Magie

Der Mann, der Harry Potter das Zaubern lehrte

Hex! Hex! Der Engländer Paul Kieve ist einer der größten Illusionisten. Jetzt hat er ein Buch über die Geschichte der Magie geschrieben. Im Gespräch mit Morgenpost Online verrät er die Tricks, die er Daniel Radcliffe beigebracht hat und welche Zauberei er bei Siegfried und Roy großartig findet.

Der 41jährige zählt zu Englands bekanntesten Illusionisten. Einen Namen hat er sich vor allem als Ingenieur magischer Bühneneffekte gemacht. Für eine Inszenierung von Roald Dahls "The Witches" im Londoner West End verwandelte er einen Darsteller in eine Maus. Das von ihm betreute Bühnenstück "The Invisible Mann" (nach H.G. Wells) wird vom Guinness-Buch als das Theaterstück mit den meisten magischen Effekten geführt. Als "Zauberberater" wirkte er unter anderem auch für Andrew Lloyd Webber. Kieves Buch "Hokuspokus", eine kleine Geschichte der Zauberei für junge Leser, ist soeben bei Bloomsbury in Berlin erschienen (315 Seiten, 14,90 Euro). Paul Kieve lebt in London.

Morgenpost Online: Sie haben Harry Potter das Zaubern beigebracht. Kann man das so sagen?

Paul Kieve: Genau genommen habe ich natürlich Daniel Radcliffe, der Harry Potter spielt, das Zaubern beigebracht. Bei den Dreharbeiten zum dritten Potter-Film "Der Gefangene von Askaban" war ich als Berater für physische Magie engagiert.


Morgenpost Online: Berater für physische Magie?


Kieve: So lautete mein Titel. "Physische Magie" in Abgrenzung zu den computergenerierten Spezialeffekten. Alfonso Cuarón, der mexikanische Regisseur, wollte, dass im Film auch live gezaubert wird. Also habe ich zum Beispiel die "Karte des Herumtreibers" entworfen. Die lebendigen Taschentücher im Film waren auch ein echter Zaubertrick.


Morgenpost Online: Sind denn Zauberei und Zaubertricks nicht zwei Paar Schuhe? Harry ist ein geborener Zauberer. Sie sind ein Muggel.

Kieve: Heute ist das etwas völlig anderes, ja. Heute hat die romantische Idee eines Zauberers nur noch wenig mit dem zu tun, was sich die Leute unter einem Zauberkünstler, einem Illusionisten, vorstellen. Vor 200 Jahren allerdings war diese Unterscheidung noch gar nicht so ausgeprägt. Im 16. Jahrhundert wurden Trickkünstler noch wegen Hexerei verbrannt. Zwischen schwarzer Magie und der ehrlichen Kunst der Täuschung machte man keinen Unterschied.

Morgenpost Online: Jean-Eugène Robert-Houdin, der erste Illusionist im Frack, hat gesagt: "Ein großer Zauberer ist ein Schauspieler, der einen Zauberer spielt."

Kieve: Ein Sänger singt, ein Tischler macht Tische. Das Problem des Zauberers ist: Er kann nicht zaubern. Der Begriff "Illusionist" wäre ehrlicher.

Morgenpost Online: Was fasziniert uns eigentlich so an der Zauberei? Geht es um Allmachtsfantasien? Um den alten Wunderglauben?


Kieve: Eine Frage fast so groß wie die nach dem Sinn des Lebens, nicht wahr? Sagen wir es so: Die Welt ist voller Geheimnisse, und Kinder haben einen natürlichen Sinn für das Staunen. Als Erwachsene werden wir ignorant und irgendwie müssen wir das ja auch. Wir können ja nicht ständig durch die Welt rennen und "Oh, der Himmel!" rufen. Alle Zauberei aber läuft immer auf den einen Moment der Verwunderung zu, und vielleicht geht es um diesen bloßen Augenblick des Staunens, der wie eine Erinnerung wirkt.


Morgenpost Online: Andererseits waren viele Zauberkünstler betont rational. Harry Houdini hat sogar eine Streitschrift gegen Geisterbeschwörungen geschrieben.


Kieve: Um einen Zaubertrick zu erfinden, muss man Pragmatiker sein. Man muss etwas von Physik und Technik verstehen. Robert-Houdin war einer der ersten Menschen überhaupt, der Glühbirnen verwendete und eine Alarmanlage installierte. Houdini allerdings, der sich nach Houdin benannt hat, wurde allein aus Enttäuschung zum Anti-Spiritualisten. Erst hat er versucht, mit seiner verstorbenen Mutter in Kontakt zu treten.


Morgenpost Online: Sie haben eine kleine Geschichte des Zauberns für Kinder geschrieben. Wie lange gibt es denn schon Zauberkünstler?

