60. Geburtstag

Wie Niedecken zum "subversiven Element" wurde

Von der Rockmusik durchs Leben getragen: Wolfgang Niedecken hat sich zum 60. Geburtstag eine Autobiografie und ein neues BAP-Album geschenkt.

Er wird auf dem Rhein ein Schiff besteigen und sich feiern lassen. Eine Bordkapelle wird für kölsche Lieder sorgen, seine Söhne singen mit den Büdche Boys, die HipHop von den Beastie Boys ins Mundartliche übertragen. Wolfgang Niedecken wird 60 Jahre alt.

Ein Künstler, dem die Herkunft und die engere Heimat immer heilig waren, und ein Musiker, der unbeirrt der Macht des Rock’n’Roll vertraut. Als Kind habe er in der Rockmusik gebadet wie in Drachenblut, schreibt Niedecken in seinen Memoiren, die er sich zum Jubiläum gönnt.


„Für ’ne Moment“, das Buch, erklärt ausführlich, wie er wurde, was er ist und eigentlich schon immer war: der Sänger aus der Kölner Südstadt mit der unauffälligen Stimme und dem abseitigen Dialekt, der trotzdem überall ins Herz geschlossen wurde. Auch ein weiteres Album hat er eingespielt mit BAP, der 35 Jahre alten Band.

„Minge Nabel der Welt blieht dä Chlodwigplatz“, singt Niedecken in „Chlodwigplatz“, einer Art Reggae. Es gibt langsamere Rocksongs, die den 1. FC Köln beklagen und geschwinde Rocksongs über Menschen aus der Eifel. „Halv su wild“, dem Album, liegen wieder lautschriftliche Texte bei, mit Fußnoten für allzu unverständliche Vokabeln. Niemand musiziert verlässlicher als BAP und Wolfgang Niedecken.

Er spricht von Köln als Heimathafen, während er Berlin besucht und zwischen Frühstücksfernsehen und Radiointerviews im Restaurant ein Rührei mit Schafskäse verspeist. „Im Heimathafen bricht man auf, fährt in die Welt hinaus und geht wieder vor Anker, wenn es draußen stürmt“, sagt Niedecken.

Sein Haar wird störrischer und heller, aber immer noch trägt er es hinten lang und vorne kürzer. In den frühen Siebzigern hatte er Kunst in Köln studiert und es als Künstler in New York versucht. Er lernte Julian Schnabel kennen und verzierte eine Tür zum Atelier von Larry Rivers mit der Flagge des Vietcong. Am Vorabend des Punk reiste er wieder heim, stellte in Hamburg und Berlin aus, gründete BAP und bald darauf eine Familie.

Warum Musiker?

Er wurde Musiker. Warum? „Als Maler und Familienvater ist man korrumpierbar“, sagt er. „Kinder brauchen dies, sie brauchen das.“ Die Musikerkollegen nannten ihren Sänger Bapp, weil er so gern vom Bapp, dem eigenen Vater, redete, dem sparwütigen Lebensmittelhändler mit dem Leitspruch „Uss dämm Jung muss ens jet Besseres werde!“

Josef Niedecken starb 1980. Er hat es nicht mehr erleben dürfen, dass der Sohn seine Familien ernährt. In einer Branche, der ein alter Mann im Laden damals ratlos gegenüberstand.

Nun kommt der Junge in die Jahre und findet wie wärmsten Worte für die ersten 30 Jahre seines Lebens. In der zweiten Hälfte wird es eher prosaisch. Er beschreibt den Duft der Schokoladenwerke und den Heiligen Severin am Südstadttor, nach dem er später seinen Erstgeborenen benennen sollte.

Detailliert werden die ersten Beatles-Singles aus dem Kaufhof aufgelistet und die eigenen Bands, The Convicts und The Troop. Die Zuwendung zu den Rolling Stones, die erste eigene elektrische Gitarre für 282 DM und der Adelsschlag des Oberstudienrates Müller: „Niedecken, Sie sind ein subversives Element!“ Am Internat wird er von Pater L. missbraucht, das hat er bereits in „Domohls“ und „Nie met Algebra“ besungen und zuletzt im Fernsehen bei Maybrit Illner diskutiert.

Ein Jahrzehnt bildende Kunst

Zwischen der Beatmusik und BAP lag ein Jahrzehnt, das Niedecken mit bildender Kunst verbrachte und berühmten Künstlern. Plötzlich stand er in den späten Siebzigern wieder auf Straßenfesten und sang Lieder von Bob Dylan und den Rolling Stones auf Kölsch. Mehr Mühe machte er sich mit dem grafischen Entwurf des BAP-Logos, das er im Buch heute in allen Feinheiten erörtert.

