Vor 100 Jahren

Der Tag, an dem Lew Tolstoi starb

Er war der berühmteste Autor Russlands. Doch Tolstoi wollte nur eins: fliehen. Dann starb er vor den Augen der ganzen Welt.

Astapowo, ein Bahnknotenpunkt in Zentralrussland. Trotz Wind und Spätherbstkälte wird der Abendexpress um 6 Uhr 35, Zug Nr.12 aus Richtung Smolensk, von vielen Menschen erwartet, meist Bahnbeamten oder Schaulustigen, denn für die öde Provinzstation ist selbst die Ankunft und Abfahrt der Züge noch Zerstreuung. Kaum hat der Zug gehalten, verbreitet sich auf dem Bahnsteig ein Gerücht: In diesem Zug reist Lew Tolstoi! Die Sensation wäre nicht größer gewesen, hätte die Nachricht gelautet: In diesem Zug reist der Zar.

Aus einem Waggon zweiter Klasse kommt ein Mann – es ist Tolstois Leibarzt Dušan Makovicky – und bespricht sich mit dem Bahnhofsvorsteher Iwan Osolin. Tolstoi sei unterwegs erkrankt, wahrscheinlich an Lungenentzündung, er brauche Ruhe und müsse dringend ins Bett. Nach dem ersten Schock bietet der Bahnhofsvorsteher sogleich sein Wohnzimmer an, in dem flachen Holzbau gegenüber dem Bahnhofsgebäude, das Zimmer sei geräumig, auch günstig, weil es einen eigenen Eingang hat.

Erneut läuft ein Raunen durch das Publikum: Lew Tolstoi steigt aus! Makovicky und ein Eisenbahner helfen dem 82jährigen Greis aus dem Waggon, und das Reisegrüppchen – mit von der Partie sind Tolstois Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin – begibt sich zunächst in den Bahnhof, den leeren Wartesaal für Damen, während in Osolins Wohnzimmer ein Bett aufgeschlagen wird. Als Tolstoi wenig später über die Gleise zum Haus geführt wird, muss er von allen Seiten gestützt werden. Ringsum stehen gewiss siebzig Schaulustige in feierlicher Stille, die Männer nehmen die Mützen ab, dann werden Stimmen laut: Ihn sollte man nicht führen, sondern auf Händen tragen!

Im Zimmer angekommen, dankt Tolstoi dem rührenden Hausherrn und seiner Frau, dann legt er sich hin. Das Fieber steigt im Lauf des Abends auf fast 40°, gegen Mitternacht beginnt der Kranke zu fantasieren, er befürchtet, seine Frau Sofja Andrejewna werde ihm nachfahren.

Er wollte sich im Süden, in Bulgarien verstecken

An diesem 13. November 1910 (oder 31. Oktober nach dem in Russland damals gültigen julianischen Kalender) war Tolstoi bereits den vierten Tag unterwegs, dennoch wusste er selbst nicht recht, wohin die Reise gehen sollte. Jedenfalls nach Süden, in Richtung Schwarzes Meer, und später, so hoffte Tolstoi, könnte er sich vielleicht in Bulgarien verstecken. Seine Reise glich einer Flucht, wovor – darüber diskutieren die Tolstoi-Interpreten bis heute.

Natürlich, das berühmte Ehe-Zerwürfnis. In 48 Ehejahren hatte Sofja Andrejewna ihrem Mann „treulich gedient“, war sechzehnmal schwanger und trug dreizehn Kinder aus, von denen acht das Erwachsenenalter erreichten. Zur Erziehung der Kinder kam die Aufsicht über den Haushalt, die Tolstois führten ein gastliches Haus, außer der eigenen vielköpfigen Familie samt Erziehern und Gouvernanten saßen oft Verwandte und Freunde mit bei Tisch. Und meist nachts schrieb Sofja Andrejewna noch Tolstois Manuskripte ab, in späterer Zeit lag auch die Verantwortung für den Gutsbetrieb auf ihren Schultern.

Nach ersten glücklichen Ehejahren hatte sich der Zwist in den 80ern angebahnt, als Tolstoi im Zuge seiner Hinwendung zum Christentum jeglichen Besitz ablehnte und sein Leben in „Luxus“ als Sünde ansah. Sofja Andrejewna, seit der Heirat mit Tolstoi „Gräfin“, konnte seine Bekehrung nicht nachvollziehen und kämpfte für sich und die Kinder um den Besitz. Und der bestand nicht nur aus Gütern, sondern auch aus Urheberrechten, denn die Einnahmen aus Tolstois Werken bildeten einen wichtigen Teil des Familienbudgets. Die Situation entspannte sich, als Tolstoi seinen Besitz unter Frau und Kindern aufteilte und Sofja Andrejewna die Nutzung der vor 1881 geschriebenen Werke überließ, somit den Löwenanteil der Erzählprosa.

