Literatur

Norbert Gstrein rechnet mit Suhrkamp-Verlegerin ab

Es sollte der Aufreger des Jahres werden – doch Norbert Gstreins Abrechnung mit dem Suhrkamp-Verlag wurde ein Flop.

Ulla Berkéwicz darf aufatmen. Dieses Buch kann sie nicht anfechten. Triumphierend sehen wir sie darüber hinwegschreiten, die Lippen rot gemalt, das Antlitz weiß geschminkt, die schwarzen Löwenlocken schüttelnd. Dieser Königin der Ungeniertheit, bewundert insgeheim und öffentlich umso mehr gescholten, wird das verdruckste Gehampel eines abtrünnigen Suhrkamp-Autors nicht die Bohne schaden.

Dabei dachte man zunächst, dass Norbert Gstrein es dieses Mal richtig krachen lassen würde. Der Österreicher, der im Gegensatz zu anderen Hanser-Autoren aus der Alpenrepublik ein vorzügliches Hochdeutsch schreibt und die Verwendung der Präpositionen perfekt beherrscht, war bislang vor allem durch subtile Erzählgespinste aufgefallen. Ein eher leiser Autor also, vielleicht eine Spur geschmäcklerisch, aber keinesfalls ohne Reiz. Umso mehr war man überrascht, als man zu Beginn des Jahres erfuhr, aus der Werkstatt dieses Frühgereiften, Zarten, Traurigen dürfe man sich die Räuberpistole des Jahres erwarten. Ein Buch, das endlich mal die „Wahrheit über Suhrkamp“ sagt, kompliziert fiktionalisiert natürlich, damit der Autor nicht juristisch belangt werden könne, aber doch in der Sache eindeutig.

Fiktionalisiert ist das Buch tatsächlich. Aus Ulla wurde, immer noch skandinavisch genug, eine Dagmar, im übrigen arbeitet Gstrein gern mit Antinomien: Aus dem weiland Frankfurter, jetzt Berliner Großverlag macht er eine Wiener Klitsche, aus Siegfried Unseld, den Wortstamm „unselig“ verkehrend, einen Heinrich Glück. Den muss seine junge Frau am Anfang ihrer Ehe zum Schwimmen schicken, während Siegfried Unseld ein großer Schwimmer war – und so weiter, und so fort.

Norbert Gstrein liefert nicht die ganze Wahrheit

Gleichzeitig unterläuft Gstrein die voyeuristischen Erwartungen seines (Insider-) Publikums. Der Titel „Die ganze Wahrheit“ ist ja schon ein Ironie-Signal. Aber im Laufe der Handlung stellt sich dann heraus, dass die leitmotivisch wiederkehrende Dagmar-Frage „Willst du die ganze Wahrheit über XYZ hören?“ stets das eindeutigste Anzeichen dafür ist, dass wieder Lügen verbreitet werden über eine Person, die Dagmar fertigmachen will. Wo also vollmundig „ganze Wahrheiten“ versprochen werden, so die implizite Schlussfolgerung, kann mit denselben am wenigsten gerechnet werden. Das ist natürlich ein wahnsinnig neuartiger Gedanke.

Um jedoch wieder auf Ulla-Dagmar zurückzukommen: Der Autor zeichnet sie als ein wahres Monstrum – herrschsüchtig, kaltherzig, berechnend über Leichen gehend. Dazu kultiviert sie ein Faible für Okkultismus und Satanskult, gern auch mit Anleihen bei der Kabbala, wie sie sich überhaupt als „Judenmädel“ (dieses NS-Wort gestattet Gstrein sich tatsächlich) geriert, eine jüdische Großmutter erfindet und so zur „juive imaginiare“ wird, ein mentales Muster, das vor allem in den Siebzigerjahren Konjunktur hatte und über dessen aufgeschminkten Philosemitismus Alain Finkielkraut bereits in den Achtzigerjahren das Nötige gesagt hat.

