Sänger in der Krise

Rolando Villazón und die darbenden Opernstars

Opern-Star Rolando Villazón versucht ein Comeback. Nach Burnout und Operation will er es im "Liebestrank" in der Wiener Staatsoper wieder an die Spitze schaffen. Doch stimmlich kämpft er nach wie vor mit Problemen. Damit steht er nicht allein. Viele seiner Kollegen müssen um ihre Zukunft bangen.

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Wird es klappen oder nicht? Selbst Stunden vor seinem ersten (Wieder-)Auftritt als Nemorino in der 30 Jahre alten Inszenierung "nach Otto Schenk" der Wiener Staatsoper schwirrten noch Gerüchte durch die Szene: Rolando Villazón hätte bereits seine anschließenden Vorstellungen als Lenski in Tschaikowskys "Eugen Onegin" an der Berliner Lindenoper neuerlich abgesagt.

Eine Ente. Umso realer und größer war aber der Druck, dem sich der 38 Jahre alte mexikanische Tenorliebling bei seinem nunmehr zweiten Karriereneustart ausgesetzt sah. Dabei war so geringer Voraustrubel in den Medien nie: Rolando Villazón selbst hatte dem zu entgehen versucht, indem er im deutschsprachigen Raum erst wieder von jetzt an Interviews gibt und auffällig herunterspielt.

Beim letzten Mal, im Januar 2008 und ebenfalls in Wien, hatte er mit ein paar Vorstellungen von Massenets "Werther" und "Manon" sowie dem Album "Cielo e mar", seiner ersten Solo-CD bei der neuen Plattenfirma Deutsche Grammophon, den Neustart weit spektakulärer gewagt.

Wenn dieser Nemorino nun für sein zweites Comeback die Bühne betritt, erhebt sich ein Beifallssturm: Rolando Villazón kam, sah ins Fan-Publikum und siegte, bevor er einen einzigen Ton gesungen hatte. Und die anschließende Arie "Quanto è bella, quanto è cara!" rechtfertigte den Anfangsapplaus durchaus.

Ebenso der Schlager von Donizettis komischer Oper, die Romanze "Una furtiva lagrima". Danach wollte der Jubel kein Ende nehmen, doch ein Da Capo wurde nicht gewährt. Kein Wunder: Villazón ist zwar wieder da, aber noch nicht ganz der Alte. Das zeigte sich vor allem in den Duetten und Ensembleszenen, in denen er sich ehedem mühelos durchgesetzt hatte und wo nun gar manches, wohl auch infolge von Anspannung, gedeckt und zugleich forciert klang.

Obendrein wurde die Freude über die Wiederkehr von strahlender Erinnerung überschattet: Im April 2005 ist am selben Ort eine denkwürdige Aufführung zu bestaunen gewesen - mit einem Villazón vor jeglicher Krise, mit Anna Netrebko als Adina, mit Leo Nucci in der Partie des Belcore und dem Scharlatan Dulcamara von Ildebrando D'Arcangelo.

Im Vergleich dazu wirkt die Besetzung, Ambrogio Maestris Dulcamara ausgenommen, gut durchschnittlich. Auch das Orchester reißt niemanden mit, was der begnadete Komiker Villazón auszugleichen versucht: Der König Zappelphilipp aus dem Reiche Wuschelkopf jongliert, grimassiert und gestikuliert mehr denn je.

Nur einmal hält er sich auffallend zurück: Die Netrebko hatte er einst auf den Mund geküsst, bei Ekaterina Siurina begnügte er sich mit Adinas Stirn. Dazwischen liegen Welten: "L'elisir d'amore" als erotisches Lebenselixier. Oder mit Rilke zu sprechen: "Glück der Mücke, die noch innen hüpft."

Im November hatte Villazón per Video auf seiner Webseite mitgeteilt, dass - augenfällig - seine Lockenhaarpracht enorm fülliger geworden ist und seine Stimme wieder da sei. Sein Auftrittsplan bis zum Sommer 2010 liest sich wenig spektakulär.

