Gesangswettbewerb

Eurovision Song Contest auf jüdisch

600 jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland feiern die „Jewrovision" in der Arena Treptow. Nach dem Prinzip des Eurovision Song Contests wird hier mit Breakdance, Bässen und Rabbiner-Hut um den Sieg gekämpft.

Foto: Marion Hunger

Esther wirbelt durch die Garderobe. Bei rund 40 jungen Frauen muss sie schreien, um gehört zu werden. Hier fehlt noch eine Requisite, dort wollen die Haare nicht sitzen, vor dem Spiegel wird rasch der Lidstrich nachgezogen. Noch 20 Minuten bis zur Show. „Jetzt erst mal rauf auf die Bühne und dann wird richtig gefeiert“, sagt die 15-Jährige. Im Kopf geht sie ein letztes Mal die Choreographie durch, dann wird es ernst.

Um kurz nach 21 Uhr betreten zwei junge Charmeure in adretten Anzügen an diesem Sonnabend die Bühne. „Herzlich willkommen zum größten Konzertevent für die jüdische Jugend Europas“, rufen Eyal Levinsky und Benjamin Fischer in ihre Mikros. Die zehnte Auflage der „Jewrovision“ hat begonnen. Die Tribünen in der Arena Treptow sind bis auf den letzten Platz besetzt, etwa 1000 Zuschauer sind gekommen. Bei dem Gesangswettbewerb der jüdischen Jugendzentren in Deutschland geht es um ganz viel Lokalpatriotismus und um die beste Performance. Vor allem aber geht es um selbstbewusste Jugendliche und ihre jüdische Identität.

Dann ist Tänzerin Esther an der Reihe. Mit ihren Berliner Freunden aus dem jüdischen Jugendzentrum „Olam“ (zu deutsch: Welt) wagt sie sich ins Scheinwerferlicht und startet die Talentshow. Der Gesang ist live, die Choreographie ausgefeilt. Spätestens, als das jüdische Traditionsliedchen „Hava Nagila“ mit satten Bässen durch die Arena wummert und zwei Jugendliche im Rabbiner-Kostüm eine Breakdance-Einlage zünden, springt der Funke über. In der ersten Reihe sitzt Jurorin Susan Sideropoulos. „Da steckt so viel Herzblut drin“, sagt die Darstellerin der RTL-Seifenoper „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“. Sie war früher selbst Betreuerin im jüdischen Jugendzentrum in Berlin und muss sich Mühe geben, bei ihrer Jurybewertung neutral zu bleiben.

„Wir wollen den Zusammenhalt und die jüdische Identität der Jugendlichen stärken“, sagt Organisatorin Xenia Fuchs. Rund 600 Teilnehmer aus ganz Deutschland sind am Start, die Veranstalter haben sich ein unbeschwertes Motto ausgedacht. „Make your dreams come true“, lautet es.

Dass es sich bei der Veranstaltung aber nicht nur um einen Talentwettbewerb engagierter Jugendlicher handelt, wird vor der Arena deutlich. Mehrere Einsatzwagen der Polizei sichern die Halle. Hinter dem massiven Eingangstor steht ein Metalldetektor, penibel werden die Zuschauer durchsucht. Die Sicherheitsmänner müssen bei einer jüdischen Veranstaltung dieser Größenordnung mit dem Schlimmsten rechnen. „Es gibt eben Leute, die uns nicht akzeptieren“, sagt Tänzerin Esther hinter den Kulissen. Deshalb sei es besser, wenn es Polizeischutz gebe. Auch auf der Showbühne gibt es nachdenkliche Äußerungen, die man bei einem Jugendevent kaum erwarten würde. „Die politische Lage in den arabischen Ländern ist gar nicht komisch. Wir hoffen, dass es sich zum Positiven wenden wird“, sagt Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Die Jugendlichen im Publikum werden ernst, dann folgt zuversichtlicher Applaus. Dann sagt Lala Süsskind: „Aber auch Party gehört zum Jüdischen dazu. Viel Spaß!“

Am späten Abend, nachdem die Teilnehmer aus Bremen, München oder Karlsruhe ihre Liveshows hinter sich gebracht haben, wird es richtig laut in der Arena Treptow. Die Berliner Gastgeber mit den Sängerinnen Lea, Karyna, Mascha, Marilyn und Sharon interpretieren den Song „Raining Men“ der Weather Girls. In ihrer Textversion heißt es: „Trau dich aufzustehen, und trau dich endlich rauszugehen.“ Der Auftritt überzeugt: Mit großem Abstand küren Jury und Publikum die Berliner zum Sieger. Wie im Jahr zuvor.