Dieses vom Ich-Erzähler Wilfried lustvoll ausgebreitete irrationale Gebräu ist es denn auch vor allem, was ihn verstört und nach anfänglicher Sympathie von Dagmar abrücken lässt. Endgültig zum Bruch kommt es allerdings, als Dagmar ihm ihr Buch über das Sterben Heinrich Glücks zum Lektorieren gibt, was er ablehnt. Daraufhin wird Wilfried gefeuert. Dazu muss man wissen, dass Ulla Berkéwicz tatsächlich über den Tod Siegfried Unselds ein Prosastück mit dem Titel „Überlebnis“ geschrieben hat. Das scheint Norbert Gstrein besonders empört zu haben. Er ist sich sicher: Dergleichen hätte der Verleger, der auf Diskretion hielt, nicht gewollt. Hier fantasiert sich der Ich-Erzähler, aber wohl auch der Autor, in die Rolle eines Gralshüters des Verleger-Angedenkens hinein und verweist die Unbefugte (die Unseld-Glück am Ende seines Lebens gar nicht mehr als seine Frau erkannt und anerkannt haben soll) gewissermaßen des Tempels.

Aus der Mottenkiste autoritärer Männerfantasien

Spätestens hier ist nun der Punkt erreicht, an dem „Die ganze Wahrheit“ im Hinblick auf den Verfasser aufschlussreicher wirkt als in Bezug auf jene Person, die er sich vorknöpft. Das ist ja das Eigentümliche an der Literatur: Ein Schriftsteller kann sich noch so sehr verschanzen hinter Fiktionen und Konstruktionen; wess Geistes Kind er ist, wird immer offenbar.

Bei Gstrein nun fällt zweierlei auf: Um seine Ulla-Dagmar-Figur zu diskreditieren, greift er tief in die Mottenkiste autoritärer Männerfantasien. Dagmar wird als „laut und vulgär“ gemalt. Ihr Lachen erinnert an das „einer altgedienten Kellnerin in einem Säuferlokal“. Ihr eigener Mann spricht von ihr als „Stute“. An ihrem Busen fällt vor allem das Weiche auf. Außerdem kann sie in Krisenmomenten das Wasser nicht halten und riecht ein bisschen nach Pipi. Sie erbricht sich dann auch gern. Kurzum: Hier werden geradezu wie aus dem Lehrbuch des Antifeminismus die unkontrolliert fließenden Körpersäfte als das spezifisch Weibliche betont. Die durchgehende Sexualisierung der Figur verweist auf die Bedrohung des autoritären Mannes durch die Frau, die mit ihrer Weichheit den Männlichkeitspanzer zerstören könnte. Gstrein sollte mal Theweleit lesen.

Gstrein bedient wieder machistische Stereotypen

Verklemmtheit zeigt der Autor auch im geistigen Bereich. Mit seinem zu kurz gekommenen Sinn für das Spirituelle muss er die gnostische Todesbejahung Ulla-Dagmars als Hexerei, als schwülstigen Irrationalismus, sie selbst als intellektuell nicht im mindesten satisfaktionsfähiges Subjekt abtun.

Damit steht Gstrein übrigens nicht allein. Der gesamte Ulla-Berkéwicz-Diskurs ist bereits seit Jahren ein Tummelplatz machistischer Stereotypen. Vielleicht hat es sogar sein Gutes, dass man dank dieses Buches endlich in extenso die uneingestandene Faszination, die dahinter steht, am Werke sehen kann. Sonst taugt das Buch zu gar nichts. Als Entlarvung ist es nicht ergiebig, als Abrechnung nicht effektvoll genug. Außerdem wird nur sehr spärlich gepinkelt. Für den Autor wäre es entschieden besser gewesen, er hätte es nicht geschrieben. Und die Porträtierte kann es getrost als Trophäe verbuchen.

Norbert Gstrein: Die ganze Wahrheit. Hanser, München. 303 Seiten, 19,90 Euro.