Schwere Rollen wie Verdis Don Carlo oder der "Carmen"-Don José sind erst einmal Vergangenheit. Vorläufig bewegt er sich in unterschiedlichstem, ihm vor allem in der einst angegriffenen Höhe nicht gefährlich werdendem Tenor-Terrain.

Neuinszenierungen gar stehen für diese Saison keine auf dem Programm, nur Wiederauftritte als vergleichsweise leichtgewichtiger Dichter Lenski in Berlin. Oder die im vergangenen Jahr ausgefallenen Händel-Konzerte, kurz vor deren Beginn im April 2009 Rolando Villazón nach einer neuerlichen Absagenserie von New York bis London und Berlin hatte mitteilen lassen, dass er sich einer Operation an einer Zyste auf dem Stimmband unterziehen müsste und dann länger pausieren wolle: länger als beim Mal davor, im Frühsommer 2007, als er sich ermüdet und ausgelaugt gefühlt hatte.

Donizettis "Liebestrank" folgen auch in München Liederabende mit der von ihm bisher vor allem sprachlich nicht wirklich durchdrungenen "Dichterliebe" Robert Schumanns, begleitet von Hélène Grimaux, in Paris, Verbier und Salzburg sowie sein Zürich-Debüt als Alfredo in "La Traviata".

Virgin Classics veröffentlichte dazu bereits auf DVD einen alten "Liebestrank" von 2005 aus Barcelona und sitzt zudem noch auf dem "Don Carlo" aus Covent Garden, mit dem Villazón 2008 seine erste Neuinszenierung unter erschwerten Umständen bestritten hatte. Außerdem wartet Virgin-Chef Alain Lanceron, einer seiner engsten Freunde, auf die Komplettierung von Vivaldis Oper "Hercole su'l Termidonte".

Die auch wegen Finanzproblemen auf September 2010 verschobene Uraufführung von Daniel Cattans "Il Postino" in Los Angeles an der Seite seines Mentors Plácido Domingo und später im Theater an der Wien hat Rolando Villazón ganz abgesagt.

Dafür möchte er in Zukunft mehr Mozart singen, denkt vor allem über "Idomeneo" nach, den er diese Saison in Paris gestrichen hatte. In London wird man ihn dafür im Sommer 2011 auch als Werther hören. Und in Lyon wird er im Frühjahr 2011 für die Zukunft vorsorgen: Villazón inszeniert erstmals selbst - ebenfalls Massenets "Werther", dem er eine tiefenpsychologische Sicht à la dem vom ihm favorisierten C. G. Jung angedeihen lassen möchte.

Weitgehend unbemerkt vom deutschsprachigen Raum hat Rolando Villazón jedoch in den letzten Wochen anderswo neue Karrierewege beschritten, wohl auch um multimedial vorzubauen, falls es diesmal wieder nicht halten würde. Denn mit einem dritten Comeback wird die Opernwelt Villazón kaum mehr akzeptieren.

Dann bliebe ihm nur der eigentlich traurige Weg eines José Carreras, der nach seiner Leukämieerkrankung 1987 (und dem vorausgegangene Raubbau an seiner Stimme) neben ein paar mikrofonverstärkten "Drei Tenöre"-Konzerten hauptsächlich auf karitativen TV-Spendengalas zu erleben ist.

Die Öffentlichkeit liebt zwar Stehaufmännchen, doch im wie ein Präzisionsuhrwerk weltweit laufenden Opernbetrieb bringen sie nur Sand in die Mechanik. Das nämlich muss sich immer weiterdrehen. Des einen Absagenpech ist das Glück der anderen.

