Sendeplatz-Streit

Die Kettenreaktion nach Jauchs Wechsel zur ARD

Im ARD-Programm wird es eng: Wenn Günther Jauch den Polit-Talk am Sonntag übernimmt, müssen andere Moderatoren weichen. Die Frage ist nur: wohin?

Ein Mann beschäftigt ein ganzes System: Günther Jauch hält die gesamte Führungsriege der ARD schon seit Monaten in Atem, obwohl er noch lange nicht sein Bildschirmdebüt im „Ersten“ hingelegt hat. Kein Wunder: Durch Jauchs Polittalk, der wohl erstmals im Spätsommer 2011 am Sonntagabend im ARD-Gemeinschaftsprogramm zu sehen sein dürfte, wird eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die in der Geschichte der ARD einmalig sein dürfte. Denn mit Jauchs Verpflichtung sind etliche zusätzliche Entscheidungen notwendig – und keine davon ist ohne Brisanz.

Seit Wochen beschwören die ARD-Intendanten, die von diesem Montag an zur Hauptversammlung in Berlin zusammenkommen und Nägel mit Köpfen machen wollen, das Interesse des Publikums als oberstes Gebot. Doch ob die ARD-Zuschauer von den programmlichen Veränderungen im Zuge der Jauch-Personalie wirklich profitieren, wird wohl erst der Praxistest zeigen. Denn die ARD-Intendanten wollen nun durchsetzen, dass die Nachrichtensendung „Tagesthemen“ ab Herbst 2011 zwischen Montag und Donnerstag einheitlich um 22.15 Uhr beginnt und danach um 22.45 Uhr Talks zu sehen sind.

Klar ist, dass Jauch sonntags um 21.45 Uhr seinen Talk platzieren wird. Er übernimmt den Sendeplatz von Anne Will, die nun ausweichen muss. Die ARD erhofft sich von Jauchs Auftritt am späteren Sonntag nach dem „Tatort“ mehr Durchschlagskraft, mehr Leben und mehr Quote. Aber wohin mit Anne Will, deren Vertrag bis 2011 läuft? Sie soll dem Vernehmen nach nicht gegen die ZDF-Konkurrentin Maybrit Illner am Donnerstag verheizt werden, sondern möglicherweise ihre neue Heimat am Mittwochabend nach den „Tagesthemen“ um 22.45 Uhr bekommen.

Doch was passiert dann mit Frank Plasbergs „Hart aber fair“ am Mittwoch? Einige ARD-Intendanten wollen die Sendung auf Montag um 21 Uhr vorziehen, dann die „Tagesthemen“ bringen und hinterher wie gewohnt „Beckmann“ – was wäre da gewonnen? Möglicherweise nicht viel. Die größten Proteste kassierte die ARD schon von der deutschen Dokumentarfilmszene, denn der angestammte Doku-Platz um 21 Uhr würde bei dieser Variante, die als wahrscheinlich gilt, verschwinden. Die Gegenleistung, den Doku-Sendeplatz am Mittwoch künftig bereits um 22.45 statt um 23 Uhr zu starten, tröstet da nur wenig.

Ob Plasberg sich am Montag um 21 Uhr wirklich wohlfühlen dürfte, ist auch eine heikle Frage. Denn verträgt der Zuschauer zwei Talks am Montag? Antwort: Unter Umständen ja, denn Plasberg thematisiert aktuell, diskutiert kontrovers. Reinhold Beckmann bevorzugt die Hintergründe, die leiseren Töne. Leidtragender könnte unter dem Strich Plasberg sein, weil Jauch am Vortag die wichtigsten Themen bereits durchgekaut und die spektakulärsten Gäste für sich abgegriffen hat. Wird das Verhältnis zwischen Jauch und Plasberg, das als gut gilt, auf eine Zerreißprobe gestellt?

Im Verschiebebahnhof ARD dürfte als einzige Sandra Maischberger mit ihrem Sendeplatz am Dienstagabend unberührt bleiben. Das wichtigste Anliegen sei der einheitliche Beginn der „Tagesthemen“ um 22.15 Uhr, sagte der scheidende ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust vom Südwestrundfunk schon vor Wochen. „Jenseits davon gibt es kein Dogma, im Vordergrund stehen die Interessen der Zuschauer.“