Vater-Sohn-Konflikt

Die sensationelle Faszination der Kohlschen Tragödie

Walter Kohl hat ein Buch über seinen herzlosen Vater geschrieben. Er berichtet nichts Einzigartiges über den Altkanzler, trotzdem ist es sensationell.

Walter Kohl, der „Sohn vom Kohl“, schlägt Thilo Sarrazin – Buchtürme schmelzen dahin. Das eine ein Sachbuch über die eingedunkelte Migrations- und Integrationslandschaft Deutschland, das andere eine individuelle Familienopfergeschichte, nicht von großem Wurf, nicht etwa ein „Buddenkohl“, um Thomas Mann zu strapazieren, aber doch auch ein deutsches Thema.

Was haben die Bücher gemein? Eigentlich nur tiefe Angst: In den Augen des ehemaligen Bundesbankers schafft sich das Land ab, im Falle des Kohl-Sohnes die Familie. Der zweite Aspekt ist fast der überraschendere. Wer Helmut Kohl kannte, vor und während der Kanzlerzeit, sah in ihm einen Familien- und Heimatmenschen: „meine“ Leute, „meine“ Pfalz. Die „Famillje“ war für ihn ein unerschöpfliches Erzählthema.

Das bescheidene Elternhaus, der Vater, der gefallene Bruder. Ein bestimmtes Tremolo trat in Kohls Stimme. Private Fotos zeigten Frau Hannelore und die beiden Söhne in glücklichen Posen. Besucher der Mainzer Staatskanzlei führte er im weitläufigen Haus in eine schlichte Kemenate, die den Vielbeschäftigten nachts oft aufnahm. Eine eiserne „Bettstatt“ und darüber an den Wänden, schön aufgereiht, Kinderzeichnungen von lustiger Hand. Von den Söhnen für den Vater gekritzelt.

Helmut Kohl war mit der Partei vermählt

Und nun beschreibt ihn der Sohn unter dem Romantitel „Leben und gelebt werden“ als einen gigantischen Eisberg, als gestrengen Onkel bei gelegentlichen Besuchen zu Hause. Der CDU-Chef, 1982 zu einer „geistigen Wende“ aufgelegt, habe eine taube Stelle gehabt, wo das Herz sitzt – er sei kein Vater gewesen. Und tatsächlich: Er war mit der Partei vermählt, dabei einer minotaurischen Figur gleichend, aus der Massenkraft der Parteiorganisation und Teilen seiner Person zusammengesetzt.

Man fand den entschlossen stampfenden Menschen nie mit etwas anderem beschäftigt als mit politischen Kontakten. Er kannte alle „seine Leute“ landauf, landab, dotierte, bedrohte und bequatschte sie, das Telefon war Füllhorn und Muskete. Selbst der Rhein vor seinem Arbeitszimmer, die alten Bäume im Park, die schönen Erdkristalle in den Bücherborden waren nichts als Zitate.

Vom "Bürgerkanzler" zum "Kanzler der Deutschen"

Die Strickjacke, in der er regierte, war anscheinend der einzige private Vorbehalt, als solche aber wiederum ein Symbol, in welchem Maße die Politik selbst das Häusliche durchdrang. Kohl war in der Politik zu Hause, als Chef einer bürgerlichen Volkspartei aber auch mit Geschickes Macht an sie gebunden. Eine solche Partei besitzt aufgrund der oft widersprüchlichen Interessen eine zentrifugale Energie, die viel schwerer zu bändigen ist als die Richtungskräfte in Parteien mit „selbsttragender“ Ideologie.

Was bleibt da an „privater“ Zeit? Sicher ist diese Frage nicht die wichtigste. Bei Helmut Kohl gab es einen auffallenden Widerspruch: Sein Bild war nach außen konservativ geprägt, und er tat alles, um den Fels in der Brandung darzustellen, an dem sich die Zeit brach. „Bürgerkanzler“ nannten ihn Kommentatoren, bevor sie auf den „Kanzler der Deutschen“ zu sprechen kommen konnten.