In Tolstois letzten Lebensjahren spitzte sich der Konflikt erneut zu. Unterm Einfluss seiner Anhänger, besonders seines Vertrauten Tschertkow, vermachte Tolstoi zuletzt sämtliche Werke der Tochter Alexandra, die sie nach seinem Tod zu Gemeineigentum erklären sollte. Das Testament hielt er vor seiner Frau geheim, aber natürlich bekam Sofja Andrejewna davon Wind, wodurch ihr ohnehin schon krankhaftes Misstrauen gesteigert wurde; ihre Nerven waren so zerrüttet, dass sie die Familie mit immer neuen hysterischen Anfällen tyrannisierte.

Hinzu kam, dass Tolstoi nun auch Tagebücher vor ihr versteckte oder außer Haus gab; seit der Zeit, als Tolstoi seine Braut mit der Lektüre seiner Junggesellen-Tagebücher schockiert hatte, gehörte die gegenseitige Lektüre der Tagebücher zu den Eheritualen, und solche Intimkenntnis bedeutete für beide, eine gewisse Hoheit über des anderen Biografie zu besitzen. So schwankte das Ehepaar in Tolstois letzten Lebensmonaten andauernd zwischen Extremen, einerseits Beschwörungen ihrer alten Liebe, andrerseits Drohungen: Sie drohte mit Selbstmord, er mit Fortgang oder Flucht.

Tolstois Aufbruch allein aus dem Ehezerwürfnis zu erklären, griffe allerdings zu kurz. Vieles war dem alten Mann lästig geworden. In Jasnaja Poljana riss der Strom der Besucher nicht ab, vor dem Gutshaus standen Bittsteller, die um Lebenshilfe oder Almosen baten, tagtäglich trafen 30 bis 35 Briefe ein. Tolstojaner, oftmals päpstlicher als ihr Idol, drängten ihn zur Konsequenz: Es genüge nicht, den Besitz wegzugeben, er müsse auch dem luxuriösen Leben auf dem Gut entsagen.

Zum Pilger fehlte ihm die Kraft

Vor allem aber war Flucht ein Reflex, dem Tolstoi im Leben mehrfach nachgab, durch radikale Kehrtwenden befreite er sich aus unerträglich gewordenen Lebenslagen. So, als er lange vor seiner Ehe in den Kaukasus aufbrach; der Entschluss kam derart plötzlich, dass er nicht einmal die notwendigen Papiere mitnahm. Auch in seinen Werken gestaltete er solches Verschwinden, zuletzt im „Lebenden Leichnam“ und den „Aufzeichnungen des Starez Fjodor Kusmitsch“. Unterzutauchen, als namenloser Wandermönch durch die Lande zu ziehen … Dass Tolstoi erst jetzt zur Tat schritt, war wohl der Rücksicht auf Sofja Andrejewna geschuldet. Nun aber war es zu spät: Für ein Pilgerdasein fehlte dem kränkelnden alten Mann bereits die Kraft. Übrig blieb eine fast kreatürliche Bewegung – so sucht sich ein Tier zum Sterben zurückzuziehen. Selbst das misslang auf tragische Weise.

Den unmittelbaren Anlass lieferte wieder Sofja Andrejewna. Tolstoi hört sie mitten in der Nacht unter seinen Papieren wühlen. Was dann geschah, beschreibt Makovicky: „Im Schlafrock, barfuß in den Schuhen und in der Hand eine Kerze, weckte mich Lew Nikolajewitsch um drei Uhr früh.“ Er wolle wegfahren, sagt Tolstoi, der Arzt solle mitkommen, Tochter Alexandra packe das Nötigste zusammen. Tolstoi eilt selbst durch die Nacht zum Kutscherhäuschen, weckt den Kutscher und lässt anspannen. Erst auf der Fahrt zum Bahnhof beratschlagt er mit dem Arzt, wohin sie fahren könnten, und erst am Fahrkartenschalter merkt Makovicky, dass sie zu wenig Rubel dabeihaben; er bittet um Fahrkarten „für Tolstoi“, das Geld werde nachgereicht – und erhält das Gewünschte. Ein recht kopfloser Aufbruch, bedenkt man, dass die Idee, auf- und davonzugehen, Tolstoi seit einem Vierteljahrhundert beschäftigt.

Erstes Ziel ist das Kloster Optina Pustyn, von dort fährt Tolstoi zu seiner Schwester Marija, die unweit davon in einem Frauenkloster lebt. Aber auch da hält es ihn nicht; als er erfährt, dass Sofja Andrejewna auf die Nachricht von seiner Abreise sich im Gutspark in den Teich gestürzt hat, gleich gerettet wurde, aber schwor, ihm nachzureisen, bricht er wieder auf, nun noch begleitet von Tochter Alexandra und deren Gesellschafterin; Tolstoi hat sie telegrafisch hergebeten.

