Berliner Jubiläum

Nationalgalerie feiert ihren 150. Geburtstag

Vor 150 Jahren schenkte der Berliner Bankier Wagener dem preußischen König 262 Bilder – der Grundstock der heutigen Nationalgalerie Berlin. Zum Jubiläum wird die vollständige Sammlung ihres Gründers gezeigt. Ein Blick auf die Gedankenlandschaft des frühen 19. Jahrhunderts.

„Ansicht einer im gotischen Styl auf einem Felsen am Ufer der Meeres erbauten Kirche. Die hinter der Kirche aufgegangene Sonne beleuchtet die leichten Morgenwölkchen. Jenseits ein Hafen mit Schiffen. Mehrere Männer zu Wagen und zu Pferde in mittelalterlicher Tracht ziehen, an einem Tabernakel vorbei, zum Meere hinab.“ So steht es geschrieben seit 1861, und ginge es nur um eine simple Beschreibung, man hätte den Worten nichts hinzuzusetzen, so bedacht sind sie gewählt. Aus heutiger Sicht allerdings wird das, was der Universitätsprofessor G. F. Waagen in seinem Verzeichnis der Gemäldesammlung von Joachim Heinrich Wilhelm Wagener nüchtern aufschreibt, dem symbolischen Wert des Bildes nicht ganz gerecht. Handelt es sich dabei doch um Schinkels „Gotische Kirche auf einem Felsen am Meer“, das erste Bild, das der Sammler kaufte – mithin die Urzelle der Berliner Nationalgalerie.

Postume Schenkung an den König

Es gibt gerade in Deutschland keinen erfindungsreicheren Museumsdirektor als Udo Kittelmann, Chef der Berliner Nationalgalerie. Seit seinem Antritt im Herbst 2008 hat er schon einige Ausstellungscoups gelandet, und die Schau, die Dienstagbend in der Alten Nationalgalerie eröffnet, macht da keine Ausnahme. Verblüffend eigentlich, denn im Grunde handelt es sich um die Neupräsentation der ständigen Sammlung: Altbekannte Bilder werden in neu gemischter Hängung als frisch präsentiert. Möchte man meinen. Stimmt aber nicht, denn Kittelmann bedient sich eines Kunstgriffs: Er kehrt zurück zu den Anfängen des Hauses und zeigt nun in der dritten Etage die Sammlung des Bankkaufmanns Joachim Heinrich Wagener. Diese Kollektion bildete Mitte des 19. Jahrhunderts den Grundstock für den Aufbau der Nationalgalerie. Das Schöne dabei: Ein Großteil der Sammlung ist den Berlinern vollkommen unbekannt.

Joachim Heinrich Wagener, 1782 in Berlin geboren, wird 1815 Teilhaber der Bank seines Vaters. Der Vater umgibt sich mit Werken älterer niederländischer Meister, der Sohn entscheidet sich für einen anderen Weg: Für 100 Taler kauft er 1815 Schinkels Kirche auf dem Felsen aus demselben Jahr. Auch später kauft er stets die frischeste Produktion seiner Lieblingsmaler, Bilder des Augenblicks – natürlich kann er nicht wissen, welches Urteil die Nachwelt über seine Entscheidungen fällen wird.

„Es ist mein Wunsch“, schreibt Wagener 1859, zwei Jahre vor seinem Tod, in einem sauber nach Paragrafen eingeteilten Testament, „dass diese Gemälde-Sammlung in dem Umfang, wie sie bei meinem Ableben sich vorfinden wird, ungetrennt erhalten, und dass sie hier in Berlin in einem geeigneten Lokale aufgestellt und allen Kunstfreunden stets zugänglich gemacht wird.“ Paragraf Neun verfügt, dass die Sammlung nach seinem Tod dem König von Preußen zufällt. Im Übrigen vertraue er auf das Urteil vieler Kenner über den Kunstwert der Sammlung.

Die Zeichen für das Unternehmen Nationalgalerie stehen gut: Bereits 1848 haben Künstler vor dem Parlament in Frankfurt eine selbige gefordert. König Wilhelm I. von Preußen, 1861 durch die Schenkung nach dem Tod des Sammlers in Zugzwang gebracht, schreibt etwas von „ehrenvoll“ und „Schuldner eines hochherzigen Patriotismus“. Jedenfalls wird die Nationalgalerie gegründet. Am 22. März, genau vor 150 Jahren, wird die Ausstellung der Wagener-Sammlung im alten Akademiegebäude Unter den Linden eröffnet. Ab 1876 wird sie dann im tempelartigen, von Friedrich August Stüler entworfenen Bau auf der Museumsinsel gezeigt.

Seit Jahrzehnten im Depot

Nun haben viele große Museen ihren Ursprung im 19. Jahrhundert und nicht wenige gehen auf die Bildersammlungen von Menschen zurück, die heute als „Banker“ etwas in gesellschaftliche Ungnade gefallen sind. In Frankfurt war Johann Friedrich Städel der maßgebliche Antrieb für das posthum nach ihm benannte Museum. Die National Gallery in London baut auf die Sammlungen des Bankkaufmanns John Julius Angerstein und des Landschaftsmalers George Beaumont auf. Die Berliner Nationalgalerie ist jedoch etwas besonderes, weil eben Wagener strikt die Kunst seiner Zeitgenossen sammelte. Wer heute die Präsentation seiner Sammlung ansieht, der blickt auf die Gedankenlandschaft des frühen 19. Jahrhunderts. Da kommt alles zusammen, was die deutsche Seele zu seiner Zeit bewegt: Romantik und Realismus, Freiheitsdrang und Fortschrittsglaube. Und vieles davon spielt sich direkt in der Landschaft ab: in den kultivierten Kulturräumen Schinkels, in den Gebirgsschluchten von Karl Eduard Biermann und Carl Friedrich Lessing oder, romantischer, melancholischer, in den Bildern von Caspar David Friedrich.

Natürlich ging Udo Kittelmann nicht das Risiko ein, den Friedrich-Raum, der zu den Highlights des Hauses gehört, einfach abzuhängen, obwohl Hauptwerke wie „Der Mönch am Meer“ oder „Der Watzmann“ nicht zu Wageners Hinterlassenschaft gehören. Zwei Bilder des großen Romantikers hat der Sammler aber auch gekauft. Und ist es nicht umso schöner, zuerst Friedrichs prächtigen Watzmann zu sehen, nur um ihn dann klein im Hintergrund in einem Bild von Johann Adam Klein zu entdecken, in dem im Vordergrund ein Wanderzirkus mit Kamel vor einem Tiroler Wirtshaus Station macht?

Genau darum kann es doch nur in der Neupräsentation gehen: die kleinen Preziosen zu entdecken, die von Wagener einst innig geliebt wurden und nun, von der Kunstgeschichte aussondiert, über Jahrzehnte im Depot vor sich hingedämmert haben. Wie neugeboren wirkt der Mönch, der auf einem Gemälde von Max Ainmüller am Fenster eines Kreuzgangs zwei Schwalben beim Nestbau zusieht. Natürlich ist ein Mönch im Kloster nicht halb so originell wie ein Mönch am Meer. Aber warum der eine in Vergessenheit gerät und der andere unsterblich wird, ist nicht leicht zu durchschauen. Und so lassen sich in der Ausstellung ganz gut die Gesetze der kulturellen Kanonbildung studieren.

Alte Nationalgalerie Bodestr. 1-3, Mitte. Tel: 266424242. Di-So 10-20 Uhr, Do 10-22 Uhr. 23. März – 8. Januar 2012.