Charlotte Gainsbourg

"Ich habe wohl einen Komplex"

Charlotte Gainsbourg ist nicht mehr nur die Tochter ihres berühmten Vaters. Für ihre Leistung in "Antichrist" wurde sie in Cannes ausgezeichnet, und jetzt hat sie ihr zweites Album "IRM" herausgebracht. Mit Morgenpost Online sprach sie über Sängerinnen, die keine sind und ihre Unfähigkeit, kreativ zu sein.

Charlotte Gainsbourg sitzt auf dem Sofa einer Hotelsuite in Berlin. Die 38-jährige Schauspielerin trägt eine enge, dunkle Lederhose. Der Bund wird von einer enormen silbernen Gürtelschnalle geschmückt. Ihre Stiefel erinnern an Bikerboots und passen zur Hose. Doch weder Hose, Gürtelschnalle noch Stiefel passen zu Gainsbourgs vorsichtiger, fast flüsternder Stimme. Charlotte Gainsbourg ist charmant. Sie lächelt viel, aber nicht zu viel. Sie ist höflich und leise. Nichts, das stört, nichts, über das man stolpert. Sie sieht zerbrechlich aus, vielleicht ist die Lederkluft ihr Schutzpanzer für diesen Interviewtag, an dem sie über ihr neues Album "IRM" sprechen soll, das von dem amerikanischen Musiker Beck geschrieben und auch produziert wurde.

Morgenpost Online: Frau Gainsbourg, mit wem haben Sie mehr Gemeinsamkeiten, mit PJ Harvey oder mit Carla Bruni?

Charlotte Gainsbourg: Oh, ich möchte jetzt nicht unhöflich werden. (Pause) Ich weiß es nicht genau. Ich sehe mich selbst ja eher als eine Interpretin, nicht als eine richtige Künstlerin.

Morgenpost Online: Warum denn das?

Gainsbourg: Ich habe wohl einen Komplex. Ich spiele Klavier, seit ich neun bin, aber ich habe mich nie selbst ausgedrückt durch Musik, ich habe nie improvisiert oder irgendwas kreiert. Das Gewicht meines Vaters lastet einfach sehr schwer auf mir. Die Vorstellung, zwei Noten zu spielen, die meine eigenen sind, erschreckt mich. Ich muss immer mit Leuten zusammenarbeiten, die ich bewundere, und ob ich es jemals schaffe, mich selbstständig auszudrücken, weiß ich nicht.

Morgenpost Online: Singen Sie eigentlich manchmal, wenn Sie sich fürchten?

Gainsbourg: (lacht) Nein. Aber es gibt doch dieses Lied "Sing, wenn du ängstlich bist" oder so ähnlich. Ist das nicht aus dem Musical "The Sound Of Music"? Wie auch immer, nein, ich tue das nicht.

Morgenpost Online: Haben Sie denn Lieblingslieder, die Sie gerne mitsingen?

Gainsbourg: Mit meinen Kindern singe ich oft im Auto. Aber ein Lieblingslied? Die Beatles singe ich gerne, weil man all ihre Texte auswendig kennt. Aber auch die White Stripes und Peter Doherty haben einige Lieder, bei denen man einfach gerne mitsingt.

Morgenpost Online: Können Sie erklären, warum so viele französische Sängerinnen so eine auffällig hauchende Stimme haben?

Gainsbourg: Haben sie das? Es gibt doch eine Menge französischer Sängerinnen mit starker Stimme. Camille zum Beispiel. Aber ich weiß, dass auch mein Vater eher Sängerinnen mochte, die im Grunde keine Sängerinnen waren. Und er riet ihnen, bloß keine Gesangsstunden zu nehmen.

Morgenpost Online: Sie hingegen scheinen auf Ihrem neuen Album endlich Ihre Stimme gefunden zu haben.

Gainsbourg: Finden Sie? Ich weiß nicht, ob ich meine Stimme gefunden habe. Aber ich bin selbstbewusster geworden. Ich habe zwar immer noch eine Menge Zweifel und hinterfrage meine Fähigkeiten, aber Beck hat mir geholfen, Dinge auszuprobieren. Bei Songs wie "Me And Jane Doe" habe ich mir vorgestellt, wie ich singen wollte, ich hatte die Stimme bereits im Kopf. Dieser Gesang entspricht zwar nicht sehr meiner Persönlichkeit, aber ich wollte mehr geplant und mit weniger Gefühl singen.

