"Die Kinder von Paris"

Frankreich debattiert über einen Holocaust-Film

"Die Kinder von Paris" beschreibt die Razzia des Winter-Velodroms 1942 in Paris. Die Darstellung der Verhaftung von 13.000 Juden bezeichnen Kritiker als kitschig.

Nur ein einziges Bild existiert von der größten Massenrazzia unter Frankreichs Juden während des Zweiten Weltkriegs. Am 16. und 17. Juli 1942 hatte die französische Polizei im Auftrag der Nationalsozialisten rund über 13.000 Juden im Großraum Paris verhaftet.

Rund 7000 von ihnen, darunter viele Kinder, wurden im Sportstadion Velodrome d’hiver unter katastrophalen Bedingungen eingepfercht. Erst nach fünf Tagen wurden sie in Zwischenlager transportiert, später dann in die deutsche Vernichtung. Das einzige Bild zeigt leere Busse, die vor dem Stadion zum Abtransport bereit stehen.

Französische Filmkritiker nicht begeistert

Ein neuer Film hat nun viele Bilder für die Massenverhaftung gefunden – und damit in Frankreich eine heftige Kontroverse ausgelöst. „Die Kinder von Paris“ tritt mit dem Anspruch an, die Ereignisse von 1942 historisch getreu nachzuerzählen.

Doch was dann folgt, empfanden einige französische Filmkritiker als „pathetisch“ und „ästhetisch mittelmäßig“. Gezeigt wird zunächst das jüdische Leben am Montmartre vor der Razzia in einer Art „Die fabelhafte Welt der Amélie“-Version.

Es ist eine Bilderbuchwelt voller schöner rechtschaffener Menschen (und mit Jean Reno als jüdischem Arzt), heiler Familien und nachbarschaftlicher Solidarität – bis das Grauen der NS- und Vichy-Schergen hereinbricht, unheilvoll von aufdringlicher Musik begleitet.

Bosch misstraut Zuschauern, die nicht weinen

Wer sich auf eine naive Rezeption des Films einlässt, wird dennoch berührt. Etwa von jener Szene, die erzählt, wie brutal die Eltern von ihren Kindern getrennt wurden, bevor sie in die Vernichtungslager kamen. Für alle anderen Zuschauer bewegt sich der Film an der Grenze zum mitunter schwer erträglichen Kitsch.

Entsprechende Kritik wollte die Regisseurin Rose Bosch nicht auf sich sitzen lassen. In einem Interview mit der Zeitschrift „Les Années Laser“ verstieg sie sich daher zu der Aussage, dass sie „jedem misstraue, der nicht weint, wenn er meinen Film sieht.“

Solchen Zuschauern würde „ein Gen fehlen: das des Mitgefühls“, zitiert die Zeitschrift Bosch. Diese „Miesmacher“ würden damit „im Geist gemeinsame Sache mit Hitler machen“, der menschliche Emotionen ja ebenfalls als Schwäche abgetan habe. Bosch schließt mit den Worten: „Jedenfalls würde ich im Fall eines Krieges nicht auf der Seite jener stehen wollen, die finden, dass es zuviel Emotionen in meinem Film gibt.“

Verschieden Versuche, den Holocaust zu zeigen

Zwar gab Bosch später an, falsch zitiert worden zu sein, doch das Interview sorgte dennoch für scharfe Gegenreaktionen. „Ich habe nie gesagt, dass die, die meinen Film nicht mögen, alle Nazis sind“, sagte Bosch auf Nachfrage von „Morgenpost Online“. „Aber wenn man für Kinder, die in den Tod geschickt werden, kein Mitgefühl empfindet, ist das anormal.“

Bereits 1994 hatte Claude Lanzmann („Shoah“) anlässlich von „Schindlers Liste“ postuliert, der Holocaust sei nicht in fiktionaler Form darstellbar. Ein solcher Versuch müsse stets daran scheitern, dass er das ungeheuerliche Geschehen trivialisiere.

Spielberg argumentierte, dass jeder Film über den Holocaust dessen Ausmaßen nicht angemessen darstellen könne, auch nicht Lanzmanns Dokumentarfilm „Shoah“ – aber dass man zumindest den Versuch wagen müsse.

"Sie hieß Sarah" nähert sich Thema dialektisch

Der Philosoph Walter Benjamin hat sich in einem Aufsatz gegen den Versuch einer „authentischen“ Rekonstruktion von Vergangenheit gewandt: „Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen‚ wie es denn eigentlich gewesen ist“, schreibt Benjamin. Es heißt sich einer Erinnerung bemächtigen, wie sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt.“ Um Vergangenheit zu verstehen, müsse man sich ihr dialektisch nähern.

Wie eine dialektische Annäherung an die Ereignisse im Vel d’hiv aussehen kann, zeigt ein weiterer französischer Film, der bald nach „Die Kinder von Paris“ in den Kinos startete. „Sie hieß Sarah“ basiert auf dem Roman „Sarahs Schlüssel“ von Tatiana de Rosnay und erzählt in teils dem Rose-Bosch-Film verblüffend ähnlichen Bildern die Geschichte eines jüdischen Mädchens, das mit seiner Familie in das Winterstadion deportiert wird, dem später aus einem Zwischenlager aber die Flucht gelingt.

Nur, dass hier die Ereignisse mit einer zweiten zeitgenössischen Ebene kontrastiert werden, in der sich im heutigen Paris eine Journalistin (Kristin Scott Thomas) auf die Spuren des Mädchens macht.

Während Boschs Film in recht eindimensionalen Schuldkategorien verharrt – hier die bösen Deutschen, dort die teils böse, teils gute französische Zivilbevölkerung, werden bei Gilles Paquet-Brenner viele Zwischentöne deutlich: Etwa der, dass manche Opfer im Angesicht der Bedrohung falsche Entscheidungen trafen und damit unschuldig schuldig wurden. Oder die Schuld derjenigen, die die Nazis nicht unterstützen, aber von ihren Verbrechen profitierten. „Sie hieß Sarah“ zeigt, was die Ereignisse von damals für die Gegenwart bedeuten. Das macht ihn nachhaltiger als es jede vermeintliche historische Authentizität vermocht hätte.