Literaturgeschichte

Das Rätsel der verschwundenen Fallada-Briefe

Lange pflegte Hans Fallada eine Korrepondenz mit dem jüdischen Autor Carl Ehrenstein. Warum wurde die jäh unterbrochen?

Bei der Archivierung seiner umfangreichen Korrespondenz war Hans Fallada ein Pedant. Nicht nur die an ihn adressierten Schreiben bewahrte der Schriftsteller sorgfältig auf, auch die Durchschläge der von ihm verfassten Briefe finden sich dank seiner Gründlichkeit heute im Hans-Fallada-Archiv des Literaturzentrums Neubrandenburg.

Es sind mehrere Zehntausend Seiten, Fallada war ein fleißiger Briefeschreiber. Der größte Teil der Korrespondenz ist bisher unveröffentlicht.

Die Korrespondenz mit Carl Ehrenstein fehlt

Unter Fallada-Kennern wurde die Nachricht vom Fund „bisher unentdeckter“ Briefe in der israelischen Nationalbibliothek dann auch zurückhaltend aufgenommen. Die Wahrscheinlichkeit war groß, dass sich der Briefwechsel mit dem jüdisch-österreichischen Schriftsteller und Übersetzer Carl Ehrenstein auch im Hans-Fallada-Archiv befinden würde.

Doch ausgerechnet die Korrespondenz mit Ehrenstein gibt es in dem Archiv nicht. Die Geschäftsführerin der Literaturzentrums, Erika Becker, scheint damit selbst nicht gerechnet zu haben: „Das ist schon sehr seltsam“, gibt sie zu.

Wollte Fallada den Briefwechsel geheim halten?

Denn immerhin handelt es sich um 61 Briefe und zwei Karten, die Fallada und der in London lebende Ehrenstein zwischen 1934 und 1938 austauschten. Weder Becker noch der Direktor des Fallada-Museums in Carwitz, Stefan Knüppel, wollen sich vorschnell festlegen. Beide können sich aber nur eine einleuchtende Erklärung denken, um das Fehlen des Briefwechsels zu erklären:

Hat der Schriftsteller seine Korrespondenz mit dem Juden Ehrenstein während der Nazizeit geheim zu halten versucht?

Die beiden tauschten sich über Gärtnerei und Landwirtschaft aus

Der Kontakt der beiden beginnt 1934, als Falladas englischer Verlag Putnam ein von Ehrenstein verfasstes euphorisches Gutachten über den Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ an den Autor weiterleitet. Aus Falladas Dankesbrief entwickelt sich ein regelmäßiger Kontakt. Die beiden tauschen sich über Gärtnerei und Landwirtschaft aus, sie beraten sich im Kampf gegen Blattläuse; und Ehrenstein besorgt dem ältesten Fallada-Sohn Zigarettenbilder.

38 Briefe habe der Londoner Gutachter seinem Idol in jenen vier Jahren geschrieben, sagt der Archivar Stefan Litt, der die Briefe in Ehrensteins Nachlass in Jerusalem gefunden hat. Von Fallada gibt es 25 Briefe – auch wenn seine Schreiben in der Regel deutlich knapper ausfallen, als die bisweilen sehr überschwänglichen Briefe Ehrensteins, in dessen Nachlass sich sogar Skizzen und Konzeptentwürfe für die Briefe an den Schriftsteller fanden.

Fallada versuchte herauszufinden, ob Ehrenstein Jude ist

Dass Carl Ehrenstein Jude war, muss Fallada zumindest geahnt haben. Vielleicht wusste er auch, dass es sich um den jüngeren Bruder des Lyrikers Albert Ehrenstein handelte, der Fallada 1932 einen Brief zu „Kleiner Mann, was nun?“ geschrieben hatte.

In einem Brief vom 11. Dezember 1934 will Fallada sich wohl auf sensible Art Gewissheit verschaffen: „Ich sag Ihnen atjüs und wünsche Ihnen alles, alles Gute“, schreibt er und fährt fort: „Darf ich es wagen, Ihnen auch ein fröhliches Weihnachtsfest zu wünschen? Ich fürchte, ich darf es nicht. Herzlichst, aber doofst, Ihr Fallada“.

Möglicherweise wurde der Briefwechsel von den Nazis mitgelesen

Die Briefe seien vordergründig unpolitisch, sagt Litt. Allenfalls fänden sich „versteckte, ganz vorsichtige Andeutungen“. Die Verfasser werden gewusst haben, dass ihre Korrespondenz möglicherweise von den Nazis mitgelesen wird. Es wird ein Rätsel bleiben, ob Fallada wirklich nur das Wetter meint, wenn er von einem „schrecklichen Hagelschauer“ schreibt, den er über sich habe ergehen lassen müssen?

Ehrenstein versuchte, den Kontakt wieder aufzunehmen

Unvermittelt bricht Fallada schließlich den Kontakt ab. Am 20. Dezember 1937 schreibt er – der seit einiger Zeit mit seinem Geburtsnamen Ditzen unterzeichnet – eine Karte mit Fest- und Neujahrswünschen. Auf die wiederholten Versuche seines Briefpartners, den Kontakt wiederherzustellen, scheint Fallada nicht reagiert zu haben.

Am 7. Oktober 1938 probiert Ehrenstein es gar auf Englisch und unterzeichnet mit dem Mädchennamen seiner Frau: C. E. Pease. Glaubte er, man habe Fallada den Kontakt mit dem Exiljuden verboten und wollte ihm so eine Chance geben, die Korrespondenz unter einer anderen Identität weiter zu führen?

Sein letztes Gutachten über ein Werk Falladas schreibt Ehrenstein 1947 über den Roman „Jeder stirbt für sich allein“. Putnam aber findet das Buch uninspiriert. Mehr als sechzig Jahre später ist es nun zum internationalen Bestseller geworden – auch in Israel.