Oscar-Verleihung

Schielendes Opossum tippt auf den Stotterer

Die schielende Beutelratte Heidi hat die Oscar-Preisträger vorausgesagt. Ihre Favoriten hätten die Filmtrophäe allesamt verdient.

Es gibt Tiere, deren Namen hören sich nach Intelligenz an, nach weiser Voraussicht und humanistischer Bildung, auf jeden Fall nach dem Großen Latinum. Oktopus zum Beispiel, oder auch Opossum. So etwas möchte man nicht streicheln, sondern gleich durchdeklinieren oder altsprachliche Sätze aus ihnen bilden, etwa wie "Opossum necesse est“ (frei übersetzt: Ohne Opossum geht’s nicht).

Es dürfte kein Zufall sein, dass moderne Medien, wenn sie Kompetenz und Weitblick demonstrieren wollen, gern auf solche Kreaturen zurückgreifen. Der Okotopus Paul, umgangssprachlich als Krake eingeordnet, war so einer. Er musste während der letzten Fußball-Weltmeisterschaft den Ausgang der Spiele voraussagen, und soll durch ruhige Deutungen seiner acht Arme auch manchen Treffer gelandet haben. Vergangene Woche war das Opossum dran, oder muss man korrekt sagen: die Opossa? Heidi ist ja ein Weibchen, und sie hat uns die ganze Woche hindurch in einem amerikanischen Fernsehsender vorausgesagt, wer am Sonntagabend in Hollywood die Oscars erhalten wird. In der Late Night Show von Jimmy Kimmel, dem Harald Schmidt der USA, amüsierte man sich köstlich über die "cross eyed“ (schielende) Beutelratte. Montag früh wissen wir, ob Heidi, die im Leipziger Zoo wohnt, wirklich so klug ist.

Heidi ist berühmt, weil Heidi schielt. Was erstens viele lustig finden. Als zweites aber kommt so außer dem Gattungsnamen noch eine weitere Eigenheit hinzu, die mit Klugheit assoziiert wird. Wer schielt, muss eine Brille tragen, und wer eine Brille trägt, gilt in der Symbolsprache oft als klüger, manchmal als Besserwisser oder als Bücherwurm, deswegen finden wir leicht schielende, bebrillte Steppkes in Comics oder Cartoons auch schon mal als Streber aus der ersten Reihe. Passt also alles – fast.

Erst mal hat Heidi keine Brille. Und Strebertum konnte man Heidi jetzt bei ihren Auftritten im US-Sender ABC nicht nachsagen, von Übereifer konnte gar keine Rede sein. Ganz im Gegenteil. „Alle Bewegungen sind träge“, wusste schon der Altmeister der Tierbeschreibung, Alfred Brehm, im vorletzten Jahrhundert in seinem „Tierleben“ über das Opossum zu berichten, und genau so gestalteten sich jetzt Heidis Nummern in der TV-Show. Aus ihrer Wohnkiste herausgelockt vor die Kameras, klappte sie immer erst mal ihr Maul im 90-Grad-Winkel auf, gähnte ausgiebig, ging ein wenig auf dem roten Teppich auf und ab, hinter dem auf fünf Säulen die Statuetten der jeweiligen Oscar-Kandidaten darauf warteten, durch Heidis Pfotenschlag zum Sieger erklärt zu werden, fand hier und da etwas Essbares – und wackelte unverrichteter Dinge in einer Art Reptiliengang zurück unter die Berge von Holzwolle in ihrer Behausung, hinter sich ihren dicken, fetten Schwanz herziehend.

Beim dritten oder erst vierten Ausflug dann erhielt eine der Starfiguren die ersehnte Berührung der dünnen, roten Finger des Opossums. Dienstagnacht war es Natalie Portman als – in Heidis schielenden Augen – beste Hauptdarstellerin („Black Swan“), Mittwoch dann Colin Firth als bester Hauptdarsteller im Film „The King’s Speech“, jenem Film über den Sprachfehler von George VI. Schielende Opossums scheinen sich zu stotternden Königen hingezogen zu fühlen. In der Kategorie „Bester Film“ tippte Heidi auf „127 Hours“.

Persönlich werden wir Heidi nicht nach ihren Vorhersagen befragen können. Bis Juli wird sie abgeschottet bleiben von der Öffentlichkeit, auch die TV-Teams des Senders ABC wurden nur mit exklusiver Ausnahmegenehmigung vorgelassen in die „rückwärtige Tierhaltung“ des Leipziger Zoos, wie man die geheimen Gemächer dort nennt, in denen Heidi und die anderen Unsichtbaren wohnen.

