Rock

Beim Thema Afghanistan wird PJ Harvey schlecht

PJ Harveys neues Album heißt "Let England Shake". Die Sängerin widmet sich der Politik und singt ihre Wut Englands Ex-Premier Gordon Brown entgegen.

Morgenpost Online: Ihr neues Album heißt "Let England Shake". Das klingt wie der Aufruf zu einer Revolution. Ist es das, was Sie wollen?

PJ Harvey: Ich weiß nicht, was denken Sie?

Morgenpost Online: Dass Sie die Leute mindestens wachrütteln und zum Denken anregen wollen, wenn Sie wie in "The Words That Maketh Murder" von durch die Gegend fliegenden Leichenteilen singen ...

Harvey: Ich will Gefühle hervorzurufen. Ich versuche mit meinen Songs Ideen zu präsentieren, die die Leute hoffentlich dazu bringen, sich selbst Gedanken zu machen und ihren eigenen Standpunkt zu finden. Gleichzeitig versuche ich meine Texte in Interviews nicht zu sehr zu analysieren und auseinander zu nehmen. Ich möchte die Songs offen lassen, damit die Hörer sie selbst interpretieren können.

Morgenpost Online: Wie politisch darf Popmusik sein?

Harvey: Kunst in all ihren Formen und Facetten kann auf sehr scharfsinnige und doppeldeutige Art genutzt werden - und somit sehr provokant sein. Dafür interessiere ich mich was meine Arbeit betrifft. Ich habe versucht, sehr mehrdeutig zu texten, man kann alle möglichen Bilder oder Schlüsse aus meinen Songs ziehen.

Morgenpost Online: Was hat Sie dazu gebracht, Kriege zum Thema Ihres Albums zu machen?

Harvey: Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in der Tageszeitung etwas über Afghanistan gelesen habe. Mir wurde förmlich schlecht, weil ich gleichzeitig so frustriert, wütend und voller Scham war. In dem Moment hatte ich plötzlich das Gefühl, dass es für mich sehr wichtig ist, jetzt in dieser Phase meines Lebens einige dieser Gefühle zu artikulieren.

Morgenpost Online: Den Titelsong "Let England Shake" haben Sie letztes Jahr in der britischen TV-Sendung "The Andrew Marr Show" vorgestellt. Am selben Tag war auch der britische Premierminister Gordon Brown zu Gast.

Harvey: Eine Woche vor den Wahlen so einen Song vor dem Premierminister zu singen, war eine unglaubliche Möglichkeit, von der ich nie zu träumen gewagt hätte.

Morgenpost Online: Konnten Sie den Gesichtsausdruck von Gordon Brown sehen, als Sie die Zeile "Englands dancing days are gone" sangen?

Harvey: Leider nicht! Ich sah ihn nur von hinten (lacht). Und ich hatte aus Sicherheitsgründen auch nicht die Möglichkeit mit ihm zu sprechen. Aber immerhin hörte er den Song und sah mich dabei, wie ich ihn auf der Bühne sang.

Morgenpost Online: Welchen Stellenwert hat Politik?

Harvey: Politik war mir schon immer wichtig - und deswegen war dieser Tag auch so besonders für mich. Aber ich habe erst kürzlich begonnen, über solche Dinge in meinen Liedern zu schreiben, weil ich mich als Songschreiberin bisher nicht gut genug fühlte. Ich hatte nicht das nötige Selbstvertrauen. Jetzt wo ich etwas älter bin und mehr Erfahrung habe, hatte ich das Gefühl, dass ich solche Themen in meiner Musik ansprechen kann.

Morgenpost Online: Kommen Sie denn aus einem politischen Elterhaus?

Harvey: Meine Eltern sind politisch und wir haben solche Dinge zu Hause diskutiert. Allerdings haben wir sehr unterschiedliche Ansichten. Als Kind kannte ich natürlich nur Ihre Sichtweise. Wenn man älter wird, entwickelt man seine eigenen Ideale.