Gangsterfilm

Auch Italien hatte seinen Popstar-Verbrecher

Der Film "Engel des Bösen" erzählt die Geschichte von Renato Vallanzasca, der auszog, Mailands Unterwelt zu beherrschen.

20 Jahre mit über 70 Überfällen, vier Entführungen und vier Polizistenmorden. Es mag heute kaum mehr nachvollziehbar sein, aber im Italien der Siebziger gehörte der skrupellose Verbrecher Renato Vallanzasca – wegen seines guten Aussehens und einer Vorliebe für Designerkleidung auch „der schöne Rene“ genannt – zu den populärsten Gestalten des öffentlichen Lebens. Als man ihn verhaftete, bekam er säckeweise Fanpost in die Zelle geschickt, überwiegend von weiblicher Seite.

Der italienische Schauspieler und Regisseur Michele Placido („Allein gegen die Mafia“) versucht mit „Engel des Bösen“, diesem Phänomen gerecht zu werden. Trotzdem scheint sich Placido zu keiner Position beziehenden Perspektive auf den glamourösen Schwerverbrecher durchringen zu können. Stattdessen handelt er routiniert die Banditenbiografie als Stationendrama ab: vom flotten Bankraub zum Champagnergelage im Nachtclub, von der ersten Verhaftung zum ersten Ausbruch, von der Fehde mit Konkurrenzverbrechern zum Bruderkuss mit deren Oberhaupt, und so fort.

Versteckt hinter einem großem Schnurrbart, einer 70er-Jahre-Brille und mit ungewohnt ausgedünntem Haupthaar gibt übrigens Moritz Bleibtreu eines von Vallanzascas treuen Bandenmitgliedern. Vor seiner Premiere in Venedig löste der Film eine heftige Polemik aus. Placido verhelfe einem brutalen Mörder zur Imageaufbesserung, mythisiere und beschönige dabei Taten, unter denen heute noch Menschen litten.

Bald aber legte sich die Aufregung, wurde doch ersichtlich, dass „Engel des Bösen“ nichts weiter als ein guter Gangsterfilm sein will. Die Auseinandersetzung mit der Frage, warum die 70er mit dem Franzosen Jacques Mesrine, dem Deutschen Andreas Baader oder dem Venezuelaner Carlos eine ganze Reihe an Gewalttätern mit Popstarstatus hervorbrachten, überlässt Placido anderen.