Der Sohn stellt Vaters Erfolge nicht infrage

Die Art, in der er seine Entourage dirigierte, unterschied sich gewiss nicht vom Familienton. Er brauste auf und reagierte immer knurriger. Ein groß geschnittenes also und, wie könnte es anders sein, imperfektes Exemplar Mensch. Niemand kann sagen, das Gemeinwohl sei ihm nicht am Herzen gelegen, reiner Machtimpuls habe ihn bewegt.

Aber, Nachrüstung, Europa und Wiedervereinigung: Der Einsatz war total – so blöd das Wort für rechtsstaatliche und sicherheitspolitische Zielsetzungen klingen mag. Kohl war gut vorbereitet durch intensive, zeit- und nervenraubende Diplomatie. Auch der Sohn stellt die Erfolge des Vaters nicht infrage.

Kohl lebte die Spaltung der „Zwischengeneration“

Kohl erwartete Einsatz und Treue. Nun besteht zwischen Loyalität und Urteilskraft eine innere Spannung. Die engsten Mitarbeiter wussten nicht immer so recht, wie sie argumentieren sollten, wenn sie anderer Meinung waren. So war das gewiss auch in den „vier Wänden“ in der Pfalz. Kohl vertrug durchaus Kritik, aber er bewegte sich nicht.

Politik lehrt, das Übergewicht zu behalten, je weitgreifender die Politik, desto entschiedener – und sichtbarer. Mit Konservatismus hatte das nur bedingt zu tun. Schon im Aufstieg zum Landesschef in Rheinland-Pfalz gerierte er sich als Modernist. Die CDU musste das Honoratioren- durch das Leistungsprinzip überwinden. Die älteren Politiker fröstelte es.

Er holte neue Talente: von Weizsäcker, Blüm, Geißler und verlangte von ihnen, oh Wunder, „Loyalität“. Nach außen fast ein 68er (im gedämpften Sinne der Reform-CDU), im Inneren ein alter Typ, ein Adenauer-Bruder? Kohl lebte die Spaltung der „Zwischengeneration“. Er betrachtete die Familie durchaus als Wert, aber sie musste vor den Staatsaufgaben zurücktreten.

Loyalität war in der „Altfamilie“ nicht einseitig, aber der Leistungsträger war bevorzugt. Alles und jeder hatte bereitzustehen. In der Zwischengeneration war diese Rollenzuweisung nicht mehr selbstverständlich. Eiserne Loyalität erwies sich als gusseiserne. Sie hielt dem Eisenhammer der Politik nicht stand. Aber welche anspruchvolle Berufsgruppe war nicht betroffen, ob Wirtschaft, Wissenschaft, im Sport, im Entertainment?

Generationenkonflikt als Tragödie

Das, was der Sohn von Kohl beschreibt, ist überhaupt nichts Kohl-Singuläres. Und doch wirkt es sensationell, wenn dem Sohn eines berühmten Mannes mit 48 Jahren auf einmal einfällt, was er vor Dezennien „erlitten“ hat. Er macht sein Individuum zur Dominante des Lebens von Kohl. Mit dem Outen respektiert er nur sich selbst. Unnachsichtig handelt der Text von der monströsen Kälte des Bundeskanzlers.

Erinnert Sarrazins Bucherfolg an Spenglers „Untergang des Abendlandes“, der die Menschen auch stilistisch bewegte, markieren die Entäußerungen des jüngeren Kohl den tragödischen Stoff des Generationenkonflikts in der Zwischenetappe der Institution Familie. Die Kulisse der bürgerlichen Welt macht das Schaustück pikant, man kann sich seiner Dämmerung kaum entziehen.

Gewiss waren die Enthüllungen des mitterrandschen Doppellebens noch interessanter und der Fall Clinton in ganz anderer Weise süffig. In allen Fällen treten banale Alltagsbilder mit staatsmännischen Leistungen in Konkurrenz und siegen mühelos. Aber wenn das schon Sueton mit den römischen Kaisern glückte („De Vita Caesarum“), wäre es ja gelacht, wenn die Epigonen zurückstünden.