3D-Filmstart

Der neue "Shrek" – einschläfernd vernünftig

Im letzten Teil der Shrek-Saga entflieht der Oger seinem unzumutbaren Eheleben – doch am Ende siegt die Vernunft. Wie langweilig!

Die Tugend der Verantwortungslosigkeit wird in unserer durchorganisierten Zivilisation gemeinhin sträflich unterschätzt. Rücksicht, Pflichtgefühl und Gewissenhaftigkeit hingegen genießen größtes Ansehen, obwohl sie doch nur Anpassungsleistungen sind, die letztlich zur Selbstverleugnung führen.

Was ist etwa aus dem schönen, wilden Oger Shrek geworden? Als Single konnte er noch nach Herzenslust in der Gegend herumbrüllen, Leute erschrecken und morgens spät aufstehen. Seit er aber Prinzessin Fiona von einem Fluch befreit, geehelicht und mehrfach geschwängert hat, muss er rund um die Uhr unzumutbare Vaterpflichten erfüllen und hat kaum mehr Zeit, seine beruhigenden Schlammbäder einzunehmen.

Die Krise des domestizierten Ogers hat den armen Shrek erfasst, weshalb er auch keine Sekunde zögert, als Rumpelstilzchen ihm die Möglichkeit unterbreitet, zumindest für einen Tag wieder die fast vergessenen Freuden der Fahrlässigkeit zu kosten. Ach, und wie süß diese sind, als er zu dem alten Carpenters-Hit „Top Of The World“ durch das Land mit dem schönen Namen Weit Weit Weg tollt und für Angst und Schrecken sorgt – so süß, dass man sich in „Für immer Shrek“, dem vierten Teil der Saga, mehr davon gewünscht hätte.

Vernünftig ist out

Doch das Lied der Carpenters ist kurz und die Absicht des Regisseurs Mike Mitchell eine andere: Weil Shrek bei Vertragsunterzeichnung leider das Kleingedruckte überlesen hat, will Mitchell ihm die Gattin und die Kinder auf alle Zeit nehmen – eine ähnliche Konstruktion wie bei dem James Stewart-Weihnachtsklassiker „Ist das Leben nicht schön?“ –, damit er erkennt, dass sein Geschäft mit Rumpelstilzchen ein Fehler war und ihm nichts so lieb und teuer sein sollte wie die Familie – nicht einmal die Freiheit und Schlammbäder zu unpassender Stunde. Im Sinne des familiären wie auch gesellschaftlichen Miteinanders ist das gewiss vernünftig, als Film aber eine Zumutung. Wer braucht schon vernünftige Filme?

Die Ausrichtung des vierten Teils ist umso unverständlicher, wenn man bedenkt, dass Shreks Beliebtheit ursprünglich seinem erfrischend asozialen Wesen zu verdanken war. 2001 hatte er in „Shrek – Der Tollkühne Held“ sein Debüt als mürrischer, stinkender grüner Klotz, der allein im Sumpf wohnte und mit wachsendem Missvergnügen zur Kenntnis nahm, dass sein Reich von allerlei dahergelaufenen Zeichentrickfigurenvolk belagert wurde, die ihm die Ruhe nahmen: der nervende Pinocchio, die drei kleinen Schweinchen, ein mit französischem Akzent sprechender Robin Hood und auch noch Peter Pan.

Erster Shrek war viel komischer

Der Film war eine glückliche Kombination von schlechten Manieren und fehlgeleiteten Märchenfiguren, denen ungeachtet ihrer Herkunft übel mitgespielt wurde. „Shrek“ war folglich viel komischer, als er als Kinderfilm überhaupt sein musste, es war ein Kinderfilm, der sich gezielt an Erwachsene richtete, die den Helden ihrer Kindertage keine Schonung gönnten. Dann musste Shrek sich verlieben und das Unglück nahm seinen Lauf.

Die Liebe als Sieg der Unvernunft über die Vernunft sorgte erstaunlicherweise dafür, den Irrsinn zu bremsen, so dass spätestens mit dem dritten Teil gepflegte Langeweile einkehrte. Den vierten Teil hätte es im Grunde überhaupt nicht gebraucht, doch sollte Shrek seine Karriere wohl mit einem 3D-Film beenden.

Und so gibt es neben der unangemessen moralischen Rahmenhandlung hier und da einige Schauwerte und immerhin in den Details ein paar angenehm abwegige Späße: Fiona hat einen Auftritt als Rebellenführerin, die im Untergrund die große Oger-Revolution vorbereitet, das Latin-Lover-Image des gestiefelten Katers hat durch enorme Fettleibigkeit erheblichen Schaden genommen, das fiese Rumpelstilzchen hat einen ausgeprägten Perücken-Fetisch und der Esel kann immer noch nicht singen. Es hätte so schön werden können.