Jonathan Littell

Wie aus "Männerfantasien" ein Nazi-Roman wurde

Mit seinem Buch "Die Wohlgesinnten" über einen SS-Obersturmbannführer gelang dem französischen Autor ein Bestseller. Jetzt veröffentlicht Jonathan Littell einen Essay, in dem er die Grundlagen seines Romans darlegt. Kernthese: Manch üblem Nazi fehlte es schlicht an sexueller Lockerheit.

Nach dem "Doktor Faustus" kam "Die Entstehung des Doktor Faustus". Seit den Tagen Thomas Manns legen Autoren gerne nach, wenn ihnen ein großer Wurf geglückt ist. Wie kritisch auch immer gerade in Deutschland vergangenes Jahr die Aufnahme von Jonathan Littells ehrgeizigem und in Frankreich immens erfolgreichem Roman "Die Wohlgesinnten" gewesen ist, eines mussten alle zugegeben.

In seiner Geschichte des fiktiven SS-Obersturmbannführers Max Aue, in dessen spektakulärer Reise bis ans Ende der faschistischen Nacht, die er noch aus der Rückschau späterer Jahrzehnte bejaht, steckt eine Vielzahl an verarbeiteten Lektüren. Da ist es legitim, wenn Littell seine Leser im Nachhinein darüber aufklären möchte, an welchen Quellen er sich abgearbeitet hat.

Wie bei der übersteigerten Betonung von Sexualität durch den parissozialisierten Amerikaner nicht anders zu erwarten war, sind es neben den Studien der Historiker zu Werdegang und Wertehaltungen junger, intellektueller Nationalsozialisten im Dritten Reich vor allem die Arbeiten eines Außenseiters.

Seiner eigenen Aussage nach waren es in erster Linie Klaus Theweleits "Männerphantasien" von 1977, die Littell den Deutungsweg gewiesen haben. Was für die 68-er ein Kultbuch war und was in seiner grandiosen Einseitigkeit und Eigenwilligkeit noch heute als Versuch besticht, "Faschismus als Körperzustand" zu begreifen und die Verbrechen ihrer Vertreter als fehlgeleitete libidinöse Energien zu erklären, besitzt in Jonathan Littell offenbar einen Adepten ohne Wenn und Aber.

Das Buch, das sein deutscher Verlag nun vorlegt (und das in Frankreich vor genau einem Jahr erschien) ist im Kern nichts anderes als eine reichlich schulmäßige Etüde, um Theweleits Methoden anzuwenden auf eine Person und deren wichtigstes Buch, die Littell anscheinend während der Arbeit an den "Wohlgesinnten" fasziniert haben.

Es handelt sich dabei um den heute nahezu vergessenen belgischen Faschistenführer Léon Degrelle (1906-1994) und seinen unmittelbar nach Kriegsende geschriebenen Erfahrungsbericht "Der Russlandfeldzug".

Bevor Degrelle und Littells Sicht auf ihn näher beleuchtet werden, muss man an dieser Stelle sogleich vor einem Missverständnis warnen: Degrelle hat Littell keineswegs Modell für seinen Max Aue gestanden. Es geht hier nicht um Parallelen. Es geht schlicht um eine Hausaufgabe: um die Übertragung Theweleitscher Lesart auf eine Figur, die Theweleit übersehen hat, obwohl sie in seinen Kosmos gehört.

Degrelle war nämlich kein Intellektueller, war auch kein skrupulöser, homosexueller Feingeist wie Max Aue, der Protagonist in Littells Roman. Degrelle kann vielmehr als das Inbild eines "soldatischen Mannes" gelten, wie der Typus lautet, dessen Psychoanalyse Theweleit vorzulegen sich bemühte. Und, was noch mehr wiegt, in Degrelle hat man einen Militär, der schreiben konnte.

Während Theweleit vorwiegend auf der Basis von Texten operierte, die von Schriftstellern wie Ernst Jünger, Ernst von Salomon und Franz Schauwecker stammen, kommt nun ein Typus zum Zuge, an dem wirklich exemplifiziert werden kann, was angeblich den soldatischen Mann ausmacht.

Degrelle, ein belgischer Faschist

Doch wer war nun überhaupt dieser Degrelle? Zunächst einmal der Gründer der Rexisten, einer belgischen, genauer: wallonischen Spielart des Faschismus, die in der zweiten Hälfte der Dreißigerjahre Furore machte. So sehr, dass der Romancier und Publizist Robert Brasillach, später ein besonders verblendeter Gefolgsmann Adolf Hitlers, in seinen Erinnerungen "Notre Avant-Guerre" (Unser Vorkrieg) von 1941 schreiben konnte: "Man muss sich daran erinnern, dass 1936 ein Teil von Belgien in den Chef der Rexisten buchstäblich verliebt war."

Degrelles virile Attraktivität sei damals so groß gewesen, dass das Wort vom "Rex-Appeal" die Runde machte. Im Krieg kämpfte Degrelle an der Seite der Deutschen. Nach der Einverleibung aller nicht-deutschen Freiwilligen-Verbände durch die SS hatte er zunächst die politische Führung der "wallonischen Legion" inne; auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn, nachdem er seinen Militärverband im Januar 1944 bei Tscherkassy aus der Einkesselung durch die Sowjets gerettet hatte, auch das Kommando.

