Thomas Macho

"Man kann einen Star bewundern – nicht imitieren"

Freiherr zu Guttenberg, Charlie Sheen, Kate Moss: Gefallene Idole, wohin man blickt. Nicht jedem schadet der Sturz, sagt Kulturhistoriker Thomas Macho.

Thomas Macho empfängt in seinem Büro in der Sophienstraße, Berlin-Mitte, dunkelgrauer Schreibtisch, wohlsortierte Regale, erstaunlich aufgeräumt für einen Gelehrten. Macho ist einer der vielseitigsten Kulturwissenschaftler in Deutschland. Er beschäftigt sich mit Schönheit ebenso wie mit Schweinen, mit Folter wie Religion. Der gebürtige Wiener habilitierte sich 1983 mit einer Arbeit über Todesmetaphern. Seit 1993 lehrt er als Professor für Kulturgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sein neues Buch „Vorbilder“, das im Frühjahr erscheint, geht dem Geheimnis der Celebrities nach und erkundet die Masken und Modelle, die uns als Maßstäbe dienen, ganz gleich ob wir sie schätzen oder nicht.

Morgenpost Online: Herr Macho, was macht einen Star aus?

Thomas Macho: Stars sind prominent – wörtlich: herausragend – und zugleich nah. Ihren Rang verdanken sie nicht mehr der hohen Geburt, der Verwandtschaft mit einem bedeutenden Geschlecht, sondern ihrer Leistung. Darin gleichen sie den Genies und den „großen Männern“, die seit der Französischen Revolution gesucht und verehrt werden: von Napoleon bis Beethoven, von Goethe bis Hegel. Nach den Genies kamen die Stars. Dabei spielte schon in der Definition des Genies der Stern eine Rolle. Genies werden prominent, indem sie auf den Sternenhimmel projiziert werden.

Morgenpost Online: Wo sie unerreichbar bleiben?

Macho: Der Star wird durch die Bewunderung geboren, er ist nicht greifbar. Man kann ihn nicht imitieren. Das schützt übrigens vor den Nachteilen der Idealisierung. Am Star kann ich akzeptieren, dass er bizarre sexuelle oder alkoholische Vorlieben hat.

Morgenpost Online: Beim Vorbild geht das nicht.

Macho: Nein. Beim Vorbild geht es um die Frage: Was kann ich tun, um mich meinem Idol zu nähern? Die Idee der Nachfolge zieht sich durch die gesamte Kulturgeschichte. Im Mittelalter etwa wollten die Mönche ihrem Ordensstifter oder Christus selbst nacheifern. Das Vorbild soll mir zeigen, wie ich mein eigenes Leben führen kann.

Morgenpost Online: Siegfried Lenz beschreibt in seinem Roman „Das Vorbild“ die Unmöglichkeit, ein lebendes, handelndes Vorbild zu finden. Wieso ist das so schwer?

Macho: Das Vorbild wirkt als Element einer Idealisierung. Und die lässt sich leichter an toten als an lebenden Personen vollziehen. Lebende erzeugen Zweifel, ob sie geeignet sind, diese Funktion zu erfüllen. Das verstorbene Vorbild kann man aller unangenehmen Eigenschaften berauben. Am Schluss bleibt ein idealer Charakter, mit dem ich mich identifizieren kann.

Morgenpost Online: Mit dem medialen Universalgedächtnis lässt sich ein solcher Totenkult kaum noch zelebrieren.

Macho: Im Medienzeitalter ist es generell nicht leicht, sich als Vorbild zu präsentieren. Zum Vorbild gehört ja nicht nur die Idealisierung, sondern auch eine Form von Distanz. Es ist ein Wunder, dass das Spiel mit den Stars noch funktioniert. Da wird ja so viel aus der Nähe berichtet.

Morgenpost Online: Und die zerstört die Legenden?

