Ehrung

Friedrich-Luft-Preis geht an Performancegruppe

Ein Stück mit Familienanschluss: In "Das Testament" traten die Darsteller mit ihren Vätern auf. Dafür bekommt die Gruppe She She Pop den Friedrich-Luft-Preis.

Foto: DAVIDS/Zinken

Es hat etwas von einer Litanei: Jeder Auftritt beginnt mit den Worten: „Mein Vater“, verbunden mit einer kurzen Charakterisierung. An der Wand steht: „König Lear“. „Mein Vater ist alt und gebrechlich, er verlässt kaum noch sein Haus. Aber wenn ich ehrlich bin, ich hätte ihn auch vor 20 Jahren nicht auf die Bühne geholt“, erzählt Lisa Lucassen. Und erklärt damit, warum sie diesen Theaterabend mit dem Titel „Testament“ ohne ihren Vater bestreitet. Anders als ihre drei Kollegen, allesamt Mitglieder des 1998 gegründeten Performance-Kollektivs She She Pop: Sebastian Bark hat seinen Vater Joachim zum Auftreten überzeugen können, Fanni Halmburger ihren Vater Peter und Ilia Papatheodorou ihren Vater Theo.

Als die älteren Herren die Bühne betreten, wird jeder mit einem Fanfarenstoß begrüßt. Sie setzen sich in die Ohrensessel. Später werden ihre Gesichter dank Videotechnik als eine Art Ahnengalerie in überdimensionale Bilderrahmen projiziert. Die Zusammenarbeit mit den eigenen Vätern war bei diesen „Verspäteten Vorbereitungen zum Generationswechsel nach Lear“, so der Untertitel des Projekts, alles andere als konfliktfrei. Und das erfahren die Zuschauer auch. Dialoge aus der ersten Probenphase im Spätsommer 2009 werden eingespielt – und nachgesprochen. Die Väter haben andere Vorstellungen vom Theater als ihre Kinder. Sie fürchten körperliche und seelische Entblößung – und fordern Respekt.

She She Pop liest Shakespeares „König Lear“ als Erbschafts-Tragödie. Dem alten Mann gelingt es nicht, sein Reich unter den drei Töchtern aufzuteilen und die anderen Angelegenheiten vernünftig zu regeln. Die Absprache für seine Altersvorsorge scheitert. She She Pop verwundert das nicht. Denn „von allen Tauschgeschäften, in die wir jemals verwickelt werden, ist dasjenige zwischen den Generationen das komplizierteste und undurchsichtigste. Wert und Gegenwert (also Geld und Liebe) sind prinzipiell verschleiert, und niemand hat den Tauschbedingungen je offiziell zugestimmt. Das gilt für fast alle Verabredungen zwischen den Generationen: Sie sind faul. Sie haben nie stattgefunden. Es gibt sie nicht. Der Stall, den es hier auszumisten gilt, ist randvoll mit Daten und Details, Schmuckstücken, Stammbäumen, Erbfolgen, Erbkrankheiten, Liebesschwüren, Pflegeplänen, Benzinquittungen und Schuldgefühlen.“ Also verwandelt die Performance-Gruppe das Theater in einen Verhandlungsraum für einen utopischen Prozess: den Ausgleich zwischen den Generationen.

Die achtköpfige Jury des Friedrich-Luft-Preises hat dieser Ansatz beziehungsweise dessen Umsetzung überzeugt. „Testament“ erhält als „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2010“ den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis 2010 der Berliner Morgenpost. Die Koproduktion mit Kampnagel Hamburg und FTT Düsseldorf kam am Berliner Theater Hebbel am Ufer heraus. In ihrer Begründung nannte die Jury „die Überzeichnung von Shakespeares ,König Lear’ einen gleichermaßen mutigen wie berührenden Dokumentartheater-Abend. She She Pop gehen ein großes künstlerisches Wagnis ein. Sie stehen gemeinsam mit ihren realen Vätern auf der Bühne und verhandeln öffentlich ein sehr persönliches Thema: den eigenen Generationsvertrag. Der Gruppe gelingt es beeindruckend, die klassische Vorlage auch durch einen souveränen Umgang mit modernen theatralischen Mitteln in die Gegenwart zu ziehen.“

Der Theater-Jahrgang 2010 war in Berlin ein vergleichsweise unspektakulärer. Lediglich sieben Inszenierungen wurden von der Jury für den Friedrich-Luft-Preis nominiert. Und gleich drei kamen aus dem Off-Bereich. Ein deutliches Indiz für die Lebendigkeit der freien Szene. Und für ihr Gespür, Themen auf die Bühne zu bringen, die die Menschen bewegen.

Schiller lesen – mit Pistole

So wie She She Pop mit der Pflege- und Erbschaftsproblematik. Oder wie das Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße, wo Regisseur Nurkan Erpulat gemeinsam mit Jens Hillje in „Verrücktes Blut“ die Integrationsdebatte befeuert, indem er alle Klischees kräftig durchschüttelt. Eine von ihrer Klasse mit Migrationshintergrund völlig überforderte Deutschlehrerin versucht, ihren Schülern mit vorgehaltener Pistole Schiller näher zu bringen. Die Inszenierung kam vor Sarrazins Buch heraus – und liefert dazu einen bissigen Kommentar. Drittes Beispiel: Das Theater 89, das sich in „Hafthaus“ mit den menschenverachtenden Stasi-Machenschaften beschäftigt. Auf Grundlage der unter diesem Titel veröffentlichten Erinnerungen von Ralf-Günter Krolkiewicz – der Schauspieler und spätere Potsdamer Theaterintendant wurde im Sommer 1984 von der Stasi wegen einiger satirischer Gedichte verhaftet, eingesperrt und nach einem Jahr in den Westen abgeschoben – hat Theater-89-Leiter Hans-Joachim Frank einen berührenden Abend inszeniert.

In die Jury-Schlussdiskussion hatte es lediglich eine Staatstheater-Inszenierung geschafft: die Uraufführung „Diebe“. Andreas Kriegenburg hat dieses Stück von Dea Loher am Deutschen Theater inszeniert. Zur Jury des Friedrich-Luft-Preises der Berliner Morgenpost gehören Aspekte-Moderatorin Luzia Braun, Schriftsteller Thomas Brussig, der Gründungsintendant des Deutschlandradios Ernst Elitz, Schauspielerin Martina Gedeck, Morgenpost-Kulturredakteur Stefan Kirschner, die ehemalige Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach, Theaterkritiker Martin Linzer und Schauspielerin Claudia Wiedemer.

Überreicht wird der Friedrich-Luft-Preis 2010 am 5. April 2011 im Anschluss an die „Testament“-Vorstellung im Hebbel am Ufer. Karten für diese Veranstaltung gibt es beim Theater.