Morgenpost Online: Es hört sich so an, als würden Sie den Gesang nicht mehr hinunterschlucken, sondern etwas von sich selbst hinaussingen.

Gainsbourg: Ich hoffe, dass ich eine Persönlichkeit habe, aber ich bin mir wirklich nicht sicher, wie viel ich davon mit meinem Gesang vermitteln kann.

Morgenpost Online: Sie sagten, Beck habe Ihre Persönlichkeit "gechannelt". Was meinen Sie damit?

Gainsbourg: Wir haben über anderthalb Jahren an dem Album gearbeitet. In der Zeit war ich in verschiedenen Launen. Manchmal war ich schüchtern, habe meine Familie vermisst und mich isoliert gefühlt, später war meine Familie bei mir, und ich war wieder zufriedener, und beim nächsten Mal kam ich frisch vom "Antichrist"-Dreh. Beck hat all die Zustände aufgenommen und gefühlt, worüber ich in den Songs sprechen wollte. Er hat das transformiert.

Morgenpost Online: Beck hat Musik und Texte geschrieben. Wie sah Ihre Arbeit aus?

Gainsbourg: Beck hatte eine Menge Ideen. Und ich habe, soviel es ging, bei der Umsetzung mitgemacht. Ich habe mich ein wenig geschämt, keine Texte schreiben zu können. Auch wenn ich es immer wieder versucht habe. Ich saß im Studio und wollte mich von Büchern wie "Alice im Wunderland" inspirieren lassen. So bin ich zumindest auf einzelne Worte gekommen, aus denen dann Ideen entwickelt wurden.

Morgenpost Online: Aber immerhin haben Sie die Songs eingesungen.

Gainsbourg: Ich will nicht kokettieren und möchte mich nicht kleiner machen, als ich bin. Aber ich bin nun mal nicht Billie Holiday. Ich weiß nicht, ob ich einen eigenen Stil habe. Bei jedem Song habe ich einfach rumprobiert und ihn dann so gesungen, wie er kam. Ich liebe es, dabei zuzusehen, wie Songs entstehen. Aber entscheiden, ob ich etwas mag, kann ich meist erst, wenn der Song fertig ist. Ich hatte wirklich Glück, bei meinen beiden Alben mit Air und Beck arbeiten zu können. Das hat sie letztlich zu den Platten gemacht, die sie sind.

Morgenpost Online: Haben die Texte denn überhaupt etwas mit Ihnen zu tun?

Gainsbourg: Es sind Becks Worte und seine Bezüge. Aber die Chemie zwischen uns hat einfach gestimmt, er hat den Finger dahin gelegt, worüber ich sprechen wollte.

Morgenpost Online: "IRM", der Titel Ihres Albums, bezieht sich auf die Geräusche des Kernspintomografen, mit dem Sie vor zwei Jahren nach Ihrem schweren Sportunfall untersucht wurden.

Gainsbourg: Ja, ich wollte einen Weg finden, die Sounds des Kernspins in einen Song zu verarbeiten und auch darüber zu sprechen. Das ist uns in "IRM" gelungen. Gleichzeitig sind Becks Gedanken über das Gehirn, Erinnerung und Tod auch verständlich für alle.

Morgenpost Online: Ist Beck ein nachdenklicher Mensch?

Gainsbourg: Ich weiß nicht genau. Er teilt nicht viel von seinen Gefühlen mit, wobei er viel spricht und offen ist, aber das, was wirklich in ihm vorgeht, behält er offenbar lieber für sich.

Morgenpost Online: Sie sagten, er habe die Präsenz Ihres Vaters, Serge Gainsbourg, die Sie umgibt, wahrnehmen können.

Gainsbourg: Mein Vater ist so bekannt, dass es wirklich sehr schwer ist, nicht über ihn zu reden, wenn man mich trifft. Beck hat dem widerstanden, und er hat gespürt, wie zerbrechlich ich auch 19 Jahre nach dem Tod meines Vaters bin. Ich kann zwar darüber reden, aber ich habe noch nicht damit abgeschlossen. Beck hat das bemerkt, ohne dass wir darüber sprechen mussten. Aber diese afrikanischen Rhythmen zum Beispiel, die er für das Album benutzt hat, erinnern mich an viele Songs, die mein Vater gemacht hat. Und diese Verbindung ist für mich sehr wichtig.