Pisa-Studien

In der Bildungsrepublik Deutschland herrscht Zensur

Statt die Pisa-Ergebnisse der Bundesländer zu vergleichen und nach Ursachen zu suchen, werden entsprechende Studien verboten.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass im Bereich der Bildung die deutschen Einrichtungen im ganzen denen aller übrigen Länder überlegen sind. In diesem Satz fehlen die Anführungszeichen. Es handelt sich um ein Zitat aus dem Jahre 1869. Autor war der Rektor der Berliner Universität, der Physiologe Emile du Bois-Reymond. Sein nationales Pathos spiegelte einen internationalen Konsens wider. Harvard blickte nach Heidelberg. Das deutsche Bildungswesen stand in der Welt an der Spitze.

Mit dieser Spitzenstellung ist es seit langem vorbei. Die glorreiche deutsche Bildungsvergangenheit wird jetzt von unseren europäischen Nachbarn beschworen – schadenfroh, weil die Gegenwart so weit davon entfernt ist. Die Pisa-Studien haben gezeigt, dass im internationalen Vergleich der OECD-Länder die Bildungsrepublik Deutschland bestenfalls Durchschnitt ist. Dass einzelne deutsche Länder dabei besser abschneiden, sollte man nicht überbewerten. Trocken bilanzierte ein Fachmann, das hochgelobte Bayern sei in seinen Schulleistungen, international gesehen, auch nicht mehr als das Bremen Kanadas.

Wettbewerb begründete die Weltgeltung der deutschen Hochschulen

Verantwortlich für die Weltgeltung der deutschen Bildungseinrichtungen im 19. Jahrhundert war nicht zuletzt der Wettbewerb der einzelnen deutschen Länder und Staaten, ihr Ehrgeiz, über die besten Schulen und Universitäten zu verfügen. Heute wird die Forderung nach einem „koordinierten Bildungsföderalismus“ oder einem „kooperativen Föderalismus“ erhoben. Zeigt sich darin das Versprechen einer Länderkonkurrenz, welche die nationalen Bildungsleistungen steigert? Ist die Exzellenzinitiative der Universitäten dafür nicht das beste Beispiel? Sollte es wieder zu einem Wettbewerb kommen, der Deutschland in der Vergangenheit zum „Bildungsparadies“ machte?

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Ein Fall aus jüngster Zeit zeigt, wie schnell es in der Kultusministerkonferenz (KMK) unter den Bundesländern zu einer großen Koalition der Konkurrenzverweigerer kommen kann. In einem echten Wettbewerb müssten die Länder bereit sein, die Leistungen ihrer Schüler genau messen zu lassen – und in einen Vergleich mit den anderen Ländern einzutreten. Dazu sind die Länder aber nicht bereit.

Die Pisa-Studien zeigen deutliche Unterschiede

Mehr noch: Sie untersagen entsprechende Untersuchungen. In der Bildungsrepublik Deutschland herrscht Zensur. Die bisherigen Pisa-Studien zeigten deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern. Auf die Frage nach den Ursachen dieser Differenzen sind alle Antworten noch längst nicht gefunden. Um Antworten wollten sich Bildungsforscher in einer Studie zum kindlichen Wohlbefinden in Deutschland und seinen Bundesländern bemühen, die sich an entsprechende Untersuchungen der Unicef anschließt.

Der Forschungsantrag zur Einsicht in die Daten der Pisa-Studien von 2003 und 2006 aber wurde von der „Amtschefkommission ’Qualitätssicherung an Schulen’ der KMK“ nur mit einer strengen Auflage genehmigt: „Jegliche Form von Vergleichen zwischen den Bundesländern ist nicht gestattet.“ Eine Begründung für dieses Verbot wurde nicht gegeben. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf? Welche Forschungsergebnisse fürchtet man? In der Bildungsrepublik Deutschland herrscht Zensur.