am 16. Juni 2010 verunglückte Marvin bei einem Sprung in den Baggersee. An einer Badestelle wollte er ins Wasser hüpfen, rutschte weg und stürzte auf seinen Kopf. Dabei wurde sein fünfter Halswirbel zertrümmert. Die schreckliche Diagnose der behandelnden Ärzte: Querschnittslähmung ohne jegliche Hoffnung auf Heilung.

Doch der Junge, seine Familie und seine Freunde haben den Glauben nicht aufgegeben. Zusätzlich zur schulmedizinischen Versorgung probierte Marvin alternative Heilmethoden aus. „Wir hatten ja nichts zu verlieren“, erzählte sein Vater im Interview. Nach sechs Wochen passierte dann das Wunderbare. Der Schüler konnte einen großen Zeh wieder bewegen. Auch sein Physiotherapeut staunt über die Fortschritte, die Marvin innerhalb kurzer Zeit machte; er prognostiziert ihm, bald wieder alleine laufen zu können.

Täglich verbucht der Teenager neue Bewegungserfolge. Bei der ursprünglichen Diagnose kaum zu glauben. Vor allem, wenn man an ein ähnliches Schicksal denkt – das von Samuel Koch. Die Bilder vom tragischen Unfall des 23-jährigen Studenten am 4. Dezember 2010 bei „Wetten, dass..?“ lassen sich so schnell nicht aus dem Gedächtnis streichen.

Erstmals in ihrer Geschichte wurde die große Samstagabendshow des ZDF abgebrochen. Eine ganze Fernsehnation stand unter Schock. Bis heute heißt es über Samuels Querschnittslähmung, jede Bewegung sei für ihn eine Qual. Und immer noch ist nicht geklärt, ob der ehemalige Kunstturner jemals wieder ganz gesund wird.

Die Antwort auf eben diese Frage ist der Grund, weshalb Marvin Wölk zu Gast in Kerners Sendung war. Denn Samuels Zustand bewegt die Zuschauer ebenso wie die Fernsehmacher. Der Wunsch nach Aufarbeitung scheint auf beiden Seiten beträchtlich zu sein. Der Schüler Marvin Wölk, der sein Schicksal besiegt und zurück ins Leben gefunden hat, steht für den ersehnten Lichtblick, für die mögliche Heilung.

Marvins Fall nur bedingt mit Samuel Koch vergleichbar

Doch Kerner macht auch deutlich, dass es beim Thema Querschnittslähmung keine „Blaupausen“ gebe. Die Unfälle und Verletzungen von Samuel und Marvin seien nur bedingt miteinander vergleichbar. Deshalb könne man aus Marvins Heilungserfolgen keine Genesungschancen für andere Unfallopfer ableiten, man sollte keine falsche Hoffnung schüren.

Zweifellos ist Querschnittslähmung eine ernste Krankheit. Und gewiss machte der unglückselige Unfall von Samuel Koch, ausgerechnet in einer der quotenstärksten Sendungen des deutschen Fernsehens, daraus ein aufmerksamkeitswirksames Thema. Kerners Redaktion aber bewegte sich teilsweise an der Grenze der Geschmacklosigkeit. Deshalb darf man sich über etwaige Flapsigkeiten von Seiten des Moderators wundern.

Beispielsweise wenn er die Besserung von Marvins Gesundheitszustand mit einem „Aus vielen Kleinigkeiten wird eine Großigkeit“ kommentierte. Oder Samuels Vater Christoph Koch zitierte, der geäußert habe, seinem Sohn gehe es „beschissen“. Die Überbetonung dieses Adjektivs bekam einen üblen Beigeschmack.

Dementsprechend ließen die Bilder der ersten Gehversuche von Marvin auf einem Laufband den Zuschauer unangenehm berührt zurück, weil der Moderator sich selbst kurz zuvor bei eigenen unbeholfenen Gehversuchen auf einem Catwalk neben Studiogast Sara Nuru präsentierte. Dabei zertrat er die rohen Eier, die er sich unter seine Fersen geklebt hatte. Ein symbolträchtiges Bild.

Entblößt wurde ein Problem des Formats: die manchmal allzu bunte Aneinanderreihung von Themen. Dass Kerner wöchentlich den verständnisvollen Onkel gibt, der für jedes Thema zu haben ist und sensible Momente unangemessen verwurstet, nervt. Er sollte die Weisheit aus der Schokoladenwerbung beherzigen und ein bisschen mehr Feingefühl in die Auswahl seiner Showinhalte legen.