Germany's Next Topmodel

Die betonlächelnde Heidi quält ihre "Chicas"

Von den Teilnehmerinnen der Model-Casting-Show wird ständig Authentizität verlangt. Doch nichts wird dort mehr verdrängt als die Lebenswirklichkeit.

Kaum auf dem verregneten Flughafen in Los Angeles angekommen, muss das gute Dutzend der verbliebenen Mädchen auch gleich die erste "Walking Challenge" absolvieren: Mit High Heels sollen sie über die Tragfläche stolzieren. Die Einblendung unter der Teilnehmerin Isabelle verrät, dass sie Germanistik und Latein studiert - in dieser Situation erscheint das eher wie ein Makel.

Heidi Klum und ihre beiden Sidekicks, der Creative Director Thomas Hayo und Designer Thomas Rath, thronen wie ein Trio Infernale auf einer Hebebühne vor den auf der nassen Tragfläche zitternden Mädchen. Schon nach diesem ersten Stress-Test muss eine Kandidatin den Rückflug antreten: Für Christien steht kein Koffer zum Weiterreisen bereit.

Thomas Rath begrüßt die teilweise minderjährigen Mädchen nach der ersten Stufe der Demütigung mit einem kräftigen "Hallo Güüürls". Als er merkt, dass eine der Teilnehmerinnen mit den Nerven jetzt schon am Ende ist, setzt er zum Angriff an: "Ach guck mal, sie will schon wieder weinen", summt er. Und schon kullern die Tränen über die Wangen.

Es wird oft behauptet, dass die Zickereien der Kandidaten bei einer Sendung wie Germany's Next Topmodel "gescriptet", also geplant seien. Doch das ist ein Irrtum. Wer einmal mit einer Gruppe 16-jähriger Mädchen auf Klassenfahrt war, der weiß genau, dass sie auch ohne Drehbuch und Fernsehkameras zu östrogengesteuerten Furien werden können. Doch selten wird dies so schamlos von Erwachsenen ausgenutzt und künstlich verstärkt wie hier.

Unter dem Schlachtruf "Unsere Chicas werden heute gegrillt!" und dem ständigem Einsatz ballernder Kirmes-Techno-Beschallung geht es auch schon zum ersten Fotoshooting. In einem faradayschen Käfig werden die Mädchen genötigt, hysterisch zu lachen während sich ihnen ein gewisser "Dr. Megavolt" mit Lichtblitzen von 200.000 Volt nähert. „Jetzt wird geshootet" – so nennt Heidi Klum das ohne den geringsten Anflug von Ironie.

Überhaupt, die Sprache: Natürlich ist ein Modellwettbewerb kein Pro-Seminar für Linguistik, aber doch erreicht die Verarmung der Sprache hier ein neues Niveau. Gesucht wird bei den Mädchen ein "Exotic Look", gefordert werden mehr "Attitude" oder "Fire", verbunden mit der gleichzeitigen Warnung ja "authentisch" zu sein.

Doch mit der Authentizität ist es nicht weit her, denn was die Lebenswelt der Teilnehmerinnen vor der Show ausgemacht hat wird fast wie in einem Militärcamp völlig ausgeblendet. Folgerichtig müssen sie auch wieder ihre Handys und damit die Verbindung zu ihrem alten Leben aufgeben.

Zudem wird ständig von Heidi Klum und ihrer Entourage darauf hingewiesen, dass die Mädchen ja nun keine zwölf Jahre alt mehr seien und sich erwachsen und professionell zu verhalten hätten. Doch nichts erscheint hier infantiler als die Sprache und der Gestus der Juroren.

Bei einem Casting für eine Kaubonbon-Firma kommt es dann auch zum Eklat, weil Kandidatin Annalena vergessen hatte, das ergatterte Autogramm eines Popstars aus ihrer Modell-Mappe zu entfernen, das sie dort zum Glätten verstaut hatte. Entsetzt fragt Creative Director Thomas Hayo neben den Kunden sitzend: "Du hast ein Autogramm in deinem Buch ?"

Dies scheint der schlimmste Fauxpas zu sein. Schon ist das Casting für sie vorbei. Das war dann wohl doch etwas zuviel Authentizität.

Was sonst zwischen "Challenge Walk", "Shooting" und "Skyheel-Training" abläuft, ist der ständig forcierte Zickenkrieg junger Frauen, die sich unfreiwillig zusammengewürfelt in einer extremen Konkurrenzsituation befinden.

Es mag naiv wirken hier auch eine moralische Verantwortung des Senders einzufordern, aber doch muss die Frage gestattet sein inwieweit es Redaktionen erlaubt ist, Minderjährige in derartige Stress- und Ausnahmesituationen zu treiben, die sie selbst nicht mehr im Geringsten kontrollieren können, geschweige denn das Bild, das in den Zusammenschnitten und den zynischen Off-Kommentaren über sie vermittelt wird.

Als eines der Mädchen unter dem ständigen Druck der Kameras das "Camp" verlassen will, eilt Thomas Rath, der sich wahrscheinlich als die gute Seele des Teams begreift, in das Hotelzimmer der Kandidatinnen. "Ich glaub' nicht, dass mich "Topmodels" so weiterbringt", sagt Joana.

Damit schätzt sie ihre Situation wohl halbwegs realistisch ein. "Aber es ist eine Referenz mit Heidi Klum zu arbeiten", entgegnet ihr der Juror. Es ist auch eine Referenz mit Diether Bohlen zusammenzuarbeiten. Doch was der Wert dieser Referenz ist, das scheint für Jugendliche die wirklich eine ernsthafte Karriere anstreben immer fragwürdiger zu werden.

Als es dann am Ende der Sendung vor dem Tribunal um die begehrten Fotos geht, die das Weiterkommen im TV-Modell-Zirkus garantieren, heißt es diesmal für Amira aus dem betonlächelnden Munde von Heidi Klum: "Ich habe heute leider kein Foto für dich.“

In einer Studie der Universität Wisconsin aus dem Jahr 2004 wurde übrigens festgestellt, dass sich Schönheit beim Betrachter über äußere Merkmale hinaus auch über innere Werte wie Kooperationsbereitschaft, Verlässlichkeit und Intelligenz definiert. "Wer seine Attraktivität erhöhen möchte, sollte sich darauf konzentrieren, ein wertvoller, sozialer Partner zu werden“, so die Wissenschaftler.

Es ist genau das Fehlen dieser mitfühlenden inneren Schönheit, die Heidi Klum und ihre teilweise degoutant agierende Entourage zu immer hässlicheren Menschen macht.