Liam Neeson

"Schauspielerei und Boxen haben etwas gemeinsam"

| Lesedauer: 11 Minuten
Rüdiger Sturm

Gerade erst hat er in "Unknown Identity" Berlin ruiniert. Dabei hat Liam Neeson eigentlich eine hohe Meinung von der Stadt.

Zur Berlinale schaffte es Liam Neeson nicht, weil er sich gerade für Dreharbeiten in Kanada von Wölfen hetzen lässt. Dabei hatte er guten Grund. Nicht nur weil er für seinen Thriller "Unknown Identity" in der Hauptstadt vor der Kamera stand, sondern weil er deren Veränderungen stärker wahrnahm als mancher Hollywood-Kollege. Immerhin nahm er sich Zeit, um per Telefon über seine Erinnerungen zu plaudern. Dabei ließ der 58-Jährige auch erkennen, dass ihn noch andere Dinge aus seiner Vergangenheit bewegen.

Morgenpost Online : Sie haben letztes Jahr für den "Unknown Identity"-Dreh drei Monate in Berlin verbracht. Was ist die erste Erinnerung, die Ihnen dazu einfällt?

Liam Neeson: Dass es extrem kalt war (lacht). Aber ich fand die Stadt großartig, sprühend vor Leben, voll toller Restaurants und Museen. Das fiel mir auch deshalb so stark auf, weil ich vor rund 20 Jahren, als kurz nach dem Mauerfall schon mal in Potsdam gedreht hatte – einen Kriegsfilm mit Michael Douglas. Und damals war die Stimmung noch ganz anders. Vor allem bei den Ostberlinern konntest du eine Art von Verwirrung und Beklemmung spüren. Keiner schien eine Ahnung zu haben, was mit ihm in diesem neuen Staat passieren würde, ob er die gleichen Rechte wie die Westdeutschen bekommen würde. Und jetzt ist die Stadt wie wiedergeboren.

Morgenpost Online : Haben Sie eigentlich ein gutes Gedächtnis? In Ihrem Film verlieren Sie es ja bei einem Unfall und wissen nicht mehr, wer Sie sind.

Neeson : Ich bin so vergesslich wie der Durchschnittsbürger. Es kann schon passieren, dass ich mir mal Namen nicht merken kann und meine Brille nicht finde, obwohl sie auf meinem Kopf sitzt. Meine Söhne machen sich deshalb auch über mich lustig. Das kommt wohl vom Älterwerden, und ich denke mir "So eine Scheiße". Aber was soll ich dagegen machen?

Morgenpost Online : Das klingt nicht überzeugend. Kürzlich gaben Sie ein Interview, indem Sie minutiös Schlüsselmomente Ihres Lebens schilderten – wie den Aufenthalt im Krankenhaus bei Ihrer sterbenden Frau.

Neeson : Weil das Momente sind, die mein Leben verändert haben. Die sind in meinem Gedächtnis sehr, sehr klar. Vor allem wenn es um den Tod geht. Das Gleiche gilt beispielsweise für meinen Motorradunfall im Jahr 2000. Ich wäre drauf gegangen, wenn man mich nicht sofort operiert hätte.

Morgenpost Online : Würden Sie es vorziehen, solche traumatischen Erinnerungen zu vergessen?

Neeson : Nein. Denn Sie sind Teil meines Lebens, sie haben mich zu dem gemacht, der ich bin. Deshalb drücke ich sie auch nicht aktiv weg. Wenn ich will, sind sie in einem Herzschlag präsent.

Morgenpost Online : Was wäre, wenn Sie in einer Großstadt Ihr Gedächtnis verlören?

Neeson : Am Anfang wäre ich sicher in ernsthaften Schwierigkeiten. Ich weiß auch, wie sich das anfühlt. In meiner Jugend boxte ich und ein paar Mal hatte ich eine Gehirnerschütterung und ich wusste Minuten lang nicht, wer ich war. Ich erinnere mich noch, wie mir mein Trainer Anweisungen gab: "Gehe nach oben, zieh' dich an und triff' mich im Taxi." Aber für mich in meinem Zustand hörte sich das so an, als würde er Althebräisch sprechen. Es ergab keinen Sinn. Letztlich machte mir das so sehr Angst, dass ich mit dem Boxen aufhörte. Aber – um ihre Frage zu beantworten: Letztendlich habe ich einen starken Überlebenswillen, so dass ich es irgendwie schaffen würde.

Morgenpost Online : Sie sind sich sicher?

Neeson : Ich bin physische Aktivität gewohnt, mache seit Jahren Fitness. Ich weiß auch, wie ich meinen inneren Schweinehund überwinden kann. Und ich habe im Lauf der Jahre gelernt, dass mein System funktioniert, so lange ich genügend Kalorien bekomme. Das bedeutet: Ich brauche nur etwas zu essen. Und das kriege ich hin. In jungen Jahren habe ich beispielsweise als Maurer gearbeitet. Deshalb könnte ich mich mit irgendeinem Job sicher durchschlagen.

Morgenpost Online : Wie überwinden Sie Ihren inneren Schweinehund?

Neeson : Ich wecke mich um fünf Uhr in der Früh, was ich jetzt auch nicht so toll finde. Aber dann werfe ich die Beatles ein, schaue mich im Spiegel an und lege los. Und wenn ich nach einer guten halben Stunde fertig bin, dann bin ich darüber froh, denn das ist der ideale Start für den Tag.

Morgenpost Online : Haben Schauspieler und Boxer eigentlich etwas miteinander gemeinsam?