Heidis dicker, fetter Schwanz – ihn gilt es zu beachten, die Kehrseite ihrer so aparten Augen. Beides hängt enger zusammen, als wir zunächst ahnen, und wenn das eine verschwindet, könnte auch das andere bald nicht mehr sein. Michael Ernst ist in Leipzig Pfleger der Opossums. Für Heidi also das, was der berühmte Thomas Dörflein für den Berliner Eisbären Knut war. Und Ernst ist heute nicht mehr überzeugt von dem, was noch vor Monaten über Heidis Schielen alle wussten, dass es nämlich genetisch bedingt sei. Weil auch Heidis Schwester Naira ein wenig schielt, sah man den Silberblick als ererbt an. Inzwischen aber meinen Ernst und seine Leipziger Kollegen, die Ursache des Schielens sei bei den Opossum-Schwestern ihr zwischenzeitlich deutliches Übergewicht. Das zu viel angefressene Fett lagert sich bei Opossums nach den Experten vor allem an zwei Stellen ab. Zum einen nahe den Pupillen, faustdick hinter den Augen sozusagen, wo es deren Muskulatur lahm lege und zum Schielen verleite. Und zum anderen im Schwanz.

Setzt man die verfressenen Opossums auf Diät, so werde zunächst der Schwanz schlanker, anschließend könne aber auch der Hang zum Schielen verschwinden. Könnte, sagt Ernst, denn wenn das Schielen schon zu lange anhalte, ist bei den Augen nichts mehr zu machen – und genau dies könnte bei der über zwei Jahre alten Heidi der Fall sein.

Das Übergewicht hat sich Heidi, unter Anleitung ihrer Pfleger, inzwischen schon abgehungert, rechtzeitig auch für ihren Fernseh-Auftritt auf dem roten Teppich. Mit 3,7 Kilo ist sie weit unter ihrer Höchstmarke von 4,8 Kilo aus dem vergangenen Jahr, und der Schwanz ist, wenn gleich immer noch dick und fett, ebenfalls längst herunter von seinem Rekord-Durchmesser. Am Schielen hat sich noch nichts geändert. Aber will man Heidi davon überhaupt heilen? Wo Heidis Fans doch gerade ihr Schielen so bezaubernd finden und sie nur deshalb zum Weltstar machten. „Heidi ist trotz, nicht wegen des Schielens attraktiv“, behauptet Michael Ernst, „außerdem arbeiten wir nach tiergärtnerischen Grundsätzen für das Wohl des Opossums, auch wenn es dem Marketing mal widerspräche“.

Auch Zoodirektor Jörg Junhold weist die Überlegung, Heidis Alleinstellungsmerkmal, den strengen Silberblick, durch fettreiche Nahrung künstlich aufrechtzuerhalten. Man sei schließlich auch nicht selbst darauf gekommen, das Schielen zu vermarkten, dies habe sich vielmehr als Selbstläufer nach den ersten Bildern im Internet ganz ohne Zutun des Leipziger Zoos rasant entwickelt. Natürlich habe man sich, nachdem die Popularität da war, die Marke Heidi sichern lösen – und bereits für ihren Fernsehauftritt eine fünfstellige Gage kassieren können, die in den Artenschutz geflossen sind, zugunsten von Nashörnern.

Die kleine Beutelratte ist mit ihren dreieinhalb Kilo somit in der Rettung von Tieren engagiert, die locker dreieinhalb Tonnen auf die Waage bringen – natürlicher Artenschutz mit immenser Hebelwirkung. Oder sollen wir es Solidarität nennen? Nashörner, oder Rhinozerosse, sind bekanntlich ähnlich sehbehindert wie schielende Opossums.

Schlechte Augen sind nachteilig für alles, was sich draußen, außerhalb des bequemen – und behindertenfreundlichen – Zoos selbst versorgen muss. Das Rhinozeros kann damit leben, seine Leibspeisen Gras oder Laub findet es blind. Wie aber soll das Opossum, dem Brehm "unbeschreibliche Mordgier“ und Blutrünstigkeit bescheinigt, diesen Trieben nachgehen, wenn es nichts erkennt? Schlimmer noch: Opossums lieben Aas und sammeln dies gern von der Straße auf. Dabei werden auch die scharfsichtige unter ihnen, wenn sie nicht aufpassen, selbst zum Aas. Wie viel gefährlicher wäre diese Gewohnheit bei einem Silberblick? Heidi hat Glück, ihren Weg von Amerika über Dänemark in den sicheren Leipziger Zoo gefunden zu haben.

Ob wenigstens ihre intellektuelle Weitsicht, ihre Vorhersagekraft ausreichend ist, werden wir Montag früh erfahren. Vielleicht reicht es ja auch nicht, das Große Latinum anklingen zu lassen. Vielleicht sollten sie nächstes Mal gleich ein Rhinozeros selbst einsetzen. Das klingt nach der Sprache der Altgriechen – der Großmeister des Orakels.