Film

Marco W. und der Urlaub in der Vorhölle

Der 17-jährige Marco W. saß 247 Tage wegen angeblicher Vergewaltigung in einem türkischen Gefängnis. Nun wurde seine Geschichte verfilmt.

Carolina und Marco sind irgendwann allein. Was dann passiert, sehen wir nicht. Wir sehen lediglich, wie die beiden zur Tür gehen, wie Carolina beiläufig einen Kuss andeutet und Marco tapsig den Raum verlässt.

Die Momente nach einer Vergewaltigung können so nicht aussehen. Und der Film ,,Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ lässt keinen Platz für Interpretation. Die Familie Weiss hatte sich den Produzenten anvertraut, im Gegenzug verfilmte Regisseur Oliver Dommenget die Erinnerungen von Marco.

Wir erleben ein Ehepaar aus Uelzen mit seinem Sohn im türkischen Side, die Ferien gehen zu Ende, die Familie macht seit vielen Jahren hier Urlaub, der Hoteldirektor schätzt sie und umgarnt sie mit sehr ordentlichem Deutsch. Am Morgen schwimmt Marco noch einmal im Pool, dann soll er zur Rezeption kommen – dort wartet die Polizei; auf der Wache wird Marco inhaftiert.

Dem 17-Jährigen wird die Vergewaltigung der 13-jährigen Carolina vorgeworfen; das Mädchen hat behauptet, 15 zu sein – und ihre blonde Film-Version lässt den Gedanken an Unschuld als absurd erscheinen, während Marco wie ein trotteliger Bubi daherkommt. Er wird in ein Gefängnis gebracht, das aussieht wie das Verlies des Grafen von Monte Christo.

Finstere Gestalten sitzen in der Höhle, spritzen Rauschgift, rauchen, fletschen die Zähne. Marco Weiss fand nach Ansicht des Films, die Zustände seien eher zu mild dargestellt worden. Vor Gericht finden die Weiss’ kein Gehör. Eine Richterin schaut spöttisch drein, ein grimmiger Richter scheint sein Urteil schon gefasst zu haben. Marco kommt und kommt nicht frei, und Mutter Veronica Ferres hat Tränen in den Augen. Es ist zum Verzweifeln.

Schließlich gelangt Marco doch in die Freiheit: Zu Weihnachten wenigstens will man das Gericht erweichen, der Vortrag klingt wieder streng, aber da hellen sich die Gesichter der Entourage auf: Haftbedingungen unzumutbar, Häftling entlassen. Marcos Bewacher spricht plötzlich Deutsch und gratuliert. Das türkische Justizsystem funktioniert nicht recht, sagt der Film, aber mit etwas Privatinitiative im Interesse des Tourismus und gutem Willen können die Probleme gelöst werden.

,,Marco W. – 247 Tage im türkischen Gefängnis“ klingt schon im Titel wie eine Kolportage und ist als populistisches Rührstück und traurige Justiz-Posse angelegt. Weil der Zuschauer die Finessen der türkischen Prozessordnung nicht überprüfen kann und sie ihm auch nicht näher erläutert werden, liegt der stammtischhafte Skandalvorwurf allzu nah.

Die unrühmliche Rolle deutscher Medien wird angedeutet. Bei allem plakativem Grusel ist dieses ,,Fernseh-Event“ doch auf unmittelbare Weise packend: Man erlebt den Horror vacui, dass ein unbescholtener Junge aus der Sommerfrische gerissen wird: vom Urlaub in die Vorhölle.

Marco W., heute auf Sat.1 um 20.15 Uhr