Brennpunkt Nordafrika

Ägypten rechnet mit Mubaraks Stars ab

"Atombomben auf den Tahrir-Platz": Eine Schwarze Liste ruft zum Boykott von Künstlern auf, die zum gestürzten Regime standen.

Foto: AP / AP/DAPD

Es ist nach jeder Revolution dasselbe. Wenn der Diktator erst verjagt und das verhasste Regime endgültig erledigt ist, will niemand mehr auf der falschen Seite gestanden haben. Auch in Deutschland haben wir mit diesem Phänomen ja in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt Bekanntschaft gemacht. Für alle jene, die sich mit dem Regime ganz gut arrangiert hatten, für die Mitläufer und Profiteure, gilt es also, im revolutionären Chaos den rechten Zeitpunkt zum Absprung nicht zu verpassen.

Man kann wohl sagen, dass die bekannte ägyptische Schauspielerin Samah Anwar bei dieser Übung versagt hat. Als sich Hunderttausende auf dem Tahrir-Platz gegen Mubarak versammelten, forderte sie den Einsatz von „Kampfflugzeugen und Atomwaffen“ gegen die Demonstranten. Dass das Land über gar keine Atomwaffen verfügt, werden die Ägypter kaum als Entschuldigung gelten lassen. Anwars Karriere könnte nun ernsthaft ins Stocken geraten, ihre Name findet sich auf einer Schwarzen Liste, die seit einigen Tagen im Internet kursiert und von der in London erscheinenden Zeitung Asharq al-Awsat veröffentlicht wurde.

Ägyptische Menschenrechtler rufen dort zum Boykott von Künstlern, Schauspielern, Musikern und Journalisten auf, die dem Regime bis zum Schluss die Treue hielten. Der Filmstar Tamer Hosni ist auf der Liste, weil er die Demonstranten aufforderte, nach Hause zu gehen. Später – ihm muss wohl klar geworden sein, dass er auf das falsche Pferd gesetzt hatte – macht er sich trotzdem auf zum Tahrir-Platz, um Buße zu üben und seine Karriere zu retten. Doch die Demonstranten kannten kein Erbarmen und jagten ihn unter Buhrufen und Pfiffen nach Hause. In seiner Verzweiflung hat der Schauspieler nun sogar ein Video auf der Internetplattform YouTube veröffentlicht, in dem er unter Tränen um Vergebung bittet.

Auf der Schwarzen Liste findet sich sein Name trotzdem ebenso wie der seiner Kollegin May Kassab. Sie hatte die Demonstranten als „dumm“ bezeichnet. Wohl zu spät, nur einen Tag vor Mubaraks Rücktritt, behauptete sie plötzlich, sie habe ja nichts von dem brutalen Charakter des Regimes geahnt. Und für die Karriere von Talaat Sakaria wäre es wohl besser gewesen, er hätte die Menschenmassen im Stadtzentrum von Kairo nicht als „sexbesessene Drogenabhängige“ verunglimpft.

Nicht alle Fälle sind so eindeutig. Uneinigkeit herrscht beispielsweise in der Frage, ob der Boykott auch für Künstler gelten solle, die während der Revolution keine Stellung bezogen hatten, sondern ins Ausland geflüchtet waren. Und die Fernsehmoderatorin Mona Schasly zum Beispiel wurde auf dem Tahrir-Platz von jubelnden Anhängern begrüßt, die sie klatschend als „Stimme des freien Ägyptens“ feierten und musste wenig später vor Demonstranten fliehen, die sie als Verräterin brandmarkten und mit Steinen bewarfen.

Auch Journalisten-Funktionäre im Visier

Im ägyptischen Journalismus sind vielleicht bisher die deutlichsten Veränderungen zu beobachten. Beim langjährigen Regierungssprachrohr "al-Ahram" lagen nur zehn Tage zwischen der Überschrift „Millionen bitten Mubarak zu bleiben“ und dem Aufmacher „Das Volk verjagt das Regime“ am Tage nach dem Rücktritt des Präsidenten. Am selben Tag veröffentlichte das staatliche Fernsehen eine offizielle Entschuldigung für seine einseitige Berichterstattung während des Aufstands und gratulierte dem ägyptischen Volk für seine „reine, großartige Revolution, die von den Besten der ägyptischen Jugend“ angeführt worden sei.

In vielen Redaktionen fordern die Redakteure nun die Köpfe ihrer Vorgesetzten. Die Angestellten der staatlichen Nachrichtenagentur Mena beschuldigten ihren Chefredakteur offen der Bestechlichkeit. Bei dem Blatt "al-Gomhourija" und dem "Magazin Rose al-Jussef" verlangten aufgebrachte Redakteure Veränderungen in der Führungsriege. Der Vorsitzende der Fernseh- und Radiogewerkschaft, Osama al-Skaikh, ist bereits zurückgetreten.

Höhepunkt dieser gefühlten Freiheit war aber wohl die Vertreibung des langjährigen regimetreuen Vorsitzenden des ägyptischen Pressesyndikats. Makram Mohammed Ahmad hat wohl die Quittung dafür bekommen, die ständigen Angriffe der Regierung auf ägyptische Journalisten jahrelange ignoriert zu haben. In seiner Funktion als Generalsekretär der Vereinigung Arabischer Journalisten hatte er im vergangenen Jahr einen Preis an den jüngst vertriebenen tunesischen Präsidenten Ben Ali vergeben. Ben Ali wurde ausgerechnet für die „Verteidigung der Pressefreiheit in der arabischen Welt“ geehrt.