Bei den Tenören etwa profitierten von Villazóns zweiter Auszeit der Pole Piotr Beczala (43) oder der Malteser José Calleja (31). Beide sind gute Sänger, aber nicht eben prickelnde Bühnenpersönlichkeiten. Calleja, der 2004 für Decca seine erste CD aufgenommen hatte, was wenig Resonanz zeigte, will es jetzt noch einmal wissen: Zunächst einmal hat er sich Implantate einpflanzen lassen, um seine Glatze vergessen zu machen.

Popstar to Operastar. So - und nicht anders herum - hieß eine in den letzten Wochen in England so umstrittene wie beliebte Castingshow. Darin mussten Popvokalisten wie Alex James von Blur Opernarien singen lernen.

In der Jury saß neben Rocklegende Meatloaf und dem überbezahlten Crossover-Sopransternchen Katherine Jenkins, die noch nie eine komplette Oper gesungen hat, auch Rolando Villazón.

So nutzte er sein strahlendes TV-Charisma sinnfällig als Warm Up und erschloss sich einen neuen Markt. Trotz oder weil er im "Guardian" scharf für diese Fernsehauftritte angegriffen worden war und in der Zeitung auch öffentlich antwortete. Was dem Verkauf seiner nur in England veröffentlichten, um drei frische Musical(!)-Titel angereicherten Best-Of-CD "Tenor" keinen Abbruch tat.

Hier der TV-Crossover-Tenor, da der seriöse Sänger, dort der Regisseur. Man wird sehen, ob Rolando Villazón seinen eigentlich wunderbaren, wenn auch (zu) schnellen Karriereweg fortsetzen wird. Auch andere Sänger sind nach wie vor gefährdet.

Eben hat die schon 2002 und 2004 an den Stimmbändern operierte Natalie Dessay (44) erst in Paris die letzten drei Vorstellungen der eigens für sie dort angesetzten Bellini-Oper "La Sonnambula" platzen lassen, um gleich darauf zu verkünden, dass sie die gerade laufende Premierenserie des ebenfalls für sie ins Programm der Metropolitan Opera in New York genommenen "Hamlet" von Ambroise Thomas nicht singen würde.

Der Besetzungschef eines der größten deutschen Opernhäuser sagt es knallhart: "Deborah Voigt (49), die sich spektakulär den Magen hatte verkleinern lassen, nachdem man sie wegen ihres Gewichts aus einer Covent-Garden-Premiere abgeschoben hatte, aber nun nicht nur Kilos, sondern auch die Strahlkraft ihrer Spitzentöne verloren hat, singt nur noch ihre alten Verträge ab. Da kommt nichts Neues mehr."

Andere Wackelkandidaten auf seiner Liste: die Salzburger Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager (45), die sich urplötzlich mit drei abgesagten Wiener "Rosenkavalier"-Vorstellungen "von der Rolle verabschiedet" hat. Oder die Chilenin Christina Gallardo-Domas (43), vor einiger Zeit noch neben Netrebko die gefragteste "Traviata", "die heute in der Höhe nur noch fingiert".

Auch der Heldentenor Ben Heppner (54), der eben zum zweiten Mal bei den Salzburger Osterfestspielen den Siegfried absagte, gilt unter Insidern längst nicht mehr als sichere Sängerbank.

Die inzwischen intonationsunsichere Sopranistin Christine Schäfer (45) scheint für den deutschen Operngewaltigen ebenso in der Krise, wie der spanische Bariton Carlos Alvarez (43), der eben in New York aus allen Vorstellungen in Verdis "Attila" ausstieg und letzte Saison einen eigens für ihn in Paris angesetzten "Macbeth"-Inszenierung sausen lassen musste.

Und der Sängerexperte sagt zudem: "Bei Sopranistinnen über vierzig bin ich sehr vorsichtig, wen ich für die nächsten fünf Jahre engagiere." Es ist also einer gehörigen Portion Selbstironie zu verdanken, dass eine Natalie Dessay ihre beiden Katzen ausgerechnet Zyste und Polype genannt hat.