Pop

Hurts - mit fehlerfreiem Deutsch in Berlin

Strenge Scheitel, adrette Anzüge: Hurts ist die Achtzigerjahre-Band der Stunde, nicht nur musikalisch. Und in Berlin fühlen sich die Engländer zu Hause. Beim Konzert spricht Sänger Theo Hutchcraft die Fans sogar in fehlerfreiem Deutsch an.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Fußweg zur Columbiahalle wird von Sektflaschen gesäumt und leeren Plastikkelchen. Es ist kein gewöhnliches Konzert für Biertrinker. Es spielen Hurts aus Manchester, zwei junge Musiker in Maßanzügen, die etwas zu feiern haben: „Vor zwei Jahren saßen wir noch arbeitslos daheim, aber wir hatten einen Traum“, ruft Theo Hutchcraft in den ausverkauften Saal. „Der Traum erfüllt sich hier und heute, vielen Dank, Berlin!“ Der Sänger greift den Ständer seines Mikrofons, senkt demütig das Haupt und singt vom wundervollen Leben. Alle stimmen ein. „Wonderful Life“, der Radiohit der Hurts, handelt von einer Frau, die über eine Brücke läuft, und einem lebensmüden Mann, der vom Geländer in die Tiefe springen will. Die Frau verliebt sich auf der Stelle, sie redet dem Mann gut zu, das Leben sei so schön, sie rät: „Gib niemals auf.“ Es ist das Lied der Stunde, und verkörpert wird die Hymne von zwei Aufsteigern, die tadellos frisiert und angezogen auf der Bühne stehen und es selbst nicht fassen können.

Theo Hutchcraft war nach seiner Lehre als Akustiker beim Arbeitsamt gelandet, wo auch Adam Anderson gemeldet war, sein heutiger Pianist. Sie trafen auf dem Parkplatz einer Disco aufeinander, gründeten die Bands Bureau und Daggers, die erfolglos blieben und wieder zerfielen. „Wonderful Life“ kam ihnen in den Sinn. Um ihre erste vielversprechende Aufnahme zu illustrierten, filmten sie ein tanzendes Mädchen von der Straße. Das schwarzweiße Video fand den Weg ins Internet, und Hurts fanden sich im vergangenen Sommer in den Hitparaden, Clubs und Mehrzweckhallen wieder. „Tausendtausendtausenddank!“, sagt Hutchcraft in Berlin, auf Deutsch.

Es geht um tiefempfundene Dankbarkeit, um Zuversicht und Wachstum. Ihr Debütalbum, mit dem sie unermüdlich unterwegs sind, trägt den Titel „Happiness“. Zu den zwölf Stücken kommen im Konzert zwei weitere hinzu, ein neuer Song heißt einfach wieder „Happiness“. Das schmale Repertoire wird durch „Confide In Me“ gestreckt, die 17 Jahre alte Prachtballade von Kylie Minogue. Die Säle wachsen, und die Bühnen werden weitläufiger und mit Musikern gefüllt, mit Instrumenten und Gerätschaften. Einem gewaltigen Schlagzeug, einem mehrstöckigen Synthesizer, einem Streicher, der auch Saxofon spielt, einem Gitarristen. Neben Hutchcraft steht ein zweiter Sänger mit herab hängenden Armen, starr wie ein Homunkulus. In überwiegend kühlem Blaulicht und vor formschön projizierten Kringeln. Davor wirken Anderson und Hutchcraft wie die Buchhalter der Band, die ungläubig ihren Besuchern dabei zusehen, wie sie mit ihnen singen, tanzen und gelegentlich sogar in Ohnmacht fallen.

Theo Hutchcraft, der Max Raabe des gepflegten Achtzigerjahre-Pops, sagt wiederum in fehlerfreiem Deutsch: „Berlin, endlich sind wir zu Hause angekommen.“ Das ist nicht nur nordenglische Höflichkeit. Es geht um das Verorten in der Popgeschichte. Mehr bleibt hoffnungsvollen Musikern wie Hurts heute nicht übrig. David Bowie ging vor 35 Jahren nach Berlin, trug einen strengen Scheitel und adrette Anzüge, um originell zu sein und um die Achtzigerjahre zu erfinden. Hurts fühlen sich in Berlin zu Hause wegen David Bowie und wegen der Achtziger. Sie werden künftig mit den Retroschleifen ihre Kreise ziehen. Bands wie Human League, Duran Duran und Alphaville erinnern in Konzerten an sich selbst, und Hurts erinnern an deren Musik und deren Haltung. An ein Pop-Jahrzehnt, das 1990, als die Welt sich neu sortierte, kurz verspottet wurde, und seither als ewiges Revival wiederkehrt. Nicht nur in Form von Songs wie „Silver Lining“, „Stay“ und „Better Than Love“ von Hurts, in sachlicher Romantik und berührender Künstlichkeit. Sondern mit Kamm und Bügeleisen gegen Zumutungen aller Art. So feierlich gestimmt machen sich jung und alt gemeinsam auf den Heimweg.