Historischer Kriminalfall

Pädagoge entpuppt sich als sadistischer Hauslehrer

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Jenni Roth

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Berlin um 1900. Ein Bankier sucht einen Hauslehrer, der aus seinen missratenen Söhnen "deutsche Jünglinge" machen soll. Und findet einen Sadisten.

Heinz ist 13 Jahre alt, übergewichtig, faul, verwöhnt und undiszipliniert. Mehrere Internate haben ihn abgelehnt. Die Eltern sind verzweifelt. Im großbürgerlichen Umfeld der Bankiersfamilie ist er nicht vorzeigbar. Sie sehen in einem Hauslehrer das letzte Mittel, um aus Heinz und seinem Bruder Joachim disziplinierte „deutsche Jünglinge“ zu machen. So beginnt Michael Hagners „Der Hauslehrer“, die packende Schilderung eines historischen Kriminalfalls. So beginnt ein düsteres Lehrstück mit tödlichem Ausgang.

Berlin, Juni 1902. Rudolf Koch, Direktor der Deutschen Bank, gibt ein Inserat auf: Er sucht für seine Söhne, Knaben von 13 und elf, einen Hauslehrer. Vierzig Offerten laufen ein. Die Wahl fällt auf den Jurastudenten Andreas Dippold. Was die Eltern nicht wissen: Der Studiosus hat Semester verbummelt und vom künftigen Schwiegervater geliehenes Geld bei Prostituierten gelassen. Nach dem Bruch mit der Verlobten hat er sich in Berlin eingeschrieben, wo er unter Kommilitonen schnell als roher, jähzorniger Lümmel verrufen ist. Zwischen Branntwein und den Mädchen im Nachtquartier sucht er Halt in Briefen über den gottseligen Wandel des Christenmenschen.

Die Mutter glaubt dem Hauslehrer blind

Dippold ist das mondäne Milieu seiner Zöglinge im Berliner Tiergarten zuwider, und er dehnt seine Funktion als Hauslehrer zu einem totalitären Erziehungsregiment aus. Die Eltern stehen ihm nicht im Weg: Erleichtert, die Verantwortung für die Kinder los zu sein, statten sie den 23-Jährigen mit umfassenden Freiheiten aus und stimmen zu, dass er mit Heinz und Joachim – „Jojo“ – das stattliche Landgut der Familie in Ziegenberg im Harz bezieht.

Papa ist von Geschäften in Anspruch genommen, Mama glaubt blind, was der Hauslehrer sagt. Dieser beruft sich auf die Reformpädagogik: Gesunde Ernährung gehört ebenso dazu wie Abhärtung und körperliche Ertüchtigung im Freien und im Lichtkleid – also nackt. Vergeistigte Schwächlinge sind Dippold ein Gräuel. Die Koch-Jungen sollen tüchtig, sittlich, stark, kurz: Renommiersöhne sein. An Jojo schreibt die Mutter, dass er „zu der minderwertigen Sorte von Jungen gehöre, die nur durch geistige Peitschenhiebe zu ihrer Pflicht zu bringen sind“.

In der Tat berichtet Dippold Unerhörtes. Die Knaben masturbierten Tag und Nacht. Der Älteste habe gestohlen, mit Falschmünzen Automaten geplündert und das erschwindelte und erstohlene Geld benutzt, um ins Bordell zu gehen. Das Luderleben habe er erst aufgegeben, als er sich mit der Syphilis angesteckt hatte. Rosalie Koch glaubt „tief erschüttert“, was Dippold berichtet und schreibt: „Ich bedaure nur, dass Gott Sie uns nicht zwei Jahre früher zugeführt hat.“ Zwischen den beiden entwickelt sich eine Art folie à deux, der auch die Nachricht, dass Dippold ihre Söhne grausam geschlagen habe, nicht viel anhaben kann. Der Lehrer leugnet nicht. Die Züchtigung sei notwendig, um den Kindern das Masturbieren auszutreiben. Als er von einer ärztlichen Untersuchung abrät, lässt Frau Koch auch davon ab.

