Popliteratur

Bob Dylan weiß, wie man zum Mythos wird

Von Beckett bis Poe: "Die Wortkrake Dylan hat ihre zehn Schreibmaschinenfinger in allen Wörterseen", schreibt Klaus Theweleit.

Bob Dylan ist vor allem eine Männerfantasie. Ein unermüdlich musizierender Geschlechtsgenosse, der im Mai 2011 zwar 70 Jahre alt wird, aber bereits zu Lebzeiten so zeitlos wirkt, dass seine Lieder mehr sein müssen als profane Popsongs. An Bob-Dylan-Büchern herrscht kein Mangel. Es fing in den 60er-Jahren an, als er noch jung war und die Gleichaltrigen an den Universitäten seine Stücke untersuchten, um die Schwärmerei zu akademisieren.

Es hörte nie wieder auf: Während der Sänger sich als fahrender Musikant begreift, brüten die Dylanologen unbeirrt über dem Werk. Nun hat Klaus Theweleit die Sekundärliteratur gesichtet und ein Lesebuch zusammengestellt. In Hinblick auf das nahe Jubiläum seines Helden und im Hoffen auf den Literatur-Nobelpreis, für den Dylan jährlich auf der Backlist steht.

Im Vorwort formuliert der Freiburger Gelehrte eine Art Empfehlungsschreiben an die Schwedische Akademie. Der Song „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ aus dem Frühjahr 1965 wird von Theweleit seziert, und aus den Versen tauchen Edgar Allen Poe und Samuel Beckett auf. Der Liedermacher, heißt es, führe Dylan Thomas’ Erbe fort. Die Zeile „Darkness at the break of noon“ trage den Hörer bis zu Arthur Koestler und zu dessen „Sonnenfinsternis“, im Englischen „Darkness At Noon“.

Wie Koestler sich damit von allen Utopien abwandte, habe Dylan sich dem Folk entwunden. Eine singende Leseratte: „Es war keineswegs so, dass dieser smarte lockige Jüngling auf den Plattencovern, nicht mal ein Jahr älter als man selber, seine Songzeilen einfach aus den eigenen Gehirnwindungen klaubte. Er hatte wie wild gelesen. Die Wortkrake Dylan hat ihre zehn Schreibmaschinenfinger in allen Wörterseen“, huldigt der Herausgeber.

Rock als Kunstform für Erwachsene

Das liest man gern. Dylan selbst hat sich, von Schwächephasen abgesehen, stets um Originalität bemüht. Von seinen Exegeten sollte man das ebenfalls erwarten dürfen. Theweleit: „Nichts muss richtig sein, aber alles muss stimmen“. Diedrich Diederichsen lobt den Erfinder des Musikclips und des Doppelalbums. Bei Greil Marcus wird der Künstler als historische Figur gewürdigt. Don DeLillos Interview des Sängers Bucky Wunderlick aus dem Roman „Great Jones Street“ lockert die Lektüre auf; es geht um einen Musiker, der weiß, wie man zum Mythos wird. Es geht um Dylan als jüdischen Indianer und als weißen Schwarzen. Hunter S. Thompson zweifelt am Sinngehalt des Liedguts. Schließlich steht der Satz von Konrad Heidkamp da: „Dylan hat die Rockmusik in eine Kunstform für Erwachsene verwandelt.“ Für ein Altern in Würde.

Der Nobelpreis fehlt noch. Seit der Dichtermusiker als Kandidat gehandelt wird, geht allerdings die Angst vor einer Dankesrede um wie 1963 beim Tom-Paine-Award. Der Preis war Dylan für seine Verdienste um die Bürgerrechtsbewegung zugesprochen worden. Sturzbetrunken hatte er sich mit der Offenbarung revanchiert, dass er sich manchmal fühle wie der Mörder John F. Kennedys.

Theweleit interpretiert den Auftritt keineswegs als alkoholbedingten Unfall. Er sieht einen Frühvollendeten, der sich bewusst dafür entscheidet, sich von niemandem vereinnahmen zu lassen. Auch nicht von der bürgerlichen Linken. Preise nimmt er dabei aber gern entgegen. Heinrich Detering bestärkt das Komitee in Stockholm schließlich, indem er in Dylans Liedern T.S. Eliot und F. Scott Fitzgerald aufspürt, Ovid und Mark Twain, Charles Dickens, viele andere Dichter sowie die komplette Bibel.

Und die Frauen? In Klaus Theweleit besaßen Frauen immer einen engagierten Anwalt. In den „Männerfantasien“ und im „Buch der Könige“, wo es um Körperpanzer ging und um die Unterwerfung durch den Mann. Hier wird Dylan nun zu Orpheus und die Frauen zu dessen Musen. Er wird zum „Konzeptmann“, der die Kinder und die Enkel aus verschiedenen Lebensabschnitten besucht, sobald er in der Nähe ist. Zwei Frauen schreiben sogar über ihn: Der junge Dylan wird aus erster Hand von Suze Rotolo vorgestellt, der ersten festen Freundin aus seiner New Yorker Lehrzeit; damals kam sie sich wie „eine Saite auf seiner Gitarre“ vor.

Elke Heidenreich erzählt in „Karl, Bob Dylan und ich“ von einer desillusionierten Frau, die sich mit einem ihrer zahlreichen Verflossenen vor dem Fernseher aussöhnt. Das Konzert zu Dylans 50. wird übertragen, und als er „It’s Alright, Ma (I’m Only Bleeding)“ krächzt, verliebt der Mann sich wieder in die Frau. In ihrer Fantasie.

Klaus Theweleit (Hg.): How Does It Feel. Das Bob-Dylan-Lesebuch. Rowohlt, Berlin. 304 S., 19,95 €.