Neuer Roman

Tanja Dückers Zeitreise ins alte West-Berlin

In ihrem neuen Roman "Hausers Zimmer" blickt die Berliner Schriftstellerin Tanja Dückers auf die Mauerstadt zurück. Ein Gespräch über Endzeitstimmung, Wendeverlierer und 68er-Eltern.

Foto: David Heerde

„Mehr West-Berlin geht nicht“ steht auf Werbeplakaten, die seit einigen Wochen in der Stadt hängen und das Europa-Center zeigen. Ausgerechnet, denkt man sofort. Im Grunde lässt sich die Werbung nur ironisch verstehen, denn das Gebäude und die Gestaltung der Geschäfte sind wie aus der Zeit gefallen.

„Mehr West-Berlin geht nicht“ würde besser zu Tanja Dückers' neuem Roman passen. „Hausers Zimmer“ (Schöffling, 496 Seiten, 24,95 Euro) heißt er und erzählt über das Leben der Schülerin Julika, die zusammen mit ihren Eltern und ihrem Bruder in einer riesigen Wohnung im Zentrum des Berliner Westens an der Lietzenburger Straße im Jahr 1982 lebt. Dückers erinnert an die Phänomene dieser Zeit – Peep-Show, Ratten, Popper, Lorettas Garten, Wit-Boy –, als die Stadt noch etwas schmuddliger, die politische Lage düsterer, die Stimmung raubeiniger war. Die erste Fassung von „Hausers Zimmer“ entstand 1999; in den Folgejahren hat sie die immer wieder überarbeitet. Ein Gespräch über ihren vierten Roman.

Morgenpost Online: Frau Dückers, warum haben Sie sich das Jahr 1982 ausgesucht?

Tanja Dückers: Es war eine Zeit, in der von Wende und Mauerfall nun noch überhaupt nichts zu spüren war. Es war die kälteste Zeit im Kalten Krieg. Es schien so, als würde das niemals aufhören. Mich interessiert diese Zwischenzeit, diese Zeit, als Deutschland für immer geteilt zu sein schien. Und in dem Jahr fand der Machtwechsel in Bonn statt und der ewige Kohl nahm die Geschäfte auf. Damit waren die siebziger Jahre beendet.

Morgenpost Online: Was für einen Roman haben Sie eigentlich geschrieben? Sie selbst haben vorgeschlagen, es sei ein Bildungsroman, es ist auch ein Jungmädchenroman, ein West-Berlin-Roman, ein Achtzigerjahre-Roman.

Tanja Dückers: Ich habe das Jahr nach einzelnen politischen Daten strukturiert: Der Machtwechsel von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl, der Tod Breschnews, die Verhaftung der RAF-Terroristen der zweiten Generation. Zudem herrschte eine unheimliche Stimmung des Sterbens überall; mit Waldsterben und Pershing-Raketen. Die achtziger Jahre waren eine morbide Zeit. Es hat auch eine neue Kraft entfesselt. Der Tanz auf dem Vulkan hatte Endzeitenergie; wir wollten alle noch einmal feiern, bevor uns die Atomsprengköpfe alle platt machen.

Morgenpost Online: Die Zukunft war negativ besetzt.

Tanja Dückers: Es war eine bizarre, bedrückende Zeit. Man hat diese unterschwellige Bedrohung in West-Berlin zu wohnen doch wahrgenommen. Ich hatte schon Angst.

Morgenpost Online: Ralf Rothmanns erster Roman spielte Mitte der achtziger Jahre in Schöneberg und der Leser spürt: Das waren schon recht raue Zeiten, auch im Umgang miteinander.

Tanja Dückers: Die Ästhetik war kühler, aggressiver. Es war eine sehr andere Zeit. Ich habe heute beinahe den Eindruck, in Berlin ist die Temperatur auch wärmer geworden, als wenn jemand eine Heizlampe über der Stadt angedreht hätte.

Morgenpost Online: Die Erzählerin, die 14-jährige Julika, schwärmt ausgerechnet für den größten Proleten im Haus, den Hauser.

Tanja Dückers: Hauser ist der Gegenentwurf zu ihren bildungsbürgerlichen Eltern. Dahinter steckt ja die Frage: Wie rebelliert man gegen Eltern, die eigentlich ganz in Ordnung sind? Da ist der Kulturbanause Hauser genau der Richtige. Er ist eine Wunschfigur, mit der sie ihre Träume auslebt: Raus aus dem politischen Berlin, raus aus der Düsterheit, wo alles dem Untergang geweiht zu sein scheint, nur weg nach Süden.

Morgenpost Online: Die riesige Wohnung – zusammen mit der Lebenslust der Eltern – lassen Julikas Leben aber auch erscheinen als würde sie in einer Trutzburg leben.

Tanja Dückers: Ich habe die Eltern teilweise als ziemlich kindlich beschrieben. Ich habe so viele Bücher gelesen, wo Autoren oft auch auf sehr schlichte Weise mit ihren Eltern abrechnen. Das wollte ich absolut nicht. Ich wollte ihre Widersprüchlichkeit zeigen…

Morgenpost Online: …es sind Achtundsechziger-Eltern, wie aus dem Bilderbuch….

