Neue CD

Warum sich Duffy betrinken möchte

Sängerin Duffy spricht mit Morgenpost Online über traurige Lieder, ihren Hang zur Romantik und warum sie Dusty Springfield verehrt.

Ein Herbstnachmittag in Berlin. Die Sonne geht neben der Gedächtniskirche unter. Die Sängerin Duffy, 26, blickt aus dem Fenster und schwärmt. Immer, wenn sie etwas betonen möchte, fängt sie an, mit langgezogenen Vokalen zu flüstern. Die Waliserin trägt schwarz glänzende High Heels mit roter Sohle, die blonden Haare auf dem Hinterkopf sind aufgetürmt. Dann nimmt sie im Schneidersitz auf dem Sofa Platz, natürlich ohne die Schuhe auszuziehen und sagt: „Ein wunderschöner Ausblick, nicht wahr? Sieht fast aus wie im Central Park. Das ist der Tiergarten, richtig?“

Morgenpost Online: Richtig. Rufus Wainwright hat einen Song über den Tiergarten gesungen.

Duffy: Oh, dann ist er ja geradezu berühmt. Ich denke, irgendwann einmal werde ich nach Berlin ziehen. Ich liebe die alten Häuser, ich liebe all die Graffiti an den Wänden. Ich war viel im Osten der Stadt unterwegs, dort habe ich den ganzen Charme der Stadt gesehen. Einmal gab ich Interviews in der Nähe der Mauer und da war dieser Journalist, den ich bat, mir mal etwas von ihm zu erzählen, denn ich hatte an dem Tag bestimmt schon mit dreißig Leuten über mich gesprochen. Und er erzählte mir von seiner Frau, die auf der anderen Seite der Mauer gelebt hatte und die er dann doch heiratete. Können Sie sich das vorstellen?

Morgenpost Online: Eine Geschichte wie aus einem Film.

Duffy: Oh ja. Diese verschiedenen Realitäten. Wie auch immer. Wollen wir loslegen?

Morgenpost Online: Gerne. Können Sie den Stil Ihres neuen Albums in wenigen Worten erklären?

Duffy: Ich kann Ihnen meine Intention erklären. Bei dem Stil bin ich mir nicht so sicher.

Morgenpost Online: Noch besser.

Duffy: Ich wollte einen frischen und klaren Sound – das ist eine Wissenschaft, keine Kunst: Wo steht das Mikrofon am besten, damit man alle Instrumente hört, damit es pur klingt und einen besonderen Glanz bekommt? Und ich wollte die Leute zum Tanzen bringen. Auch das ist eine Wissenschaft.

Morgenpost Online: Dabei sind Sie eigentlich gar nicht für die Disco-Nummern bekannt.

Duffy: Ja, bisher hörten die Leute meine Musik, wenn sie traurig waren. Auf Beerdigungen etwa. Aber das war mir nicht genug. Ich möchte auch Samstagnacht gehört werden, oder wenn Freunde bei offenem Fenster mit dem Auto umher fahren und Spaß haben.

Morgenpost Online: Warum das?

Duffy: Menschen erinnern sich doch vor allem an die guten Zeiten, nicht an die schlechten. Und ich möchte, dass Menschen auch in schweren Zeiten tanzen und sie so zum Guten wenden.

Morgenpost Online: Braucht man, um Leute zum Tanzen zu bringen, tatsächlich eine elfköpfige Band?

Duffy: Sie haben Recht, wir müssen ganz schön quetschen, damit wir alle auf die Bühne passen. Aber es war immer mein Traum, ein Orchester mit Streichinstrumenten dabei zu haben. Als ich das erste Mal ein Konzert mit Streichinstrumenten sah, fing ich an zu weinen. Und gleichzeitig sind auch paar echte Rockmusiker in der Band, die den Lifestyle hoch halten und mit den Groupies ins Bett gehen. Das macht das Orchester sicher nicht.

Morgenpost Online: Die erste Singleauskopplung ist eine Zusammenarbeit mit der HipHop-Band The Roots.

Duffy: Ja, dabei habe ich „Well, Well, Well“ mit Albert Hammond geschrieben, der ja seine Hochphase in den frühen Siebzigern hatte. Eines Nachmittags rief er mich an und erzählte mir von dieser fantastischen Liveband, die er im US-Fernsehen gesehen hatte. Ich sagte nur: „Albert, ich liebe dich, aber du bist 66, ich habe keine Ahnung wie gut dein Geschmack ist, was aktuelle Bands betrifft.“ Dann sagte er den Namen der Band. Mit ihnen zu spielen war seit vielen Jahren mein Traum.

Morgenpost Online: Eine der besten Livebands, oder?

Duffy: Unglaublich gut. Leider habe ich die Chance verpasst, mit ihnen live in New York zu spielen. Sie haben mich vor kurzem eingeladen. Genauso wie Erykah Badu und Mary J. Blige.

Morgenpost Online: Nicht schlecht.

Duffy: Ich weiß. Ich hätte fliegen sollen, aber ich hatte einen Fernsehauftritt an dem Tag. Auf jeden Fall hatten Albert und ich diesen gleichen Gedanken. Das war ein Zeichen.