Ein Arzt stellt nichts Schlimmes fest

Aus Ziegenberg folgen neue Warnungen. In einem Brief schreibt Heinz, Dippold sei ein „Saukerl“, ein „Spitzbube“ und „Schurke, der auf schlimme Weise über die Mitglieder der Familie Koch herzieht“. Wahr oder unwahr: Aus dem Kinderbrief spricht wilder Hass, der für die Eltern Grund genug hätte sein können, dem Zustand ein Ende zu machen. Rosalie Koch konfrontiert Dippold mit den Vorwürfen in einem Brief. Die Antwort: Alles erfunden. Der Beweis: Ein Selbstbekenntnis Heinz’, in dem er gesteht, seinen Lehrer verleumdet zu haben. Die Härte der Strafen nimmt zu, Denken und Handeln des Hauslehrers sind geradezu besessen von Sexualität. Er legt sich nachts nackt zwischen die Schüler. Er straft, demütigt und quält sie bis zur Besinnungslosigkeit und weist jede Einmischung des Dienstpersonals empört zurück. Sein Regiment wird weiter zementiert, als Heinz versucht, auszubrechen. Es ist der 29. Januar 1903. Der Morgen graut. Eine Kinderhand klopft an das Fenster der Gärtnerwohnung. Der Knabe ist halb nackt. Auf Rücken und Armen blutige Wunden, Gesicht, Augen und Hände sind angeschwollen. Er fleht das Gärtnerpaar um Hilfe an: Der Lehrer habe ihn und seinen Bruder aus dem Schlaf gerissen und sie mit einem Stock geschlagen, er werde sie gewiss noch umbringen.

Der Gärtner erstattet dem Bürgermeister Bericht. Der telegrafiert an den Herrn Bankdirektor. Doch der Vater hat es nicht eilig. Gäste sind geladen, eine Aufsichtratssitzung steht an. Immerhin bitten die Eltern den Gehirnanatomen Dr. Vogt nach Ziegenberg zu fahren – ohne jedoch die Misshandlungen zu erwähnen. Bei einer Untersuchung hätte der Arzt wohl die Wunden und Eiterbeulen am Körper der Geschundenen entdeckt. Doch Vogt genügt ein Gespräch mit Dippold. Wegen der Masturbation sei Züchtigung unbedingt nötig. Vernünftig, antwortet der Arzt, schiebt noch ein, dass die üblen Folgen der Onanie oft überschätzt würden. Er lässt sich von dem Lehrer seine Erziehungsmethode schildern, verschreibt ein Schlafpulver und reist ab. Gemeinsame Meldung: Alles in bester Ordnung. Der Arzt schließt seinen Bericht mit der Frage, wo die Dame nur diesen „idealen Menschen“ gefunden habe. Rosalie Koch ist selig.

Täter folterte noch den Sterbenden

Bis Dippold Anfang Februar die Kündigung einreicht. In einem Brief fleht die Mutter ihn an, aus ihrem Sohn „einen Anderen“ zu machen, sonst „ist der trostlose dritte Januar der letzte Tag seines u meines Lebens gewesen, wo Heinz und ich uns gesehen haben“. Dippold erklärt, nur bleiben zu wollen, wenn er mit den Knaben nach Drosendorf, in seine Heimat, übersiedeln dürfe, dahin, wo Gärtner und Dienstboten sich nicht in die Erziehung einmischen. Die Mutter stimmt zu, und der Vater schreibt an die Söhne: „Ich vertraue ihm ganz und bin innig dankbar für den Liebesdienst. Ich aber als Euer Vater befehle Euch, Eure ganze Kraft zusammen zu nehmen, damit Ihr zu Menschen werdet, welche Liebe der Eltern verdienen“. Die Mutter wiederum an Dippold: „Nun ist Alles geschehen, um Ihren Willen zu erfüllen. In Drosendorf wird Niemand Sie stören, am Wenigsten Jemand aus unserer Familie.“ Worauf das Paar nach Nizza in die Ferien reist.

