"Das Ritual"

Anthony Hopkins – "Sei einfach der, der Du bist"

Wenn Anthony Hopkins in Stimmung ist, würde er sich auch spontan ein Filmskript ansehen. Außerdem spricht er über "Das Ritual" und seine Rolle als Exorzist.

Dieser Mann ist ein Schauspiel-Gigant. Künstlerisch scheint es für den 73-Jährigen keine Grenzen zu geben. Es ist normalerweise alles andere als eine Freude, den Schauspieler zu interviewen. Zu oft schon hat er Interviews abgebrochen, weil ihm die Fragen zu fade waren. Man muss also mit allem rechnen. Die Tür des Pariser Hotels "Eden" öffnet sich. Die nächsten Sekunden sind von entscheidender Bedeutung, wie das Gespräch verlaufen wird. Und siehe da: Der Oscar-Preisträger lächelt.

Morgenpost Online: Der Regisseur Mikael Hafström hat Sie während eines Frühstücks von dem Film "The Rite - Das Ritual" überzeugt. Ist Frühstück ein guter Zeitpunkt, um mit Ihnen über neue Projekte zu reden?

Anthony Hopkins: Ja. Das hängt aber nicht nur vom Zeitpunkt ab. Es muss auch an einem schönen Ort stattfinden. Ich gehe für solche Gespräche gern ins Peninsula Hotel in Beverly Hills. Da lässt es sich sehr schön frühstücken und über wichtige Dinge nachdenken. Mein Agent weiß auch, welches Omelett ich mag. Also sind die Umstände wunderbar. Und die Arbeit kann unter besten Bedingungen beginnen.

Morgenpost Online: Wahrscheinlich mit einer Art Test: Hopkins schaut sich den Neuen an, ob er es wert ist, dass sich das Urgestein mit ihm beschäftigt?

Hopkins: Nein, das hat alles schon vorher stattgefunden. Immer ungefähr dasselbe Ritual. Ich wehre mich gegen die neuen Projekte, weil ich Bedenken habe, dass ich das immer gleiche Bild von mir bediene. Dann nehmen sie mir die Zweifel. Ich gehe zu den Treffen. Und wenn die Leute wollen, dass ich eine Perücke aufsetzen soll, dann mache ich auch das. Ein Regisseur sollte nur wissen, was er will.

Morgenpost Online: Keine Bedenken gegen junge Menschen, Anfänger, Debütanten?

Hopkins: Nein, überhaupt nicht. Wenn Zeit und Umstände günstig sind. Wie spät haben wir es jetzt?

Morgenpost Online: Kurz nach Zwölf. Die Sonne scheint. Draußen sind ungefähr 17 Grad.

Hopkins: Eben, perfekte Umstände. Also sollten Sie gerade ein Skript dabei haben, dann würde ich gern einen Blick darauf werfen. Sie scheinen mir ein netter Kerl zu sein.

Morgenpost Online: Das geht dann wohl in die Richtung Scherze des Herrn Hopkins.

Hopkins: Ich will Ihnen damit sagen, dass ich nicht festgelegt bin. Ich lasse mich überraschen.

Morgenpost Online: Wie haben Sie das Gespräch mit Mikael Hafström begonnen?

Hopkins: Ich habe ihn begrüßt, ihm gesagt, dass ich sehr viel von dem Drehbuch halte und dann wollte ich wissen, ob es sich bei der Geschichte wirklich um einen realen Fall handelt. Das hat er mir bestätigt. Und dann haben wir gut gefrühstückt und dabei über Leben und Tod philosophiert.

Morgenpost Online: Um genau diese Fragen geht es auch in "The Rite". Wenn Sie jemand nach Ihrer Einschätzung zum Thema Gott und Teufel und Exorzismus fragen würde...

Hopkins: Dann kann ich reinen Gewissens sagen, dass ich keine Ahnung habe, woran ich glauben soll. Oder besser gesagt, dass ich an alles glaube.

Morgenpost Online: Clever aus der Affäre gezogen.

Hopkins: Nein, nur ehrlich gewesen. Ich halte es eben mit Carl Jung, der immer genau das gesagt hat: "Glaube alles!"

Morgenpost Online: Haben Sie für die Vorbereitung der Rolle an Exorzismen teilgenommen?