Dem SS-Standartenführer, der nach der Befreiung Belgiens wegen Hochverrat zum Tode verurteilt worden war, gelang im Mai 1945 die Flucht nach Spanien. Im Lande Francos begann er ein neues Leben als Geschäftsmann, unter anderem als Inhaber einer Wäscherei-Kette.

Er ließ offenbar kein Treffen ehemaliger Front-Kameraden und neuer Nazis aus, ließ sich auch ohne Scheu noch in den Neunzigerjahren mit dem zum Hitlergruß erhobenen Arm fotografieren. Unbehelligt von der Justiz starb er im gesegneten Alter von 88 Jahren in der von ihm bei Malaga errichteten Residenz, die in ihrer Mischung aus Ritterburg und Denkmal für die Schlacht von Tannenberg ein bemerkenswertes Beispiel faschistischer Architektur post festum darstellt.

Ausgangspunkt von Littells Beschäftigung mit Degrelle war offenbar, wie wir aus Theweleits Nachwort jetzt erfahren, ein Bild - wie überhaupt seine Studie "Das Trockene und das Feuchte" viel Foto-Material enthält, womit er ebenfalls bei Theweleit abgekupfert hat.

Die Aufnahme zeigt den Kriegshelden Degrelle bei der Parade zu Ehren der aus Tscherkassy heimkehrenden Truppen in Brüssel am 1. April 1944. Man sieht ihn da in Siegerpose, was auch sonst, den Arm gereckt, das Gesicht freudestrahlend. Unter ihm seine drei Kinder, eines schreiend, eines versonnen lächelnd, eines mit unbewegter Miene. Den Arm ausgestreckt haben auch sie.

Was macht nun Littell aus diesem wenig signifikanten Bild? Er schreibt: "Das Bild, hat mich, als ich es zum ersten Male sah, tief erschreckt. Was bedeuten dem glückseligen, triumphierenden Faschisten die eigenen Kinder? Mir scheint, sie haben hier keine realere Existenz für ihn als die Menschen, die er tötet oder töten lässt, er behandelt sie wie leere Figuren, die er, genauso wie die Blumen und die Orden, im Rahmen prächtiger Inszenierungen zur Schau stellt: denn für ihn gibt es tatsächlich nichts Lebendiges (doch das ist eine ganz persönliche Interpretation)."

Ganz persönliche Interpretation? (Will sagen: Spekulation, denn Littell liefert nicht den geringsten Beleg dafür, dass für Degrelle seine Kinder "nichts Lebendiges" gewesen seien.) Keine Spur! Es handelt sich hier vielmehr um den ganz und gar dem Banne Theweleits verhafteten Versuch, dessen Kategorien auf Degrelle anzuwenden, das Ragende, Mitleidlose, Heroische aufzuspüren, mit dem der "soldatische Mann" angeblich seinen "Körperpanzer" anstelle des nicht zu Ende entwickelten Ichs im Freudschen Sinne behauptet, denn: "Vor allem die Lebendigkeit des Realen ist es, die diesen Mann bedroht" (laut Theweleit im ersten Band der "Männerphantasien").

Suchen nach den Theweleit'schen Gegensatzpaaren

Auch Littells Lektüre von Degrelles Buch über den Russlandfeld-Zug ist ein einziges Suchen nach den Theweleit'schen Gegensatzpaaren, denen zufolge der faschistische bzw. soldatische Mann das Trockene gegen das Feuchte, das Starre gegen das Formlose, das Harte gegen das Weiche, das Unbewegliche gegen das Wimmelnde, das Steife gegen das Schlaffe setzt und favorisiert.

All das erkennt nun Littell in Degrelles Russland-Buch und seiner Schilderung von Land und Leuten und Kampfhandlungen, so dass er befriedigt schlussfolgern kann: "Vielleicht hat ihm (Degrelle) genau das gefehlt, um ein Mensch zu werden – ein Schwanz im Arsch." Alle Achtung, eine bemerkenswert brillante Conclusio für einen Harvard-Absolventen. Tja, wäre das Ragende da gelandet, wo es hingehört, hätte sich der "Liebeswunsch" nicht in "Tötungslust" umsetzen müssen: So einfach kann Geschichte sein!

In der Sache kann man nur kommentieren: Vielleicht war es so, vielleicht auch nicht. Wieder die pure Spekulation. Das ist alles, was sich zu Littells Fingerübung sagen lässt, die man natürlich auch vornehmer (mit Theweleit) als close reading bezeichnen kann. Dem Verständnis der "Wohlgesinnten" fügt sie nichts hinzu, den "Fall Degrelle" macht sie nicht durchschaubarer. Alles, was diese Broschüre demonstriert, lässt sich mit dem Titel eines nicht ganz unbekannten Kinderbuchs zusammenfassen: Heidi kann brauchen, was es gelernt hat.

Jonathan Littell: Das Trockene und das Feuchte. Aus dem Französischen von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin. 142 S., zahlr. Abb., 16, 90 Euro.