Kult-Musical

"Cats" versucht allen Moden zu trotzen

Am Sonntag startet die Show in Berlin im schwarzen Riesenzelt hinter dem Hauptbahnhof. Es ist die zweite Station nach Hamburg.

Foto: Roland Magunia

Bunt tummelt es sich auf dem roten Teppich, denn Musicals sind für alle da. Neben der jungen Frau im Cocktailkleid aus der H&M-Kollektion wartet ein Pärchen in Jeans und gutem Pullover auf den Einlass. Mutter und Tochter nippen an der Bar einen Sekt, bevor die Show beginnt. Am Stehtisch daneben trinkt ein älteres Paar seinen Wein, er im Anzug, sie im Kostüm. Gut gemischt ist das Publikum, das an diesem Abend „Cats” sehen möchte. Andrew Lloyd Webbers Kreation – eine der bekanntesten und erfolgreichsten ihrer Gattung – wird dreißig, und Anfang des Jahres startete anlässlich des Jubiläums eine dreijährige Tour durch das deutschsprachige Europa.

Der Erfolg begann in Hamburg

Berlin, wo das eigens für die Tournee konzipierte, schwarze Riesenzelt seit dieser Woche hinter dem Hauptbahnhof steht, ist zweite Station nach Hamburg. Die Hansestadt war mit Bedacht ausgewählt: Dort begründete die Deutschland-Premiere von „Cats“ vor 25 Jahren den zeitweilig riesigen Erfolg des Musicalgeschäfts hierzulande. Beim Publikum hatte die Aufführung im Operettenhaus ein regelrechtes „Musicalfieber“ ausgelöst.

Von fieberhafter Begeisterung ist an dem Februarabend in Hamburg nichts zu merken. Manche Besucher wollen das Musical wieder sehen, weil sie es aus den 80ern kennen. Anderen fehlt „Cats“ noch in ihrer Kollektion, und sie nutzen die Chance, diese Lücke zu füllen. Sammlerwert besitzt die Version, die im eigenen Zelt durch Europa tingelt: Es ist die Londoner Original-Inszenierung aus dem Jahr 1981, wenn auch in deutscher Sprache.

Eingekauft haben die beiden deutschen Produktionsfirmen das Original bei Lloyd Webbers „The Really Useful Group“, die das Musical per Lizenzvergabe weltweit vermarktet. Choreographie, Bühnenbild, Kostüme – alles sieht aus wie damals, die schrillen Catsuits, die wilden Perücken, die Nietenhalsbänder und handgestrickten Stulpen, die quietschbunte Kulisse. Lloyd Webber vertonte einst ein Kinderbuch des Literaturnobelpreisträgers T.S. Eliot, „Old Possum's Book of Practical Cats”. Aus der Reihung von Gedichten wurde eine musikalische Nummernrevue. Ein Song jagt den nächsten. Energetischen Poprock mischte Lloyd Weber in dem ihm eigenen Eklektizismus mit Elementen geistlichen Gesangs oder einem schottischen Militärmarsch, inklusive Dudelsack. Immerhin spielt die Band live.

Eher lose ist auch die Rahmenhandlung: Die Katzen versammeln sich alljährlich auf einem Schrottplatz zum „Jellicle Ball“. Sie stellen sich einander und dem Publikum vor, und ihr Anführer Alt Deuteronimus wählt zum Schluss eine von ihnen aus, die wiedergeboren wird. „Cats“ ist ein dreistündiges Vortanzen, ein Meta-Musical wie die Broadway-Produktion „A Chorus Line”. Nur ohne Dialoge.

Zwischen der Präsentation einzelner Katzen – des diebischen Duos Rumpleteazer und Mungojerrie oder des eigensinnigen Rockstars Rum Tum Tugger, mitreißend dargestellt von Dominik Hees –, zwischen den Rollenwechseln des alten Theaterkaters Gus und der Geschichte vom Kampf der Hunde verliert man schon einmal den Überblick. Dann lässt sich überlegen, ob diese Produktion nicht hoffnungslos verspätet dem 80er-Jahre-Revival nacheilt, „Cats”-Jubiläum hin oder her.