Kieve: Das erste Mal, dass in englischer Sprache über die Zauberei als Illusionskunst geschrieben wurde, war 1584. Der Autor, Reginald Scott, hat sich darin gegen die Hinrichtung von Trickkünstlern ausgesprochen. Angeblich aber gibt es sogar eine altägyptische Hieroglyphe, die einen Zaubertrick beschreibt. Allerdings liegt sie heute auf dem Grund des Assuan-Stausees.

Morgenpost Online: Das goldene Zeitalter der Zauberkünstler war das ausgehende 19., beginnende 20. Jahrhundert. Warum?

Kieve: Die Viktorianer waren von Wissenschaft, Technik und optischen Neuerungen fasziniert. Robert-Houdin etwa war der Sohn eines Uhrmachers. Besondere Bedeutung aber hatte der Spiritualismus. Die ersten, die um 1850 öffentliche Seáncen abhielten, waren die Fox-Schwestern. Ebenso behaupteten die Davenport-Brüder, echte Geisterbeschwörer zu sein. Sie ließen sich gefesselt in eine Holzkiste sperren und gleich darauf erklangen Trompeten, Papiere flogen durch die Luft usw. Wenn die Kiste geöffnet wurde, waren die Davenports wieder gefesselt. Bald darauf übernahmen John Nevil Maskelyne und sein Partner George Cooke den Davenport-Trick, nannten sich aber "die Anti-Spiritualisten", machten die Illusion also öffentlich.

Morgenpost Online: Manche Zauberkünstlerbiografie liest sich wie eine Gaunergeschichte. Alexander, der Mann, der alles wusste, hat den Gangster Soapy Smith ermordet. Der chinesische Zauberer Chung Ling Soo wurde auf offener Bühne erschossen. Hatte diese Gesellschaft etwas Halbseidenes?

Kieve: Es war ein gefährliches Geschäft. Zauberer verloren bei Schiffsuntergängen ihre komplette Show. Der große Lafayette starb bei einem fürchterlichen Bühnenbrand.

Morgenpost Online: Und Chung Ling Soo? Ein Unfall?

Kieve: Das präparierte Gewehr, aus dem die Kugeln abgefeuert wurden, die er sonst aufzufangen vorgab, war defekt. Nach seinem Tod stellte sich übrigens heraus, dass er gar kein Chinese war, sondern ein Amerikaner namens William Robinson. Obwohl er immer zwei Dolmetscher bei sich hatte.

Morgenpost Online: Viele Illusionen von damals kommen einem heute wie Special Effects unter Livebedingungen vor. Frühes Kino.

Kieve: Den Filmhistorikern ist das nicht immer bewusst, aber es gibt zahllose Verbindungen von Zauberkunst und Kino. Georges Méliès, der Vater des fantastischen Films, war ursprünglich Zauberkünstler und leitete das "Theatre Robert-Houdin". Der Zauberer David Devant war einer der Ersten, der in England Filme vorführte. Karl Hertz, ein anderer Zauberkünstler, zeigte den ersten Film auf einem Schiff. Es waren die Zauberkünstler, die den Film in die Welt trugen. Was natürlich eine Frankenstein-Geschichte ist. Denn das Kino hat das Varieté gefressen.

Morgenpost Online: Aber das Zaubern erlebt ein Comeback ...

Kieve: Es kehrt auf die Straße zurück. Es gibt eine Bewegung, die das kleine dem großen Spektakel vorzieht. Zumindest in England schalten die Leute den Fernseher bei David Copperfield eher aus. In Las Vegas gab es mal sechs große Zaubershows. Jetzt gibt es nur noch eine.

Morgenpost Online: Wer war der größte Zauberer aller Zeiten?

Kieve: Der beste, den ich je gesehen habe, war ein Kanadier namens Doug Henning. Historisch gesehen waren es wahrscheinlich die Maskelynes. John Nevil, sein Sohn Nevil und sein Enkel Jasper. In London haben sie mehr als sechzig Jahre lang ein Zaubertheater betrieben. Maskelyne war der Erste, der eine Frau schweben ließ.

Morgenpost Online: Der beste Trick?

Kieve: Ich werde nie vergessen, wie Siegfried und Roy eine Frau in einen Tiger verwandelt haben. Und zwar vor aller Augen, in einem gläsernen Käfig.

Morgenpost Online: Und wie hat das funktioniert?

Kieve: Können Sie ein Geheimnis bewahren?

Morgenpost Online: Nächste Frage. Gibt es eigentlich so etwas wie Ballzauberer? Es ist ja gerade Fußball-EM.

Kieve: Ich würde eher einem Block Eis beim Schmelzen zusehen als einem Fußballspiel.