Hopkins: Nein, das war nicht nötig. Aber wir hatten einen Pfarrer am Set, jeden Tag. Mit dem konnte ich mich gut über die Begriffe wie Gott und Teufel, Gut und Böse unterhalten. Dem habe ich von einem Bekannten erzählt, der Pfarrer werden wollte. Der war für mich der Inbegriff des guten Pfarrers. Eines Tages wurde er wahnsinnig. Was war passiert? Ist er von einem schlechten LSD-Trip nicht mehr zurückgekehrt, wie es einige gesagt haben. Oder war er vom Teufel besessen?

Morgenpost Online: Diese Begriffe Gut und Böse begleiten uns lebenslang.

Hopkins: Ja, das habe ich am eigenen Leib erlebt. Kinder machen sich oft keine Gedanken, wie gemein – oder böse – sie sind. Als Schüler war ich das, was man wohl am besten mit begriffsstutzig umschreibt. In meinen Kopf gingen weder Formeln noch Zahlen hinein. Ich weiß noch, dass einige Leute der Meinung waren, ich hätte das Asperger-Syndrom.

Morgenpost Online: Wie haben die Lehrer reagiert?

Hopkins: Vergessen Sie nicht, wir sprechen von den 50er-Jahren. Die haben mich immer wieder geschlagen. Meist quer über den Hinterkopf. Und die Kinder, weil ich im Sport auch keine Kanone war, haben mir die übelsten Schimpfnamen gegeben.

Morgenpost Online: Wenn uns etwas im Leben misslingt, wenn eine Ehe auseinander bricht oder wir Alkoholprobleme haben, dann können wir uns auch auf den Punkt zurückziehen, dass wir nichts dafür können. Oder wir nehmen die Verantwortung an.

Hopkins: Wir sind unbedingt verantwortlich für das, was wir hier tun.

Morgenpost Online: Ist Ihnen diese Einsicht erst im Laufe der Jahre gekommen?

Hopkins: Auf jeden Fall! Ich kann mich noch sehr genau an den Zeitpunkt erinnern, als es umschlug. Bis vor 35 Jahren hatte ich immer wieder die Welt dafür verantwortlich gemacht, was mir Schlimmes passiert ist. Ich war ein blinder Ignorant. Immer waren die Anderen schuld, ich ganz selten. Aber dann machte es klick und ich verstand, dass ich nur mich selber dafür beschimpfen kann, wenn etwas schief geht. Das war beinahe wie eine Erleuchtung.

Morgenpost Online: Hat Ihnen das Schauspiel jemals auf Ihrem Weg geholfen, ein...

Hopkins: ...wollten Sie jetzt sagen, besserer Mensch zu werden? Kurz: Das war nie der Fall.

Morgenpost Online: Warum nicht?

Hopkins: Weil das eine mit dem anderen nichts zu tun hat. Ich werde sehr oft gefragt, was ich denn im Leben erreichen möchte. Und die Antwort lautet: Nichts! Wir wollen alle ganz tiefgründig sein, man könnte auch profund sagen. Das sind wir aber überhaupt nicht. Meine Devise lautet: Sei einfach der, der Du bist.

Morgenpost Online: Sagt sich so einfach.

Hopkins: Ich habe einen Lieblingsbrief an Eva Hesse, eine amerikanische Malerin. Oft trage ich eine Abschrift davon mit mir herum. Darin heißt es: "Hör einfach damit auf, bedeutend zu sein! Sei auch mal blöd! Mal hin und wieder ein schlechtes Bild! Sei nicht cool – sei uncool!" Das sollte man hin und wieder bedenken.

Morgenpost Online: Das mit der schlechten Kunst – meinen Sie auch ernst?

Hopkins: Aber sicher! Sie sollten mal gesehen haben, wie Andy Warhol das Wort Kunst aussprach und danach die Augen verdrehte. Oder kennen Sie diese wunderbare Episode über Picasso? Richard Burton, der ein großer Verehrer war, wollte sich mit ihm treffen. Picasso stimmte zu. Aber es musste das "Maxim's" sein. Picasso erschien mit acht oder neun Leuten. Burton wurde blass, denn er war damals keineswegs vermögend. Aber der Abend wurde sehr schön. Als es ans Bezahlen ging, wollte Burton sein Scheckbuch zücken. Picasso war schneller und malte fix ein paar Striche auf eine Serviette. Husch husch, die Ober waren entzückt! Sie hatten plötzlich einen echten Picasso! Niemand musste bezahlen. Soviel zum Thema Kunst und Kunstverständnis.