Tanja Dückers: …genau, mit all den Widersprüchen. Nur weil sie antiautoritär waren, hieß das noch lange nicht, dass ihnen nicht auch gelegentlich die Hand ausgerutscht ist. Die Eltern sind ständig auf der Suche und verwirren damit natürlich auch ihre Kinder.

Morgenpost Online: In Ihrem Roman sind die Kinder die Vernünftigen, die ihre Eltern immer mal wieder zur Räson bringen müssen.

Tanja Dückers: Die Achtundsechziger haben selber oft keine richtige Kindheit gehabt und haben das als Erwachsene versucht nachzuholen. Auch dieses ständige Ausgehen, immer auf Achse sein. Heute würde sich ja das Jugendamt einschalten, so oft wie meine Eltern meinen Bruder und mich als Kleinkinder alleine ließen.

Morgenpost Online: Handys gab es auch nicht.

Tanja Dückers: Heute bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man eine Stunde im Restaurant ist und dem Babyphone nicht traut.

Morgenpost Online: Haben Sie ein Nostalgiebuch geschrieben?

Tanja Dückers: Es ist auch ein wenig Nostalgie dabei; das Vermissen von einigen Plätzen, einer Stimmung, das Stöbern auf Hinterhöfen, das Gefühl in einer endlosen Stadt zu leben. Denn obwohl es die Mauer gab, hatte man nicht das Gefühl räumlicher Beengung. West-Berlin war schon ein großer Abenteuerspielplatz. Damals war das Leben freiheitlicher, heute ist es kuscheliger.

Morgenpost Online: Also weder besser noch schlechter, sondern einfach nur anders.

Tanja Dückers: West-Berlin war als politisches Konstrukt gefährdet. Das wäre über Jahrzehnte hinweg einfach nicht mehr gut gegangen. Es hat sich allerdings auch zum Schlechteren gewandelt, weil die Stadt früher viel mehr etwas Besonderes war als heute.

Morgenpost Online: Gibt es noch das alte West-Berlin?

Tanja Dückers: Es gibt noch die Orte: Der Kudamm, Bahnhof Zoo, Funkturm, ICC. Aber es ist doch eine Degradierung West-Berlins, dass das Zentrum heute im Osten liegt. Das Kräfteverhältnis hat sich verschoben. Der Osten ist viel schicker, viel moderner als der Westen. Im Grunde skurril.

Morgenpost Online: Ist West-Berlin für Sie eine Zeitreise?

Tanja Dückers: Dort hat sich wenig geändert, in Charlottenburg gibt es noch diese Oma-Cafés. Als die Mauer fiel, bin ich immer in den Osten gefahren, um mich auf die Spuren einer vergangenen Zeit zu machen. Heute mache ich den Weg umgekehrt und reise in den Westen.

Morgenpost Online: Warum sind Sie in den Osten gezogen?

Tanja Dückers: Aus Neugierde natürlich. Ich wollte den Teil der Stadt entdecken, der so lange hinter der Mauer verborgen war.

Morgenpost Online: Seit 1995 leben Sie im Prenzlauer Berg.

Tanja Dückers: Und ich kann nicht verstehen, warum der Bezirk immer so runtergemacht wird. Schließlich sind hier nicht alle Leute wohlhabend und nicht jedes Geschäft verfolgt eine versponnene Idee. Ich bin in einer Mutter-Kind-Gruppe, die Hälfte davon lebt von Hartz IV. Berlin hat so viele Bezirke, es müssen ja nicht alle gleich sein.

Morgenpost Online: Die Häme über den Prenzlauer Berg stammt wohl daher, weil sich kein Bezirk, neben Mitte, so verändert hat.

Tanja Dückers: Es gehört zu Städten nun einmal dazu, dass sie sich verändern. Ich habe ein paar Monate in Rumänien gelebt und danach habe ich über die ganze Gentrifizierungsdebatte komplett anders gedacht. Die Rumänen habe mich gefragt: Wo ist das Problem, wenn bei euch ein Haus gestrichen wird, die Dinge in Ordnung gebracht werden? Mich stört diese anti-moderne Haltung der Gentrifizierungsgegner, die Fluktuation und Veränderungen in einer Großstadt nicht akzeptieren.

Morgenpost Online: Die Verteidigung des Außenklos.

Tanja Dückers: Es gibt auch noch die Verteidiger des Kohleofens, obwohl der so ungesund ist. Ich habe fünf Jahre in Neukölln in einer Einzimmerwohnung mit Kohleofen gewohnt. Das war in den Neunziger Jahren, bevor dort irgendetwas modernisiert wurde, und für mich ist da wenig, was da bewahrenswert gewesen wäre. Ich hatte Mord und Selbstmord im Haus, an meiner Tür waren rote Bluthände. Im Flur hatte die Hausmeisterin einen Zettel angeklebt: „Blut und Pisse bitte selber wegwischen.“

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