Neu auf CD

Wütendes Kollektiv mit Migrationshintergund

Die Asian Dub Foundation hinterfragen die Computerwelt. Außerdem: Pushking pflegen die Russisch-Amerikanische Freundschaft.

Es war Apple, die Computerfirma, die der digitalen Welt ein schöneres Antlitz geben und auf diese Weise sogar unsere Seelen retten wollte. Seit dem iPod und seit iTunes, seit dem iPhone und dem iPad ist man sich da nicht mehr ganz so sicher. Oberfläche schön und gut. Aber wer treibt sein Unwesen hinter der Scheibe und den bunten Apps? Die Asian Dub Foundation hat schon in den Neunzigern, als Apple noch die Guten waren, Weltverschwörungen in wuchtige Musik gesetzt. In einer herzhaften Melange aus Reggae, Dub und HipHop, Rock und Allerweltsmusik, bevorzugt indischer.

Die ADF wurde in London von einem Musiklehrer und seinem Lieblingsschüler vor asiatischen Migrationshintergründen ins Leben gerufen. Mit dabei war DJ Pandit, ein Sozialarbeiter. Pandit hat als einziger beim Soundsystem über die Jahre ausgeharrt. Er war dabei als Talvin Singh die Asian Dub Foundation in den Asian Underground aufnahm. Als wechselnde Sänger skandierten: „I’m not a black man / This time it’s an asian.“ Als sie mit „Rafi’s Revenge“ gegen Rassismus wetterten, mit „Enemy Of The Enemy“ für die Einheitsfront warben und mit „Tank“ gegen den Krieg im Nahen Osten anspielten.

Nun also Apple: Auf dem Cover von "A History Of Now" (Cooking Vinyl) gibt es 20 Apps, darunter „AutoTune The Masses“, um die Menschheit auf einen globalen Grundton einzustimmen. Ein Programm für Zappatisten, eins für Molotow-Cocktails, ein anderes für den steigenden Meerwasserspiegel. In den Stücken geht es bassbestimmt um Überwachung und geheimnisvolle Geldflüsse, Gemeingut und ein besseres Leben. Klingt hysterisch, aber super. (vier von fünf Punkten)

Pushking: The World As We Love It – A Rock And Roll Journey

„Auf der einen Halbkugel wohnten die Amerikaner, sie trugen komische Frisuren, tranken Whiskey und tanzten Rock’n’Roll. Auf der anderen Seite wohnten die Russen, sie trugen Pelzmützen, tranken Wodka und tanzten Kasatschok. Beide Teile waren nicht gut auf einander zu sprechen.“ So beschreibt der Russe Wladimir Kaminer die amtlich anerkannte Welt vor 1990.

Dass auch Sowjetrussen längere Haare hatten, sich mit allem möglichen betranken und der Rockmusik zusprachen, weiß man ebenfalls von Wladimir Kaminer, aus seinen Prosatexten und aus der Berliner „Russendisko“. Pushking aus St. Petersburg, benannt nach Alexander Puschkin, treten auf seit 1994. Ihre Mitglieder hatten im Leningrader Untergrund bereits vereinzelt die Musik Amerikas gepflegt. Keinen extremen Metal, sondern den adretten, breitbeinigen Hardrock der Erfolgreichen und Lustigen. Die internationale Wertschätzung blieb Pushking allerdings auch nach dem Kalten Krieg versagt. Im Osten kamen sie nur bis Sibirien, westlich bis Frankfurt am Main.

Zuletzt sandten sie ihre schönsten Stücke kurzerhand nach Kalifornien an Fabrizio Grossi, einen einflussreichen Produzenten. Grossi wiederum lud Alice Cooper ein und dessen Gitarristen Keri Kelli, Billy Gibbons von ZZ Top, Paul Stanley von Kiss und sogar Udo Dirkschneider von U.D.O. Entsprechend herzlich wird geschrien und gestampft. „The World As We Love It – A Rock And Roll Journey“ (Ear Music) ist kein Album, ohne das die Erde sich nicht weiter drehen würde. Aber es beweist, dass sich Amerika und Russland immer näher waren als gedacht. (zwei von fünf Punkten)