Am 10. März liegt Heinz tot im Bett. Der Lehrer hatte den Sterbenden, der flehte, liegen bleiben zu dürfen, mit Fußtritten in Bewegung gebracht, ihn zu Turnübungen und in ein eiskaltes Bad gezwungen. Ihn ohnmächtig geprügelt. Dann hatte er den Bezirksarzt gerufen und ihm zwei Stunden die Verruchtheit der Familie Koch geschildert. Erst dann konnte der Arzt den „Kranken“ sehen. Doch der war längst tot. Die Leichenschau ist ein düsteres Zeugnis der Geschehnisse: Der kleine Körper ist übersäht von blutigen Striemen und eiternden Wunden. Zeugnis von Fußtritten und Faustschlägen auf Gesicht, Schädel, Genitalien. Von Syphilis oder onanistischen Ausschweifungen hingegen keine Spur.

Am 9. Oktober wird Dippold vom Landgericht Bayreuth zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt – wegen vorsätzlicher Körperverletzung mittels gefährlichen Werkzeuges (Joachim), dasselbe mit tödlichem Ausgang (Heinz). Der Staatsanwalt verzichtet auf die Höchststrafe von 15 Jahren, erwähnt die mildernden Umstände im Plädoyer aber nicht. Stattdessen beginnt er mit den Sätzen: „Im Publikum war der Glaube entstanden, das Ehepaar Koch sei am Tode des Kindes moralisch mitschuldig. Der Angeklagte hatte die Frechheit, zu behaupten, die Eltern kümmerten sich nicht um ihre Kinder. Die Verhandlung hat ergeben, dass die Eltern nicht die geringste Schuld trifft.“ Die Eltern wiederum setzen alles daran, den Angeklagten als gemeingefährlichen Sexualstraftäter hinzustellen. Ihnen werden Mitleidsovationen bereitet und Trauerkränze gewunden. Kaum ein vorwurfsvolles Wort.

Erziehersadisten gibt es heute noch

Die Reaktionen sind so gebrochen wie heute in vergleichbaren Fällen. Hier das Mitgefühl für das Opfer, dort der kriminalisierte Verführer, wenn auch oft durch Pathologisierung entlastet. Doch auch wenn die „sexuelle Bestie“ von Gutachtern als krankhafter Sadist beschrieben wird, wollen die Geschworenen von mildernden Umständen nichts wissen. Und Dippold selbst beharrt so starrsinnig auf der Richtigkeit seines Erziehungsmodells, dass er gar nicht daran denkt, auf ein geringeres Strafmaß wegen Unzurechnungsfähigkeit zu dringen.

Nach dem Richterspruch wird das Gerichtsgebäude von Menschenmassen belagert, die ihn für zu milde halten. Die Stimmung ist so aufgeheizt, dass Dippold erst am Tag danach in die Strafanstalt überführt werden kann – man fürchtet Lynchjustiz. Auch nachdem der Hauslehrer inhaftiert ist, debattiert die Öffentlichkeit lange über das Verhältnis von Pädagogik, Sexualität, Individualität, von Normalität und Perversion.

In einer Mischung aus literarischer Erzählung und wissenschaftlicher Studie arbeitet das Buch das historisch Symptomatische des Falls heraus – und gewinnt daraus seine zeitlose Bedeutung. Auch wenn Sicherungsverwahrung damals Schutzstrafe hieß, ist die Debatte um lebenslanges Wegsperren, um Strafmaß, psychischer Störung und Schuld im Wesentlichen dieselbe. Und Dippoldisten – Erziehersadisten – gibt es in Deutschland immer noch.

Michael Hagner: Der Hauslehrer. Die Geschichte eines Kriminalfalls – Erziehung, Sexualität und Medien um 1900. Suhrkamp, Berlin. 280 S., 19,90 Euro.