Macho: Die Frage ist: Was zerstört einen Mythos und was befestigt ihn? Manchmal können auch blamable Details einen Mythos nicht zerstören. Berlusconi ist ein Paradebeispiel. Jeden anderen Politiker hätten derartige Skandale längst von der Bühne gestoßen. Aber er wird als Mischung aus Lebemann, Lüstling und Cavaliere immer noch akzeptiert.

Morgenpost Online: Haben Bilder ihre Wirkkraft verloren? Die Zerstörung heiliger Bilder in der Reformation spiegelte noch eine tiefe Angst vor deren Macht.

Macho: Zum einen haben wir die Furcht vor den Bildern verloren. Zum anderen demontieren seltsame Bilder nicht mehr automatisch ein Image. Versprecher oder Lachanfälle, die man sich auf YouTube ansehen kann, können das Ansehen einer öffentlichen Figur auch stärken.

Morgenpost Online: Sie erzeugen zumindest Aufmerksamkeit.

Macho: Und Stars werden durch diese kollektivierte Aufmerksamkeit produziert. Diese Akkumulation von Interesse schafft einen Mehrwert. Pierre Bourdieu bezeichnete das als symbolisches Kapital. Dieses wandelt sich dann in reelles Kapital, durch Gagen und Honorare. Das ermöglicht den Stars, als moralische Instanzen aufzutreten. Viele setzen Geld ein, um Aufmerksamkeit für im Schatten stehende Menschen zu schaffen. Angelina Jolie und Brad Pitt betreiben diese Art von Charity sehr gut.

Morgenpost Online: Das berühmte „Gutmenschentum“.

Macho: Ja, aber das gab es doch immer! Einer Legende nach wurden Mönchskutten nur erfunden, um die Konkurrenz im Guten, etwa im Asketischen, zu verbergen. Als Asket musste man abwägen, wie viele Oliven man am Tag essen darf. Sieben Oliven sind Völlerei, fünf Oliven sind Angeberei, sechs sind in Ordnung. Damit nun nicht beobachtet wird, wie viele Oliven der Tischnachbar gegessen hat, wurden die Kutten erfunden.

Morgenpost Online: Bei Staatsmännern wie Karl-Theodor zu Guttenberg gilt der gute Stil, die ausgewählte Kleidung als Alleinstellungsmerkmal. Trotzdem ist sein Image nun zerstört.

Macho: Bei prominenten Politikern sucht man immer nach Makeln. Der Fall Guttenbergs war auch darum so tief, weil unser Bedürfnis nach Stars und Vorbildern frustriert wurde. Wir haben eine nostalgische Sehnsucht nach einer Art von Hofberichterstattung,. Gerade die Aristokraten erscheinen uns als Lichtgestalten. Kein Zufall, dass Politiker besondere Aufmerksamkeit erregen, die dem Adelsstand angehören: von der Leyen oder zu Guttenberg.

Morgenpost Online: Betrachtet man die Stimmung auf dem politischen Aschermittwoch der CSU, dann scheint es so, als würde der Absturz von Guttenberg seinen Helden-Mythos nur noch festigen.

Macho: Es ist nachvollziehbar, dass die eigene Partei Guttenbergs Comeback inszeniert. Es gibt gerade keinen anderen Politiker, der derart beliebt ist. Aber der Schock über seinen Sturz war zu groß, um an irgendeine Art von Auferstehung zu glauben. Das funktioniert für diesen Typus von Star nicht mehr.

Morgenpost Online: Bei wem denn dann?

Macho: Kate Moss zum Beispiel. Die kann soviel Heroin schnupfen wie sie will, sie wird trotzdem für die nächste Kampagne gebucht. Moss ist auch deshalb so begehrt, weil sie sich nie um die Öffentlichkeit zu kümmern scheint. Für Politiker gelten andere Regeln. Bei Guttenberg geht es schlicht um Betrug. Wenn die Affäre tatsächlich strafrechtlich verfolgt wird, trägt sein Image enormen Schaden.

Morgenpost Online: Stehen Politiker nicht immer unter Druck, ihrem Bild auf Dauer zu entsprechen?

