Religion

Käßmann auf dem Weg zum perfekten Moralpromi

Zwei Bücher von der ehemaligen Bischöfin stehen schon auf der Bestsellerliste. Nun legt sie mit "Sehnsucht nach Leben" nach.

Insgeheim sind die Deutschen ein frommes Volk. Natürlich streiten sie es ab und zeigen auf die leeren Kirchenbänke. Es wäre zu peinlich, wenn die Wahrheit rauskäme. Doch die Kirche der Deutschen hat sich nicht aufgelöst, sie ist bloß umgezogen. In die Bestsellerlisten, zum Beispiel.

Nummer Eins auf der Sachbuch-Bestsellerliste in diesen Tagen ist der neue Reißer von Papst Benedikt XVI. Damit stehen zwei Bücher des international bekanntesten deutschen Promis seit Marlene Dietrich gleichzeitig auf der Liste. Doch selbst er kann nicht mit Margot Käßmann konkurrieren. Zwei ihrer Schriften stehen jetzt schon drauf, und ab dem 28. März gibt es ein drittes, denn soeben ist ihr neues Werk erschienen. „Sehnsucht nach Leben“ heißt ihr neuer Bestseller, und wer das Geheimnis des Erfolges wissen will, hätte da sein müssen, als sie ihn im Berliner Kulturkaufhaus Dussmann vorstellte.

Das perfekte Vorbild der modernen Frau

Sehnsucht sei gut, meint Käßmann, es gäbe auch viele Arten von Sehnsucht – Sehnsucht nach Frieden, Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach Aufbruch und noch viel mehr – natürlich könne Sehnsucht auch destruktiv sein, wenn es zu viel wird, aber sonst sei Sehnsucht ganz was Tolles, Frau Käßmann selbst hätte in ihrer Biografie viel Sehnsucht verspürt.

Wer macht in einem so politisch fortschrittlichen und konsequent intellektuellen Land wie Deutschland Bücher über Sehnsucht zum Bestseller? Bei Dussmann konnte man sie sehen: Sie kamen über eine Stunde früher, um einen der 100 Sitzplätze zu ergattern. Grau waren ihre Haare und blau ihre Jeans. Fast alle waren weiblich, die meisten über 60. In einem Block von 22 Frauen saßen nur vier Hähne im Korb. Einige, die keinen Stuhl erwischt hatten, saßen trotz hohem Alter im Schneidersitz auf dem Boden. Wenn Frau Käßmann sprach, glänzten ihre Gesichter.

Frau Käßmann ist das perfekte Vorbild der modernen Frau. Sie genießt nach wie vor eine schwindelerregend erfolgreiche Karriere, hat den Brustkrebs bekämpft, eine Scheidung überlebt und ganz nebenbei vier Kinder großgezogen. Und als sie nach ihrer Alkoholkontrolle vor einem Jahr vom höchsten Amt der evangelischen Kirche in Deutschland zurücktrat, bewies sie Charakter. Na gut, mehr Charakter hätte sie bewiesen, wenn sie von vorn herein nicht betrunken ins Auto gestiegen wäre, aber immerhin zeigte sie mehr Charakter als mancher Minister, der zum Rücktritt richtiggehend genötigt werden musste.

Zudem hat sie auf komplizierte Fragen stets einfache Antworten parat. Auf Libyen angesprochen, verkündet sie: „Für mich ist Krieg schlicht und einfach ein Gräuel.“ Wer will da widersprechen? Im Übrigen mache zu viel Konsum krank, und Profisportler müssten offener mit ihren Schwächen umgehen. Dafür hatte sie schon nach dem Robert Enkes Selbstmord plädiert, aber seitdem hat sich leider nichts geändert.

Predigt durch das Hintertürchen

Apropos Frauen über 60 … ist das nicht traditionell das Alter, in dem man die Kirche neu entdeckt? Allerdings dürfen sie die Kirche auf keinen Fall neu entdecken. Das wäre eine Art Verrat, denn damals in den 70ern haben sie als aufgeklärte Menschen die Kirche als Institution abgelehnt. Also besuchen sie die Predigt durch das Hintertürchen: Nicht in der Kirche, sondern bei Dussmann. Oder im Fernsehen. Pastoren wie Jürgen Fliege werden zu TV-Stars und TV-Stars schreiben Bestseller mit hohem moralischen Impetus, wie Peter Hahne oder Ulrich Wickert. Das Publikum sehnt sich nicht nur nach Sportpromis, Politpromis, C-Promis und Trash-Promis, es will auch Moralpromis.

Margot Käßmann: Sehnsucht nach Leben. Adeo Verlag, Ehringshausen. 176 S., 17,99 Euro.

Der Autor ist Amerikaner und Wahlberliner und schreibt Bücher über die Deutschen, zuletzt „Nörgeln!“