Trotz Orchester-Krise

Thielemann fönt die Japaner mit Wagner um

Es ist die letzte Tournee der Münchner Philharmoniker mit ihrem Noch-Chefdirigenten Christian Thielemann. Das Verhältnis zwischen ihm und den Musikern ist zerrüttet. Im letzten Jahr wütete ein Machtkampf, 2012 wechselt Thielemann nach Dresden. Den Japanern ist das egal. Sie lieben deutsche Orchester.

Die kleine Japanerin schürzt die Lippen, als wollte sie „Wow“ sagen, oder „what“ oder „wonderful“. Aber dann macht sie ihren Mund weit auf zu einem langen „A“, dann kommt ein „G“, und dann sieht man, was sie sagen will. Man hört es nicht, man kann es auf ihren Lippen lesen, obwohl sie am Ende des Saals sitzt, im Rücken des Orchesters, in der dritten Reihe.

Gerade sind die ersten Töne der Zugabe erklungen, Richard Wagners "Tannhäuser"-Ouvertüre, dieser weiche, traurige, feierliche Beginn der Hörner, Fagotte und Klarinetten. Die kleine Japanerin hat das Stück nach drei Tönen erkannt, und sie flüstert es ihrer Nachbarin zu. W-A-G-N-E-R. Deshalb sind sie hier.

Symphony Hall in Osaka, die Münchner Philharmoniker geben das Auftaktkonzert ihrer diesjährigen Asientournee: ein Tross von 125 Musikern und Betreuern ist zehn Tage lang unterwegs, die übrigen vier Konzerte sind in Nagoya, Fukuoka, Yokohama und Tokio. Deutsche Orchester verkaufen sich nach wie vor bestens in Asien, und das gilt für diese Tour, die bereits im Oktober ausgebucht war, ganz besonders. Denn deutscher geht es kaum.

Auf den mit asiatischen Schriftzeichen übersäten Plakaten stehen nur die Worte „Münchner Philharmoniker“ und „Christian Thielemann“ in lateinischen Buchstaben. Auf dem Programm des Eröffnungskonzertes stehen Beethovens Fünfte und das Violinkonzert von Johannes Brahms.

Serviert von einem deutschen Spitzenorchester und dem international derzeit populärsten deutschen Dirigenten, der zu allem Überfluss auch noch W-A-G-N-E-R-Spezialist ist. Deshalb wird natürlich auch Wagner gespielt. Thielemann eröffnet das Konzert mit der "Meistersinger"-Ouvertüre und beendet es mit "Tannhäuser".

Die 1400 Besucher sind begeistert. Das wollten sie hören. Die Münchner sind, wie die meisten deutschen Orchester und wie zuletzt der Münchner Konkurrent, das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, schon oft in Japan gewesen. Aber diesmal ist es eine besondere Situation.

Es ist die letzte große Tournee mit ihrem Noch-Chefdirigenten, der 2012 nach Dresden zur Staatskapelle wechseln wird. Das Verhältnis zwischen ihm und den Musikern ist völlig zerrüttet, nach einem beispiellosen Machtkampf im vergangenen Jahr. Thielemann wollte mehr Befugnisse als Chef, er forderte unter anderem Mitsprache bei der Programmauswahl der Gastdirigenten.

Teile des Orchester wehrten sich. Beide Seiten beschimpften sich öffentlich, bezichtigten sich der Lüge und Intrige, das Müchner Publikum buhte sein Orchester auf offener Bühne aus. Am Ende des wochenlangen Gezerres, an dem sich auch die Stadt München beteiligte, wollten beide Seiten die Trennung. Für immer.

Gleichzeitig sind die Konzerte in Japan die ersten Wagner-Abende von Christian Thielemann nach dem Tod Wolfgang Wagners, dem er nach eigener Aussagen nahe stand wie ein Sohn seinem Vater. Bei der Generalprobe hat er eine Gedenkminute mit seinem Orchester gehalten.

Und gestern Abend japanischer Ortszeit, noch während des Auftaktkonzerts, kam eine Nachricht aus der Heimat: Lorin Maazel wird definitiv Nachfolger von Thielemann in München.

Die Musiker können sich ab sofort auf einen neuen Chef einstellen, den sie schon in mehreren Konzerten selbst erlebt haben und der zur Weltelite zählt, der aber auch schon sehr alt ist, sehr teuer sein wird und kaum weniger als Diva verschrieen ist als Thielemann.

Es ist derzeit ganz schön was los im Orchester. Das Publikum in Osaka bekommt davon allerdings nichts mit. Die Philharmoniker mögen turbulente Zeiten hinter sich haben. Aber auf der Bühne sieht man die Wunden nicht.

Man ahnt eher, warum das überhaupt so lange als Liebesheirat und ideale Verbindung galt, diese Beziehung zwischen Münchnern und Thielemann: Die Münchner haben den richtigen strahlenden Klang fürs romantischen Repertoire, der ihnen noch vom Über-Guru Sergiu Celibidache antrainiert wurde.

Das kommt Thielemanns Vorlieben entgegen, er interessiert sich vor allem für Bruckner, Brahms, Beethoven – und eben Wagner. Die beiden Ouvertüren sind deshalb auch die Höhepunkte des Abends: Die „Meistersinger“ gelingen so transparent, dass man ständig neue Mittelstimmen und Nebenfiguren hört, die sonst meist verdeckt sind.

Die "Tannhäuser"-Ouvertüre hat Kraft und Größe, Thielemann mag es laut an den Höhepunkten, das prächtige Blech der Philharmoniker kann mühelos immer weiter steigern, die Zuhörer werden zum Schluss umgefönt. Und lächeln dabei. Beim Hauptwerk des Abends, Beethovens Fünfter, baut Thielemann mit hohem Tempo und Lautstärkeunterschieden Spannung auf.

Je leiser und langsamer es wird, desto besser gelingt das, desto mehr können Streicher und die makellosen Holzbläser zaubern (wie im zweiten Satz). Je lauter und schneller es wird, desto gehetzter und undeutlicher klingt das Ergebnis.


Spektakel statt Kontrolle. Dazu passt die Brahms-Interpretation von Geiger Vadim Repin. Seine wilden Läufe und Akkorde sind wirkungsvoll, aber riskant und fehleranfällig. Das Publikum Osaka jubelt trotzdem, oder gerade deswegen.

Beim Schlussapplaus dann herzliches Händeschütteln zwischen Dirigent und Stimmführern, demonstratives Lachen, demonstrative Scherze. Wer weiß schon, wer in der Hosentasche die Faust geballt hat. Aber auf der Bühne hat Harmonie zu herrschen. Man ist Profi.

Die Leute rufen "Bravo!", viele stehen auf. Nachher kommen vielleicht dreißig Japaner zum Künstlerausgang und warten auf Thielemann. Als er herauskommt, die grüne Jacke über die Schultern gelegt, soll er auf seinen CDs und DVDs unterschreiben, "Parsifal", "Der Ring des Nibelungen","Tristan". W-A-G-N-E-R eben.

Eine junge Japanerin im Oberstufenalter hat trotz Regen ihren Mantel geöffnet, um den Blick auf ihr auffälliges Dekolletee freizugeben. Sie erzählt Thielemann in flüssigem Deutsch, sie habe ihn schon in Bayreuth gehört. „Die Götterdämmerung, es war wunderbar!“ – „Ah ja. Schön.“ Dann geht er essen. Das Orchester fährt in ein anderes Restaurant.