Der erste Akt ist zäh, obwohl sich die Darsteller redlich Mühe geben das Publikum zu gewinnen. Vielleicht sitzt ihnen die kräftezehrende Durchlaufprobe vom Vortag noch in den Knochen. Achtmal spielen sie pro Woche, dazu kommen das Training und regelmäßige Ausputzproben, bei denen ihre Darstellung wieder dem eingekauften Original angepasst wird. Drei Vertreter von Lloyd Webbers Company waren eigens aus London entsandt worden, um „Cats” mit der neuen Crew einzustudieren.

Für Musicaldarsteller ist es eine der anstrengendsten Shows, wie der Company Manager Stephan Offenhammer erzählt. Sie müssen Singen, Tanzen, Schauspielen – und alles gleich gut. Dementsprechend schwierig sei es gewesen, die Rollen zu besetzen. Bei den Auditions traten 1000 Musicaldarsteller an, 31 wurden letztlich ausgewählt. „Die Besten“, wie Offenhammer betont. Und die Fittesten, denn die Choreographie aus Ballett, Jazz und Modern Dance-Elementen ist fordernd auch für die Fähigsten. „In der Pause sind sie klatschnass geschwitzt”, so der Company Manager. Doch das Schwitzen lohnt, denn „Cats gilt in der Branche noch immer als Ritterschlag, für die Darsteller und das gesamte Team.

Während die Ausgewählten ihre athletische 16-Minuten-Nummer am Ende des ersten Aktes tanzen, schweift der Blick über das kleinteilige Bühnenbild. Fahrradreifen, Dosen, Zeitungen im Größenverhältnis 3 zu 1, ein Schrottplatz aus Katzenperspektive. Ein altes Auto trägt das Nummernschild „N 19“. N wie Napier: Das Original-Bühnenbild von John Napier wurde für die Tour zum 19. Mal nachgebaut. Auf den Vorteil der manegeartigen Rundbühne weisen die Veranstalter gern hin: Mehr als zwanzig Meter ist man auf keinem Platz von den Katzen entfernt, ob die Karte nun 20 oder 100 Euro kostete. Ausverkauft ist die Show nicht an diesem Freitagabend, einige Reihen sind komplett leer. Geschätzte 1300 Menschen schauen sich das Musical an. Die Veranstaltungsmaschinerie ist gut geölt.

Gelbe Augen auf schwarzem Grund

Aber ob sich der Aufwand lohnt? 60000 Euro müssen dem Produzenten Michael Brenner zufolge pro Vorstellung eingespielt werden, um von der Kostendeckung in die Gewinnzone zu gelangen. Umsatz wird sicher auch mit den Merchandising-Artikeln erzielt. Zehn Euro kostet allein das Programmheft. In der „Cats-Welt”, wie Brenner den Eingangsbereich nennt, kann man sich zur Pause mit Tassen, T-Shirts, Tonaufnahmen eindecken, und von jeder verfügbaren Oberfläche starren die gelben Augen auf schwarzem Grund, das Markenzeichen.

Der zweite Akt ist eine Erleichterung, er ist eingängiger, klarer strukturiert, handlungsreicher. Dass der Zauberkater Mr. Mistoffelees seine 24 Pirouetten nicht mit der technischen Brillanz eines Balletttänzers dreht, und dass der ein oder andere schräge Ton den Himmelfahrts-Song der räudigen Glamour-Katze Grizabella begleitet, stört kaum jemanden. Ausgelassen, von der Auferstehung gerührt oder auch nur trennungstrunken wird am Ende doch noch begeistert mitgeklatscht.

Theaterzelt am Hauptbahnhof Premiere am 13.3. Vorstellungen vom 14.3. bis 24.4., Di-Mi 18.30 Uhr, Do-Fr 20 Uhr, Sa 15 und 20 Uhr, So 14 und 19 Uhr. Tel:0180-5152530