Hitlers Lieblingsoper

In Wagners "Tiefland" werden Stoffwesen penetriert

Katharina Wagner wagt bei ihrer Deutung von Eugen d'Alberts Oper "Tiefland" einige Provokationen.

Foto: Martina Pipprich | 55116 Mainz / Martina Pipprich | 55116 Mainz/Martina Pipprich

Wenn man die Claqueure aus der letzten Reihe ernst nimmt, dann gab es am Mainzer Staatstheater gerade die Aufführung der Saison. Derart aggressive Jubelbrüller hört man selten. Das Akklamierte freilich wird durch ein paar emphatische Einzelkämpfer nicht unbedingt besser.

In ihrer Inszenierung der nicht nur rezeptionsgeschichtlich problematischen Oper "Tiefland" (es war eines der Lieblingswerke Adolf Hitlers, Leni Riefenstahl drehte eine Filmversion und setzte dafür Zwangsarbeiter als Komparsen ein) unternimmt Katharina Wagner nicht den erwartbaren Versuch einer Dekonstruktion, tatsächlich hält sie sich recht konkret an die Vorlage.

Eugen d'Albert und sein Librettist Rudolph Lothar schufen eine eigenwillige Mischung aus Protoromantik, Zivilisationskritik und Liebesmystik. Pedro, ein junger Hirte, lebt in völliger Symbiose mit der Natur auf einer abgelegenen Alm, als er vom bösartigen Herrscher Sebastiano ins Dorf geholt wird. Dort soll er Sebastianos Geliebte Marta heiraten, damit der bankrotte Potentat eine Geldadel-Ehe eingehen kann. Bevor Sebastiano schlussendlich von Pedro im Affekt getötet wird, durchlebt das junge Paar eine Reihe emotionaler und auch handfester Konflikte.

Katharina Wagner reichert das bisweilen zu pompösem Gefühlskitsch neigende Stück mit teils interessanten, teils etwas seltsamen Bildideen an. Pedro ist hier nicht mit der Natur verwachsen, er lebt in einem Zelt und beschäftigt sich offenbar ausschließlich mit Stofftieren.

Bald gerät seine kleine Welt ins Wanken, denn Sebastiano begrabscht ihn durch die leicht strumpfhaft wirkende Zeltwand und lockt mit allerlei Versprechungen. Ein Übriges tun vom Bühnenhimmel herabschaukelnde Damen.

Zauberer in Gestapokluft

In der Ebene angekommen, treten selbige als Martas Peinigungschor auf, während sich Pedro in einem abgewrackten Vergnügungspark aus der Mitte des letzten Jahrhunderts wieder findet. Sebastiano erscheint als böser Zauberer in Gestapokluft, später trägt er einen König-Ludwig-Mantel.

Der Dorfälteste (glänzend gesungen von Hans-Otto Weiß) mischt sich ab und an ins Geschehen ein, er wohnt in einer bunt bemalten Mülltonne. Auch sonst geht es farbenfroh zu, ein blaues Nilpferd blickt in den Orchestergraben und wird vom entzückenden Bauernmädchen Nuri (exzellent Tatjana Charalgina) eifrig gestreichelt.

Eine Marta-Puppe dient als Zielscheibe für Messerwerfereien, herumliegende Stoffwesen werden penetriert, ein Kind radelt durch die Gegend. Sebastiano trägt vorübergehend Klerustracht und lässt sein ohnehin stark verwirrtes Liebesobjekt in einer großen Tasse mit bemalten Kreuzen Karussell fahren.

Das alles ist manchmal schön anzuschauen, manchmal unfreiwillig komisch, dann wieder sehr nervend, denn Katharina Wagners Hang zu Wiederholungen kleinteiliger szenischer Aktionen bricht sich auch hier Bahn. Außerdem gibt es eine regelrechte Autismus-Choreographie, fast alle Protagonisten haben massive seelische und psychomotorische Störungen, sie zucken, zittern, trippeln.

Wenn aber irgendwie jeder irgendwo irre ist, dann gibt es kaum Entwicklungsmöglichkeiten der Figuren. Sebastiano bleibt der einzige Normale, er verkörpert das reine, banale Böse, wobei er mit einer Handbewegung - manchmal - Personen beeinflussen kann.

Vor einem Jahr inszenierte Wagner Puccinis "Madame Butterfly" in Mainz und der Vermittler Goro war bei ihr solch ein sinistrer Spielführer, dass den anderen Mitspielern ebenfalls einiges an Spielraum fehlte.

Und es gibt weitere Ähnlichkeiten, die Butterfly war ein weitgehend unerotisches Dämchen, Marta trägt biederste Klamotten und wirre rote Haare, abtörnender geht's wirklich nicht. Nur andeutungsweise erlebt man Martas allmähliche Reifung, dabei muss sie früher erlittenes Leid in Form von Albträumen abarbeiten.

Auch Pedro reift ein wenig, indem er etwa aus Versehen einen Menschen erschießt und so seine vermeintlich natürliche Unschuld verliert. Am Ende verlässt das Paar den unvergnüglichen Ort und will wieder hinauf in die Berge, doch Pedros Zelt geht in Flammen auf.

Recht feurig ist es auch im Orchestergraben, Catherine Rückwardt peitscht das Mainzer Opernorchester durch d'Alberts mit Wagner, Puccini und Filmmusik hochgerüsteten Tonsatz, grob und laut klingt das, in der Bilanz eher unschön. Heikki Kilpeläinen singt den Sebastiano angemessen rau, gerät allerdings zeitweise etwas ins Schlingern. Sonja Mühlecks Marta fehlt es vokal leider an Farbigkeit und auch Alexander Spemanns Pedro enttäuscht: blass ist die Mittellage, hohl tönen die Höhen.