Macho: Wenn die mediale Inszenierung so dominant wird, dass die Person sich davon ablöst, ist das heikel. Obama wurde etwa so stark nach den Regeln einer pseudomessianischen Ikonografie gezeigt, dass die Gefahr enorm groß bleibt, dass er an seinem Bild scheitert.

Morgenpost Online: Das Bild entpuppt sich als Trugbild.

Macho: Ja, und diese Entdeckung hat Folgen. Durch Enttäuschung kann sich viel Hass aufbauen, Stichwort: Lennon-Attentat. Auch die Bilder haben dafür gesorgt, dass dieser Fan, der auf John Lennon geschossen hat, wahnsinnig enttäuscht war. Er hatte das Gefühl, von dem Mann betrogen zu werden. Die Tötung ist so auch der Versuch, die andere Person, den Star, mit seiner schmutzigen Individualität auf Bildniveau zu bringen.

Morgenpost Online: Das erinnert an Brecht, der seinen Keuner auf die Frage, was er tun würde, wenn er einen Menschen liebte, antworten ließ: Ich würde einen Entwurf von ihm machen und dafür sorgen, dass er, also der Mensch, diesem ähnlich werde.

Macho: Brecht und Keuner ging es darum, einen Menschen so zu formen, wie man ihn haben will. Inzwischen ist alles noch verrückter geworden, auch weil das Verhältnis zwischen Entwurf und Wirklichkeit durch die medialen Verdoppelungen viel komplizierter geworden ist. Man sieht den Entwurf nicht mehr vor lauter verfehlten Realisierungen.

Morgenpost Online: Inzwischen gibt es eine große Lust am Beobachten gefallener Stars, wie etwa der Fall des amerikanischen Schauspielers Charlie Sheen zeigt. Zugleich ist der Wunsch, die Stars nachzuahmen, stärker ausgeprägt denn je.

Macho: Bislang waren Stars für uns unerreichbar. Neuerdings glauben wir verstärkt, dass wir auch selbst Stars sein können, von der Castingshow bis ins Dschungelcamp. Andy Warhols vielzitierte „fifteen minutes of fame“ verhelfen hier zu einem fragwürdigen Ruhm.

Morgenpost Online: Worin besteht der Reiz, für diesen extrem flüchtigen Ruhm so hart an der eigenen Persönlichkeit und auch am Körper zu arbeiten?

Macho: In unserer Kultur wird der Körper als Produktionsmittel fast nicht mehr gebraucht. Dafür wird er selbst zum Objekt von Produktionsprozessen. Die Normierung ist Ausdruck der Machtverhältnisse.

Morgenpost Online: Inwiefern?

Macho: Es geht nicht einfach nur darum, die Macht zu haben, bestimmte Normen durchzusetzen. Die Vorgaben können immer absurder werden, sie werden trotzdem akzeptiert. Diese Normalisierung führt uns eine Willkür vor, die keine Grenzen mehr kennt.

Morgenpost Online: Die Vorstellung, dass erwachsene Frauen die Taille einer 13-Jährigen haben sollen, ist nicht neu.

Macho: Stimmt. Schon Lesley Hornby alias Twiggy sah mit ihrer Wespentaille aus wie eine bizarre bildtechnische Erzeugung. Die Bilder von ihr in den späten 60er-Jahren haben das mitreflektiert. Es gibt eine Fotoserie von Melvin Sokolsky. Da steht Twiggy vor einer Auslage und neben ihr ganz viele Statisten, die sich alle eine Twiggy-Papiermaske vors Gesicht halten. Sokolsky hat die Problematik von Person und Abbild mitinszeniert.

Morgenpost Online: Heute wird das Künstliche, das Gemachte immer schon mitinszeniert. Überfordert das unseren Wahrnehmungsapparat?

Macho: Es stört uns nicht. Man sieht eine wohlgeformte Brust im Fernsehen und sucht automatisch die Narben. Niemand glaubt noch, dass Bilder echt sind. In der Terminologie von Matrix würde man sagen: Wir nehmen die blaue Kapsel. Wir geben uns der Illusion hin.