Nachruf

Seine Stimme war Wolfgang Spiers schärfste Waffe

Der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Spier ist im Alter von 90 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin gestorben. Seine hohe Stimme war sein Markenzeichen – und seine unwiderstehlichste, komische Waffe.

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Der Herrscher liebte es derb und direkt. „Lieber König am Boulevard als Schütze Arsch anderswo“, so hat Wolfgang Spier über sich selbst gesagt. Der König vom Kurfürstendamm, als welcher er an beiden Kudamm-Bühnen jahrzehntelang verehrt wurde, er war am ernsten Schauspieler-Fach nur knapp vorbeigeschrammt. Und zwar aufgrund eines kleinen, körperlichen Defektes, der ihn unverwechselbar machte. Wolfgang Spier fiepte. Seine hohe Stimme war sein Markenzeichen – und seine unwiderstehlichste, komische Waffe.

„Als junger Mann war ich unglücklich über die hohe Stimme“, so Spier noch unlängst, anlässlich seines 90. Geburtstages. „Ich wollte doch Helden spielen.“ Stattdessen blieb ihm genau diese Chance zeitlebens verwehrt. Schade drum. Was für ein toller Großinquisitor im „Don Carlos“ hätte er sein können. Was für ein blendender Polonius bei Shakespeare, was für ein abgründiger Mülltonnen-Bewohner in Becketts „Endspiel“. Spier nämlich war ein Joker, wo er immer auftrat. Unser Mann in Westend: An diesem dezentesten König von allen hat Berlin im Grunde noch etwas gutzumachen.

Vier Ehen, fünf Hüftoperationen

Der große Erfolg blieb ihm nicht versagt. Seine letzte Regie-Arbeit, „Der lustige Witwer“, hatte erst Ende Januar Premiere in Berlin. Seine Wohnung am Kaiserdamm konnte der Kränkelnde damals, für die Premiere, schon nicht mehr verlassen. Stattdessen verbeugte sich Co-Regisseur Jürgen Wölffer für ihn mit. Dass es ein Abschied war, hatte man trotzdem nicht vermutet. Spier, ein Langstreckenläufer der Komödie, schien unverwüstlich knackig, wo immer er in eine Kamera lachte.

Fünf Hüftoperationen hatte er überstanden. Viermal war er verheiratet. Von Mal zu Mal seien die Frauen jünger und die Ehen länger geworden, so Spier. „Das nenne ich aus Erfahrung lernen!“ Die letzte Ehe hielt immerhin fast 20 Jahre. Vom Tod des Schauspielers erfuhr die Öffentlichkeit durch seine drittletzte Ehefrau, die Schauspielerin Almut Eggert. Gesellschaft von Frauen war dem am 27. September 1920 geborenen Frankfurter grundsätzlich lieber als die von Männern. „Stammtische meide ich“, so Spier. Hinter der spaßigen Fassade verbarg sich, wie so oft, ein Konflikt und eine nicht weg zu diskutierende Tragik.

1939 machte er das Abitur am Berliner Bismarck-Gymnasium und wurde von der Schulbank weg zur Wehrmacht eingezogen. Abrupt erfolgte auch seine Zwangsversetzung zum Arbeitsdienst. Spier war „Halbjude“. Ein Studium als Mediziner: abgewiesen. Im Bankhaus Otto Scheuerman. das zahlreiche jüdische Vermögen verwaltete, arbeitete er bis Kriegsende.

Schauspielunterricht nahm er heimlich. Der Gang zum Theater geschah, weil es für ein Medizinstudium inzwischen zu spät war. Sein Hang zur Komik, er entsprang den grotesken Umständen eines eher knappen Überlebens. Aus der Kompanie, aus welcher man ihn mit Schimpf und Schande geworfen hatte, überlebte niemand den Zweiten Weltkrieg.

In Wiesbaden begann er Theater zu spielen bei Karl-Heinz Stroux. 1950 gehörte Spier bereits zu den Gründern des Berliner „Theaterclubs im British Center“, gemeinsam mit Horst Buchholz, Wolfgang Neuss und Ottokar Runze. Berlin ließ ihn nicht mehr los. An allen West-Berliner Bühnen vom Schiller- und Schlosspark-Theater über die Tribüne, das Hebbel-Theater, die Wühlmäuse und Stachelschweine arbeitete er. Eine kabarettistische Erdung war der geheime Grund seiner Neigung zum Boulevard.

Juhnke als Traumpartner

Berühmt geworden ist Wolfgang Spier nicht durchs Theater, wo man ihn beharrlich feiert. Sondern durchs Fernsehen. Als TV-Quizmaster der von Hans Rosenthal ins Leben gerufenen Hörfunk-Sendung „Allein gegen alle“ wurde Spier ab 1978, man darf wohl sagen: zur markantesten Glatze des deutschen Fernsehens. „Wer drei Mal lügt“ folgte von 1980 bis 1984. Es war ein entspanntes, angenehm unprätentiöses Format ohne Millionengewinne und ohne falschen Hype. Als Fernsehregisseur bei zahllosen Folgen des „Verrückten Paars“ mit Grit Böttcher und Harald Juhnke lernte Spier schließlich jenen Schauspieler besser kennen, an dessen Seite erst spät seine Boulevardtheater-Laufbahn in Schwung kam. „Sonny Boys“ mit ihm und Harald Juhnke in den Titelrollen bildete Mitte der 90er Jahre einen Dauerbrenner des Berliner Boulevards. Das krönte Wolfgang Spier zum „König des Boulevard“.

Sagen wir so: Er war der Liebling der Nebenschauplätze. Und wusste bei Glückwünschen zu neuen, vermeintlichen Traumrollen in Schwänken, Farcen und Komödien stets darauf hinzuweisen, die betreffende Rolle sei von denen, die ihm angeboten worden seien, die „relativ beste“ gewesen. Auch als Synchronsprecher von amerikanischen Schauspielern wie Donald Pleasence und Gene Wilder rückte er nicht wirklich so weit vor, wie es seinen Fähigkeiten entsprochen hätte. So schwingt in dem Königstitel auch ein Stück symbolischer Wiedergutmachung mit. Für einen Schauspieler, dessen Treue zum Berliner Theater unbegrenzt war.

Als Throninhaber sollte man volksnah sein. So gab Spier, nach seiner Lieblingssportart gefragt, ohne mit der Wimper zu zucken an: „Autofahren“. Seine Lieblingsspeise waren Bratkartoffeln mit Spiegelei und grünem Salat. (Man beachte das Gesundheits-Feigenblatt.) Er mochte Katzen. Das alles muss man sich in jenem Fistelton vorgetragen denken, der vor lauter Ärger über sich selbst heiser geworden ist.

Als 1989 ein Synchron-Nachfolger für die Titelfigur der Zeichentrick-Serie „Schweinchen Dick“ gesucht wurde, kam selbstverständlich nur ein Einziger in Betracht: Wolfgang Spier. Mit seinem Tode ist also auch die Stimme von Schweinchen Dick endgültig verstummt. Wer über diesen Sachverhalt lächeln muss, schickt dem Schauspieler Wolfgang Spier auf diese Weise ein dankbar anerkennendes Lächeln hinterher. „That's all Folks!“ war die zwinkernde Schlusswendung in allen Sendungen der rosa Schweinebacke: „Das wär's, Leute!“ Diesen Satz hat niemand komischer aufgesagt als Wolfgang Spier. Am Freitagabend ist er im Alter von 90 Jahren in Berlin gestorben.