Neeson : Auf jeden Fall. Du musst psychologisch und physisch fit sein und dich ganz auf dein Gegenüber einstellen. Das verlangt eine Prise gesunden Respekts. Denn in beiden Fällen ist es ein Kampf Mann gegen Mann. Und du willst dein Bestes geben, bis zum letzten Schlag.

Morgenpost Online : Kämpfen Sie als Schauspieler gegen Ihre Kollegen?

Neeson : Bis zu einem gewissen Grade ja. Ich habe mit jemandem zu tun, der ein bestimmtes Ego hat, und indem ich mich mit ihm im Akt der Schauspielerei auseinandersetze, versuche ich ein Stück Wahrheit zu vermitteln. Aber am Schluss umarmst du den anderen – auch beim Boxen.

Morgenpost Online : Ist das Fitnesstraining, von dem Sie sprachen, auch eine Methode, um jung zu bleiben?

Neeson : Na ja, ich mache es nicht sklavisch. Ich ernähre mich auch nicht nur von Salat. Die beste Methode ist es, mir die Haare dunkel zu färben. Dadurch sehe ich richtig jung aus (lacht). Und es gibt natürlich noch Wege, um mich frisch zu halten. Gelegentlich mache ich Gartenarbeit. Und so oft ich kann, gehe ich Fliegenfischen.

Morgenpost Online : Und nebenher drehen Sie Actionfilme. Hatten Sie je geplant, sich große Verfolgungsjagden mit Bösewichten zu liefern?

Neeson : Na ja, viele Actionstreifen sind es auch nicht, gemessen an der Gesamtzahl meiner Filme.

Morgenpost Online : Aber in den letzten Jahren haben Sie es fast nur noch krachen lassen. Bei Ihren aktuellen Dreharbeiten schlagen Sie sich mit Wölfen herum, in absehbarer Zeit kämpfen sie in "Battleship" gegen Aliens, und auch im letzten Jahr sah man Sie häufig mit der Waffe in der Hand.

Neeson : Sie haben schon Recht. Aber ich habe mir das nicht wirklich ausgesucht. Ich habe auch nie meinem Agenten gesagt: Such mir eine Actionrolle. Das lag zum einen daran, dass ich mich als Schauspieler für zu sensibel hielt, und früher gab es haufenweise andere Actionhelden. Aber vor vier Jahren fragte mich der französische Regisseur und Produzent Luc Besson, ob ich nicht in "96 Hours" mitspielen wollte, der Geschichte eines Vaters, der seine entführte Tochter aus den Fängen von Menschenhändlern befreit. Und mit dem Gefühl eines Vaters, der sein Kind verliert, konnte ich mich gut identifizieren. In dem Fall würdest du ja alles tun. Dabei dachte ich gar nicht, dass der Film groß ins Kino kommen würde. Ich hatte erwartet, er würde einfach nur auf DVD veröffentlicht und von keinem Menschen groß gesehen werden – außer ein paar Franzosen.

Morgenpost Online : Das ist doch eine wenig reizvolle Perspektive.

Neeson : Die reizvolle Perspektive war, dass ich dafür drei Monate in Frankreich und Paris verbringen konnte. Außerdem konnte ich mich endlich einmal physisch austoben. Gerade weil ich mich fit halte, wollte ich endlich mal mit meinem Körper angeben. Da werde ich zu einem kleinen Jungen, der anderen in den Arsch tritt. Als Junge habe ich mich auch tatsächlich in solchen Rollen gesehen. Daher hatte ich schon vorher Lust darauf, aber ich bekam kaum Gelegenheit – außer wenn ich ein Schwert oder eine Laserwaffe in die Hand nahm. Und wider Erwarten hatte dieser Film großen Erfolg. Daher bot mir Produzent Joel Silver die Hauptrolle in "Unknown Identity" an, deshalb drehe ich gerade "The Grey", wo ich von Wölfen gejagt werde, und im nächsten Jahr ist hoffentlich der zweite Teil von "96 Hours" dran.

Morgenpost Online : Der Held aus "Schindlers Liste" ist also zum vollblütigen Actionstar geworden.

Neeson : Ich betrachte mich nicht als Actionstar. Natürlich will dich Hollywood immer wieder in dem Genre sehen, in dem du gerade Erfolg hattest. Und tatsächlich bekomme ich ständig die gleiche Art von Drehbüchern angeboten. Aber ich will meine Palette als Schauspieler erweitern. Ich möchte Drehbücher bekommen, wo ich mich überrascht frage: 'Wie kann sich jemand mich in dieser Rolle vorstellen?' Nächstes Jahr, wenn ich den zweiten Teil von "Unknown Identity" gedreht habe, reicht es mir wahrscheinlich mit der Action. Abgesehen davon weiß ich nicht, wie lange meine Knie die Stuntszenen noch durchhalten. Schließlich bin ich dann schon 60.

Morgenpost Online : Und was machen Sie dann?

Neeson : Ich werde mich mal in einer Komödie versuchen.

Morgenpost Online : Sie wollen uns also im Alter zum Lachen bringen.

Neeson : Im Alter stehe ich hoffentlich auf der Bühne. Aber ganz sicher werde ich meine Zeit nicht damit verbringen, Verbrecher zu jagen. In solchen Rollen würde ich doch etwas merkwürdig wirken.

Morgenpost Online : Und wenn das Publikum Sie nicht mehr in solchen Rollen sehen will...

Neeson : ...dann halte ich es mit Samuel Beckett: "Schon mal versucht. Schon mal versagt. Macht nichts. Wieder versagen. Besser versagen." Das war schon mein Motto als Boxer, wenn ich einen Kampf verlor, und seither wende ich das auf mein ganzes Leben an.