Ausstellung

Haus der Kulturen zeigt perfekten Papierflieger

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Lucy Fricke

Foto: Promo

Der Traum vom Fliegen ist wohl so alt wie die Welt. Deshalb widmet das Haus der Kulturen in Tiergarten dieser großen Sehnsucht eine ganze Ausstellung.

Zwischen Schamanenkostüm und Schleudersitz liegen nur fünfzehn Meter, dazwischen gibt es Speerspitzen, Uhren, ein Triebwerk, die Biografien der bekanntesten Luftfahrtpioniere und ein Paar Sprungschuhe. Die Ausstellung „Der Traum vom Fliegen – The Art of Flying“, die seit dem Wochenende im Haus der Kulturen der Welt zu sehen ist, hat sich viel vorgenommen. Die Kuratoren wollen das Wissen aus Technologie, Biologe und Wissenschaftsgeschichte verbinden mit kulturhistorischen, soziologischen und ethnologischen Erkenntnissen. Am Ende jedoch steht eine populärwissenschaftliche Schau ohne großen Gewinn. Die fehlende Tiefe bietet der begleitende Katalog. Dort wird fundiert und ausführlich eingegangen auf die Aspekte Traum, Technologien und Reserven. Die Geschichte des Fliegens, angefangen beim Werfen über den Zeppelin bis hin zu Mondraketen, wird erläutert, ebenso der Schamanismus und jegliche Art von Trancezuständen.

Es darf experimentiert werden

Das Rahmenprogramm klingt recht vielversprechend. Es gibt das täglich geöffnete Fluglabor, wo es um die große Frage geht, wie der Körper verändert werden müsste, um fliegen zu können. Es darf sich aber ebenso mit kleineren, nicht minder wichtigen Fragen beschäftigt werden, wie die nach dem perfekten Papierflieger. Gemeinsam mit Künstlern und Computerfachleuten kann hier experimentiert werden. Darüber hinaus gibt es die Flugtage, an denen der Modellbau ausprobiert werden kann oder Schüler der Kulturwerkstatt eine Performance präsentieren. Am Girl’s Day erfahren Mädchen, welche Berufe, außer Stewardess, es in der Luftfahrtindustrie für sie gibt.

Die Ausstellung selbst hingegen beginnt etwas sehr nahe liegend mit Aufnahmen aus dem Dokumentarfilm „Nomaden der Lüfte“, gefolgt von einigen Vogelpräparaten. Im Nebenraum warten Sitze aus der Business Class und Videospiele mit Flugsimulationen, die so veraltet sind, dass sie fast schon liebenswürdig genannt werden können. Im wahrsten Sinne Schwindel erregend sind die „Upside Down Googles“ von Carsten Höller. Konstruktionen, die aussehen als taugten sie zur Gehirnwäsche, allerdings im Wesentlichen nur eine Brille sind, durch die der Besucher die Welt auf dem Kopf stehend sieht. Der Gleichgewichtssinn wird dermaßen gestört, dass im günstigsten Fall eine Art Schwebegefühl entsteht. Hat der Träger eine nicht ganz so robuste Konstitution wird ihm einfach nur übel. Andere Gäste mit diesen Apparaturen durch die Halle tapsen zu sehen, ist der amüsanteste Anblick in der Ausstellung.

Die gesamte Schau hat etwas von einem Kinderzimmer, das vollgestopft ist mit den Geschenken von Verwandten. Wer aus dem eigenen Kinderzimmer ausgezogen ist, findet hingegen wenig Neues. Selbstverständlich muss eine Ausstellung nicht mit noch nie gezeigten Stücken aufwarten, oft reicht es, die Objekte in einen anderen Kontext zu stellen, sie so miteinander zu verbinden, dass der Blick darauf ein gänzlich neuer wird. In der Ausstellung werden jedoch lediglich Schlüsselbegriffe zum Thema aneinander gereiht. Neue Blickwinkel oder gar Erkenntnisse ergeben sich nicht. An den Wänden sind Geschichten von Drogentrips zu lesen, von optischen Täuschungen und dem Schweben im Mutterleib, auf den Monitoren laufen Walt Disney Comics und Videos von Männern, die sich mit speziellen Flugkostümen in den Abgrund werfen, die so genannten Birdmen.

Der Traum vom Fliegen ist uralt

Der uralte Traum vom Fliegen ist immer auch ein egozentrischer. Es ist schon lange kein Traum mehr, eingepfercht mit Hunderten von Leuten von Berlin nach New York zu fliegen. Es ist der Traum allein zu fliegen, nur der eigene Körper. Sich erheben wollen, auch über all die armen Wesen da unten. Es ist die Sehnsucht nach Schwerelosigkeit, nach dem Getragen-Werden und die nach dem größten Kick. Niemand würde, wenn auch mit einem Fallschirm am Rücken, aus einem Flugzeug springen, wäre die damit verbundene Euphorie und das Gefühl von Freiheit nicht so unfassbar groß.

Und schließlich träumt der Mensch vom Fliegen, weil er es kann. Er kann schlafend in seinem Bett liegen und über namenlose Gegenden fliegen, er kann in seiner Erinnerung Orte aus der Vogelperspektive sehen und er kann, wie es von Nahtod-Erfahrungen berichtet wird, sich selbst von oben betrachten. Wenn Träume allerdings partout nicht der Realität entsprechen wollen, macht es den Menschen mitunter verrückt. Er probiert alles, koste es, was es wolle. Wie oft dieser Traum von Größenwahn gezeichnet ist, wie oft er schon dramatisch gescheitert ist, bleibt im Haus der Kulturen unerwähnt, auch keine Erinnerungen an die Concorde oder die Challenger. Die Raumfahrt ist überhaupt nur mit einem einzigen Ausstellungsstück vertreten, dem Space-Trainer. Ein kreisrundes, dreiachsiges Trainingsgerät, das in der Astronautenausbildung benutzt wird, mittlerweile in jeder zweiten Ergo-Klinik steht und hervorragend geeignet ist, um die Rückenmuskulatur zu stärken.

Hängt der Besucher dort kopfüber drin, kann er nachdenken über die Fragen, die der Ausstellungskatalog stellt, zum Beispiel: Was wäre, wenn die Menschheit heute auf den Flugverkehr wieder verzichten müsste? Und dann kann er sich erinnern an das bizarre Frühjahr 2010, als ein isländischer Vulkan den europäischen Luftverkehr lahm legte, der Himmel strahlend blau war, Termine platzten, überall irgendwer fest saß, plötzlich alles nicht mehr so dringend war, und was für eine tolle Zeit das gewesen ist.

Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10. Mi-Mo 11-19 Uhr. Bis 8. Mai 2011. Flugtage: Do 24.3. 16 Uhr – Sa 26.3. 14 Uhr – 27.3. 14 Uhr.