Am ersten Reisetag hatte es auf einer Teilstrecke nur einen verrauchten Waggon dritter Klasse gegeben, Tolstoi war unterwegs lange vor der Waggontür im Freien gestanden, bei Temperaturen um Null Grad; das rächt sich nun. Der Arzt stellt fest, dass Tolstoi fiebert und Schüttelfrost hat, die Reise muss unterbrochen werden. Auf den Rat eines Schaffners entscheidet sich Makovicky für Astapowo, da es dort neben dem Bahnhof ein Ambulatorium gibt. Als Tolstoi später vom dortigen Arzt befragt wurde und dieser beim Ausfüllen des Krankenblatts vor der Rubrik „Beruf“ stockte, riet Tolstoi ihm, „Passagier von Zug Nr.12“ einzutragen.

Bald kommen die Zeitungsreporter

Der „Titan“ wie die Zeitgenossen ihn nannten, hatte seine Berühmtheit unterschätzt. Überall, auf Bahnhöfen wie in Zügen, wird er erkannt, bald entdeckt das Reisegrüppchen in einer Zeitung die Sensationsmeldung „Tolstois Abreise“. Auch ein Geheimagent reist mit, wie Makovicky schreibt, verrät er sich dadurch, „dass er fast auf jeder Station ausstieg, sich gegenüber unserem Waggon hinstellte, auf unser Fenster starrte und mehrfach während der Reise in anderer Kleidung erschien“.

Am Morgen nach der Ankunft wird Osolin von der Presse telegrafisch um Auskunft bedrängt, bekommt sogar 100 Rubel überwiesen, die er ablehnt, als er erfährt, Tolstoi wünsche solche Publikationen nicht. Bald fällt in Astapowo eine Meute von Zeitungsreportern ein, sie umlagern das Holzhaus, auch „Operateure“ mit Filmkameras tauchen auf. Makovicky und Alexandra, ohnehin rund um die Uhr mit der Pflege des Kranken beschäftigt, müssen nun auch die Presse abweisen. Den Bahnhofsvorsteher sucht selbst der Ortsgendarm auszuhorchen, und nicht nur um die Unterbringung vieler Menschen hat sich Osolin zu kümmern, ihm untersteht auch der telegrafische Dienst: In den sieben Tagen bis Tolstois Tod werden 1500 Telegramme von Astapowo abgesandt.

Sofja kommt mit dem Sonderzug

Lew Tolstoi hatte trotz der Reisestrapazen die ganzen Tage weiter gearbeitet, er schrieb oder diktierte und ließ sich aus Zeitungen vorlesen. Vom 16. (3.) November stammt sein letzter eigenhändiger Tagebucheintrag. In der darauffolgenden Nacht diktiert er ebenfalls, aber das Fieber ist hoch, man versteht ihn nicht. Als er ungeduldig verlangt, man solle ihm das Diktierte vorlesen, greift Alexandra in ihrer Not zum „Lesekreis“ und liest daraus Tolstois Aphorismen vor – der Vater beruhigt sich.

Mit jedem Tag wächst um das Holzhaus der Trubel. Natürlich hat Sofja Andrejewna vom Aufenthaltsort ihres Ehemanns erfahren, und am 15.11. trifft sie mit Tochter Tatjana und zwei Söhnen per Sonderzug in Astapowo ein. Die Kinder können sie davon abhalten, zu Tolstoi vorzudringen, aber sie späht durch die Fenster, um wenigstens zu erkunden, in welchem Raum sich Tolstoi befindet. Erst eine Stunde vor dem Ende, als Tolstoi bereits im Koma liegt, darf sie zu ihm.

Der Todeskampf dauerte die ganze Nacht

Im Lauf des 19.11. ist Tolstoi nur noch zeitweise bei Bewusstsein, und in einem dieser Augenblicke sagt er zu den beiden Töchtern: „Bitte denkt daran, es gibt ungeheuer viele Menschen auf der Welt, aber ihr schaut nur auf Lew.“ Danach sind bloß Bruchstücke von seinem Gemurmel im Fieberwahn zu verstehen, Makovicky notiert: „Wie schwer ist es zu sterben“ oder „Lasst mich in Ruhe … Davonlaufen …“ Der Todeskampf dauert die ganze Nacht, erst am Morgen des 20. (7.) November ist er ausgestanden: Um 6 Uhr 5 hört Tolstois Herz zu schlagen auf.

Am nächsten Tag wird der Leichnam nach Jasnaja Poljana überführt und dort unter Anteilnahme einer tausendköpfigen Menge unweit des Hauses begraben.

Rosemarie Tietze ist Übersetzerin und? wurde einem breiteren Publikum durch ?ihre Neuübersetzung von "Anna Karenina" bekannt.