Liedsänger

Matthias Goerne und die "zweifelhaften Meisterklassen"

Sänger Matthias Goerne spricht im Interview über seine Arbeit mit Dietrich Fischer-Dieskau und das Problem vieler Meisterklassen.

Foto: Marco Borggreve

Morgenpost Online: Können Sie sich noch an ihren ersten Höreindruck von Dietrich Fischer-Dieskau erinnern?

Matthias Goerne: Das war natürlich noch zu finstersten DDR-Zeiten. Da ich aus einem sehr kulturgesättigten Elternhaus komme, gehörten seine Platten bei uns quasi zur akustischen Wohnzimmereinrichtung. Freilich in den billigeren Eterna-Pressungen made in DDR. Die Aufnahmen waren ja bisweilen gemeinsame Projekte der West- und Ostfirmen, manches, wie die Schubert-Zyklen, gab es auch in Lizenz. So hatten die einen unverkennbaren vokalen Stempel. Als Opernsänger habe ich ihn freilich nie so wahrgenommen. Dieskau und Elisabeth Schwarzkopf das waren die Liedgötter, an denen man nicht rüttelte, quasi erzenes Bildungsgut.

Morgenpost Online: Dahinter freilich verbarg sich ein lebendiger Mann....

Goerne: ... den ich dann Ende der Achtzigerjahre erstmals in einem Konzert mit Musik von Richard Strauss mit seiner Frau Julia Varady erlebt habe.

Morgenpost Online: Was war er damals für Sie?

Goerne: Ein professionelles Vorbild, in jeder Hinsicht. Er hat dem Lied eine Aura und ein Gesicht gegeben. Immer war bei ihm dieser unbedingte Kunstanspruch spürbar, dieses "Hier geht es ums Ganze", verbunden mit großer Neugierde auf das gesamte Repertoire. Mir imponierte die Plastizität seines Vortrags, seine Energie, die Sorgfalt, die er auf die Darstellung der Texte legte. Das wirkte zugleich reflektiert und spontan, bewusst und doch wie zum ersten Mal.

Morgenpost Online: Wie kamen Sie dann mit ihm in Kontakt?

Goerne: Das muss 1988 gewesen sein. Ich hatte einen Wettbewerb gewonnen und ein für ein Jahr gültiges Westvisum. Aribert Reimann war in der Jury und meinte, ich müsse mich unbedingt Fischer-Dieskau vorstellen. Da war dann ein Platz in seiner Meisterklasse frei, ich wurde ihm vorgestellt, und später rief er mich persönlich an und lud mich ein.

Morgenpost Online: Er selbst?

Goerne: Ja, das war ganz erstaunlich, er hatte wohl ein Band von mir bekommen plus die Empfehlung von Reimann, das genügte ihm, er wollte mich unbedingt haben.

Morgenpost Online: Wie wird man "Schüler"?

Goerne: So nennen sich ja viele, die höchstens einmal eine dieser doch etwas zweifelhaften Meisterklassen besucht haben, wo vor Publikum für ein paar Stunden an einem Lied gearbeitet wird. Bei uns war das auch so, ohne Publikum, aber für eine begrenzte Zeit. Die dann einfach weiterging. Wir fanden diese Begegnung offenbar beide sehr sinnstiftend. Denn nicht nur ich wollte lernen, er wollte immer auch vermitteln, weitergeben. Und wenn seine Saat aufging, umso besser. So fuhr ich - die Mauer war längst gefallen - fast wöchentlich immer von Leipzig, wo ich weiter bei Hans-Joachim Beyer studierte, für Gesangstunden zu ihm nach München oder Berlin. Und später dann auch noch zu Elisabeth Schwarzkopf nach Zürich. Zwei große Namen, zwei strenge, auch unerbittliche Lehrer, aber ich habe von ihnen unendlich viel gelernt. Und glaube, mich wirklich deren Schüler nennen zu dürfen. Sie haben mich schließlich auch so weiterempfohlen.

Morgenpost Online: Wie war dieses Lehrer-Schüler-Verhältnis?

Goerne: Herzlich, aber auch distanziert, ganz auf die Sache konzentriert. Ich nenne es kreative Distanz. Über Privates redete man nicht. Aber natürlich habe ich ihn auch immer wieder gefragt, ob ich dies und das singen solle. Er hat aus dem Hintergrund beobachtet, war interessiert und informiert. Aber er ist nicht in meine Konzerte gekommen, wie sollte er auch, er ist und war viel beschäftigt, hatte noch diverse andere Schüler. Es war ein wunderbares, konzentriertes Arbeitsverhältnis. Und als ich ausgelernt hatte, war es auch vorbei. Er ist nicht unbedingt der Typ, der zwischen Schülern Hof hält. Aber stolz ist er schon auf die, welche aus seinem Stall kommen und es geschafft haben.

Morgenpost Online: Was haben Sie von ihm mitgenommen?

Goerne: Die Fähigkeit, auf sich selbst zu hören. Es muss für den Sänger natürlich und richtig klingen. Und man sollte sparsam mit Affekten umgehen. So wie es Dietrich Fischer-Dieskau immer vorgemacht hat.

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