BAP übten im Wiegehäuschen einer Kalkgrube in Hersel an der Autobahn, vom Zeitgeist unbeeindruckt. „Die Discowelle hatte Deutschland erreicht“, schreibt Niedecken. „Sozialarbeiter liebten uns.“ Das war die Dialektik, die aus BAP die maßgebliche Deutschrock-Band der Achtzigerjahre werden ließ.

Sie wirkten neben zackigen Elektropunks wie DAF und Pausenclowns wie Hubert Kah als Antithese einer Zeit, in der sich asymmetrische und gar keine Frisuren gegenseitig zu bedingen schienen. Wenn die einen farbenfrohe Sakkos trugen, strickten sich die anderen in formlose Pullover ein.

Die einen gingen tanzen und die anderen nach Wackersdorf, wo BAP gegen Atomlager und Wellenreiter sangen. „Alles passierte 1982“, wundert Wolfgang Niedecken sich heute noch: „Wir spielten vor den Stones im Müngersdorfer Stadion, auf der Lorelei, in der Westfalenhalle und vor 400.000 Leuten im Bonner Hofgarten gegen den Nato-Doppelbeschluss.“

"Verdamp lang her“

Ihr großer Hit „Verdamp lang her“ habe die Bühnen wachsen und die Deutschen rasen lassen. Nicht wegen des Textes, einem Zwiegespräch mit dem verstorbenen Vater über 1968 und die Folgen. Kaum wegen des albernen Refrains, den Niedecken beim Frühstück 29 Jahren später resignierend vor sich hin singt. Sondern weil sich die Gitarre kühn an der Musik von The Police versucht habe, wie er verrät. An volkstümlicher New Wave, jedenfalls vorübergehend.

Niedecken glaubt nicht mehr unbedingt daran, dass Rockmusik auch Nachgeborene durchs Leben trägt wie ihn. Aber er glaubt fest an den Nutzwert eines engagierten Songs und an die Macht von Rockstars wie Bob Geldof. 1985 hat er „Nackt im Wind“ verfasst, den deutschen Beitrag für Bob Geldofs „Band Aid“, um den Hunger Afrikas zu lindern.

„Aber es ist ja nicht so, dass ich den ‚Spiegel‘ lese und meine Empörung anschließend in Liedern niederschreibe“, sagt er. Für „Halv su wild“ war ein Protestlied gegen den Niveauverfall der Massenmedien geplant, um sie an ihren Bildungsauftrag zu erinnern. Es war bereits fertig. Aber Niedecken sah schon die offenen Türen vor sich und die Zuhörer darin, die er schon häufiger mit solchen Einwänden behellig hatte: „Die Chefkompetenz liegt immer noch bei meinen Nackenhaaren, und die sagten deutlich: Lass es!“

Das sozialkritische Stück wurde ersetzt, an seiner Stelle steht das Stimmungslied „Karl-Heinz“. Das Album hat er illustriert mit folkloristischen Gemälden, die in heiterer Weise aus dem Alltag Afrikas berichten. Über Menschen, denen nur die Wahl bleibt zwischen Krokodil und Löwe, ohne sich davon beunruhigen zu lassen. Niedecken war selbst in Flüchtlingslagern zu Besuch. Als ihn Horst Köhler nach Nigeria mitnahm, sang er dort „The Times They Are A-Changin’“ von Bob Dylan im Original.

Wer in seinen Erinnerungen liest, wer seinem Spätwerk und ihm selbst zuhört, begegnet einem Musiker und Künstler, der in größtmöglicher Milde in die Welt blickt. Aus der eigenen Welt hinaus. Da wohnt Bruce Springsteen bei den Bläck Fööss und Keith Richards neben Heinrich Böll, Ray Davies neben Joseph Beuys, Wim Wenders neben Trude Herr und Julian Schnabel neben Willy Millowitsch. Sogar den Karneval hat Wolfgang Niedecken gelernt zu lieben. „Ich verstehe meinen Stamm mit zunehmendem Alter besser“, sagt er.

Seiner Rockmusik sieht er beim ewigen Leben und der Muttersprooch beim Sterben zu. Er freut sich, wenn die Söhne ihm ein Ständchen bringen mit den Büdche Boys in künstlich klingendem Kölsch: „Das ist schon rührend.“

BAP „Halv su wild“ (Capitol/EMI)

Wolfgang Niedecken mit Oliver Kobold: Für ’ne Moment. Autobiographie. Hoffmann & Campe, 527 S., 24 €