Morgenpost Online: Wie suchen Sie die Menschen aus, mit denen Sie arbeiten?

Duffy: Instinkt. Jeder, mit dem ich gearbeitet habe, war exzellent und hatte diese Traurigkeit und Unsicherheit in sich. Aber der beste Weg Entscheidungen zu treffen, ist zu schauen, ob du nach einer Woche noch dieselbe Meinung hast.

Morgenpost Online: Wie fühlt es sich an, gegen Stars wie Amy Winehouse, Rihanna oder Lady Gaga ankommen zu müssen?

Duffy: Darüber mache ich mir keine Gedanken. Es ist genug Platz für alle da. Das wichtige ist doch nicht das heute, sondern ob meine Musik nach meinem Tod weiter existiert.

Morgenpost Online: Sie ziehen es also nicht einmal in Erwägung, volltrunken aus einem Club zu torkeln oder halbnackt für ein Magazincover zu posieren?

Duffy: Ach, nehmen wir Josephine Baker, sie hatte die Bekanntheit von Madonna, aber reden wir heute noch über sie, ihre Dramen, ihre Kleider? Nein, wir reden über Edith Piaf oder Marvin Gaye. Es gab sicher viele, die sexy, schwarze Musik machen wollten. Aber er war der einzige, der es konnte. Vielleicht gab es damals mehr Aufsehen um andere Künstler, aber es ist die Musik, die bleibt.

Morgenpost Online: Sie kümmert nur die Musik?

Duffy: Ich bin zu beschäftigt, mich um irgendwas anderes zu kümmern. Ich würde liebend gern in einen Club gehen und mich total betrinken. Ich bin 26, ich hätte es verdient! Ich würde gern ein wildes Leben führen. Aber ich habe keine Zeit dafür.

Morgenpost Online: Vielleicht sind Sie zu konservativ?

Duffy: Vielleicht. Ich bin ein Kontrollfreak, ich mag es nicht mich ungeschützt zu fühlen.

Morgenpost Online: Warum mögen Sie eigentlich diese etwas altmodische Musik?

Duffy: Ich bin eine Romantikerin. Ich mag Dinge, die mich bereichern. Wenn ich einen Film sehe, ist es „Cinema Paradiso“, wenn ich esse, ist es Chateaubriand, wenn ich Wein trinke, ist er exquisit.

Morgenpost Online: Das ist nicht unbedingt typisch für Menschen in Ihrem Alter.

Duffy: Aber ich mache doch all das für mich. Ich habe keine Probleme mit mir und brauche niemanden der mir erzählt, wie toll ich bin. Deswegen kann ich mir auch das Risiko erlauben, einen Song wie „Endlessly“ zu schreiben, der es wahrscheinlich nie ins Radio schaffen wird. Aber das ist mir egal. Ich vertraue mir und meinem Geschmack. Ich bin kritisch und arbeite eben so lange, bis es mir gefällt. Auch wenn meine Freunde mich warnen. Oft endet so etwas tragisch. Wie bei Dusty Springfield. Sie war so wählerisch und streng, dass sie sich selbst und ihr Werk nahezu zerstört hat.

Morgenpost Online: Warum sind Sie so fasziniert von Dusty Springfield?

Duffy: Sie ist Britin, so wie ich. Das erste Mal als wir miteinander verglichen wurden, war ich noch etwas verwundert. So wie heute, als jemand zu mir sagte, ich sähe aus wie Angelina Jolie. Das ist doch sehr merkwürdig.

Morgenpost Online: Jetzt, wo Sie es sagen …

Duffy: Aber es ist doch mein Gesicht. Früher verglich man noch die Musik, jetzt sind wir bei Körperteilen.

Morgenpost Online: Aber mit Dusty Springfield ist es etwas anderes?

Duffy: Ja, denn die Verbindung wurde Wirklichkeit. Ich lernte einige ihrer Freunde kennen, sie schenkten mir Sachen von ihr. Ich habe einen Ring von ihr und ein chinesisches Teeservice.

Morgenpost Online: Trinken Sie daraus Ihren Tee?

Duffy: Nein, ich warte damit noch bis ich ein Haus habe, in dem ich mich wirklich zu Hause fühle. Sie hat das Service eingepackt, bevor sie starb. Sie hatte ja diese Zwangsneurose. Oh, und dann habe ich eine ihrer Perücken bekommen. Ich war in dem Haus, in dem sie starb. Irgendwie ein wenig bizarr.

Morgenpost Online: Und war Ihnen das nicht ein bisschen zu viel?

Duffy: Ja, das war es. Einmal fragten ihre Freunde mich, welches Parfüm ich benutze, und ich sagte: „Chanel No 5“. Genauso wie Dusty. Gruselig, oder? Sie schenkten mir dann eine ihrer kleinen Flaschen. Sie steht auf meinem Schminktisch. Ich liebe Dusty, nicht nur weil ich ihre Musik verehre. Es gibt einfach eine spezielle Verbindung zwischen uns.

Morgenpost Online: Vielleicht wie ein guter Geist, der ein wenig auf Sie Acht gibt?

Duffy: Oh ja. Schauen Sie, da bekomme ich eine Gänsehaut.

Duffy: „Endlessly“ erscheint am 26. November bei Universal.