Kino

Der Lenin-Fan spielte Fußball in Lüdenscheid

Sein Held hieß Oleg Blochin und kickte für Dynamo Kiew: In seiner Kindheit fand Richard David Precht alles gut, was rot war. Im Dokumentarfilm "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" erinnert sich der Bestsellerautor an die siebziger Jahre in Nordrhein-Westfalen – und an seine Eltern, die in der DKP waren.

Foto: - / W-Film

Es war nicht alles schlecht. Immerhin hat der Ostblock auch einen Fußballspieler namens Oleg Blochin hervorgebracht. Der war in den Siebzigerjahren, was heute Christiano Ronaldo ist: Der pfeilschnelle, dribbelstarke Schrecken aller Abwehrspieler. Und er war das Idol eines kleinen Jungen, für den jedes Spiel von Dynamo Kiew gegen eine westdeutsche Mannschaft den Kampf der Systeme symbolisierte - mit ihm und Blochin auf der richtigen, der roten Seite.

Der kleine Junge hieß Richard David Precht. Heute ist er Autor des Bestsellers "Wer bin ich und wenn ja wie viele?". Und er erinnert sich in dem Dokumentarfilm "Lenin kam nur bis Lüdenscheid" mit ironischer Distanz an seine Jugend im westdeutschen DKP-Milieu.

Per Adoption das Leid in Vietnam lindern

Er macht sich damit ums Geschichtsbewusstsein verdient. Denn diese ganze von der DDR subventionierte Szene ist ja heute doch, anders als die undogmatische Spontilinke, weitgehend in Vergessenheit geraten. Und man staunt, wenn ihre Zombies aus dem Grab wiederauferstehen und als Abgeordnete der Linkspartei Sehnsucht nach der Mauer bekunden.


Prechts Eltern träumten von einer besseren sozialistischen Welt und glaubten, in der DDR sei diese schon verwirklicht. Man reiste vom heimischen Solingen aus einmal dorthin wie nach Mekka. Noch lieber fuhr man allerdings nach Skandinavien - das war ja auch fast ein bisschen sozialistisch, aber ohne die Mauer und den Schießbefehl, die man ja doch nur schwer ignorieren konnte. Ansonsten erbaute man sich im Pionierlager im nahen Lüdenscheid. Dort schien die Weltrevolution bereits gesiegt zu haben.

Aber man leistete auch ganz praktische Beiträge zur Verbesserung der Welt: Zwei von Prechts Geschwistern sind Waisenkinder aus Saigon, mit deren Adoption seine Eltern die Leiden des vietnamesischen Volkes ein ganz klein wenig lindern wollten

Der DKP-Vater ist heute nicht mehr so verbissen


Auch wenn vor allem Prechts Schwester sich heute mit sichtbarem Grausen an ihre Kindheit in der Hippieschmuddelwohnung mit den Sisalteppichen erinnert, schwingt der Film doch niemals den Holzhammer. Zwar gibt es wunderbar komische Aufnahmen aus dem Gruselkabinett des von DDR finanzierten linken Größenwahns in Westdeutschland - so etwa wenn ein kommunistischer Schriftsteller prahlt, ihm sei am Gedeihen von Krupp sehr gelegen, denn seine Genossen wollten das Werk ja schließlich übernehmen.

Doch Prechts Vater kommt in den Interviews keineswegs als verbiesterter Alt-68er rüber, sondern erklärt manche Groteske von damals als Reaktion auf den postfaschistischen Zeitgeist. Und auch der ehemalige DKP-Kreisvorsitzende sieht rückblickend manches nicht mehr so verbissen.


Die Stärke des Films von Regisseur André Schäfer liegt auch darin, dass bei aller Konsumkritik offenbar in der Familie Precht schon eifrig mit der Super-8-Kamera gefilmt wurde. So bekommt man nicht nur das übliche schon 1000mal gezeigte Fernseharchivmaterial zu sehen, sondern unverbrauchte, oft ganz private Bilder aus dem sozialistischen Alltag in der BRD