Atomkatastrophe

"Besser die Bevölkerung wie Kinder behandeln"

Der deutsche Krisenforscher Frank Roselieb lobt das japanische Krisenmanagement. Er setzt auf Lernfähigkeit, auch hierzulande.

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Mit Blick auf die Informationspolitik in der Atomkatastrophe von Fukushima hat die Historikerin Sayaka Funada der japanischen Regierung vorgeworfen, sie behandle die Menschen wie Kinder. Der Kieler Krisenmanager Frank Roselieb hält dagegen: Es gehe auch darum, eine Panik in der Bevölkerung zu vermeiden.

Frank Roselieb : Wenn man ein Zwischenfazit geben möchte, so ist zu erkennen, dass die Krisenmechanismen in Japan greifen, alle wichtigen Entscheidungen sind nach einer Woche gefallen. Man weiß, wohin die Reise geht. Kein Land hat ja weltweit diese Erfahrung mit Katastrophen wie Japan. Was die mediale Aufmerksamkeit betrifft, so denke ich, dass das Thema in zwei Wochen aus den Medien verschwunden sein wird. Das war so beim Tsunami in Thailand und beim Erdbeben auf Haiti. Das ist schon deshalb so, weil die betroffenen Länder um ihren Tourismus fürchten und Japan zusätzlich um seine Exportwirtschaft.

Morgenpost Online : Hat die japanische Regierung ihre Entscheidungen wirklich vorbildlich kommuniziert? Im japanischen Fernsehen sagte die Historikerin Sayaka Funada, die Regierung behandle die Menschen wie Kinder. Und eine Energie-Expertin meinte, die Bevölkerung erfahre aus dem Internet mehr als vom Regierungssprecher.

Roselieb : Hier muss man zwischen Krise und Katastrophe unterscheiden. In einer Krise – nehmen wir als Beispiel den Dioxin-Skandal in Deutschland – muss die Regierung schnell informieren, um die Verbraucher zu schützen. Bei Katastrophen können Regierung und Behörden im schlimmsten Fall kaum mehr etwas retten. Jetzt müssen, wie nach dem Erdbeben in Japan geschehen, Auffanglager eingerichtet, Verletzte behandelt und Lebensmittel verteilt werden. Was die Reaktorunfälle betrifft, muss jede Information auch daran gemessen werden, ob sie dazu beiträgt, eine Panik in der Bevölkerung auszulösen. Deshalb hat die japanische Regierung ihre Informationen in homöopathischen Dosen verabreicht. Es ist in diesem Falle tatsächlich besser, die Bevölkerung „wie Kinder“ zu behandeln. Die Regierung kann ihre Entscheidungen nicht von Dritten hinterfragen lassen.

Morgenpost Online : Die Panikabwehr ist also höher zu bewerten als die Informationspflicht der Regierung?

Roselieb : Man muss sich die Frage stellen: Wer hat denn die Informationen? Das sind im Falle der Atomreaktoren die Betreiber, also die Energiekonzerne. Dann der Katastrophenschutz oder die Polizei. Also diejenigen, die unmittelbar mit der Katastrophe zu tun haben oder vor Ort sind. Die Regierung muss die von dort kommenden Informationen bewerten, bevor sie sie weitergibt und umsetzt. In Deutschland gibt es zwar bundesweite Messnetze für die radioaktive Belastung der Luft. Trotzdem dauert die Bewertung der Informationen immer eine gewisse Zeit. Ich bezweifle, ob wir das alles anders als in Japan machen würden.

Morgenpost Online : Wenn Sie das Katastrophenmanagement und die Krisenkommunikation in Japan und in Deutschland vergleichen: Was sind die Unterschiede?

Roselieb : Die Überschwemmungen von 1997 an der Oder und die Elbe-Flut fünf Jahre später zeigen einen ungeheuren Lerneffekt. Die Elbe-Flut fand ebenfalls zu Wahlzeiten statt, aber es waren keine so starken Instrumentalisierungen erkennbar wie noch 1997, als sich Politiker als Krisenmanager zu profilieren suchten. Ich würde die Prognose wagen, dass dies bei einem Atomunfall hierzulande oder in benachbarten Ländern ähnlich wäre. Dass als Reaktion auf die japanische Atomgefahr in manchen deutschen Regionen die Jodtablettenvorräte oder die Geigerzähler ausverkauft waren, muss man eher als kurzfristige Hysterie bewerten.

Morgenpost Online : Als Ausdruck der „german angst“? Im Gegensatz zu den ängstlichen Deutschen praktizieren die Japaner ja „Shoganai“, lächelnden Fatalismus.

Roselieb : Japan hat für Katastrophenfälle die ideale Gesellschaft: Sie ist überaltert, was Gelassenheit garantiert, und die Japaner leben seit Generationen mit Naturkatastrophen, es kommt also noch Erfahrung hinzu. Schließlich ist Japan das einzige Land der Welt, das zwei Atombombenabwürfe überstanden hat. Das prägt.