Gwynne Dyer sieht schwarz

Experte warnt vor großen Klimakriegen der Zukunft

Historiker Gwynne Dyer nimmt sich nach einer prägnanten Prognose zum Afghanistan-Problem, unserer Zukunft an. Und die wird nicht rosig.

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Gwynne Dyer zählt zu den wenigen Experten, deren Prognosen eintreffen. Als es im Westen noch als zutiefst defätistisch galt, Verhandlungen mit den Taliban als Teil einer Exit-Strategie aus Afghanistan zu fordern, tat der renommierte Londoner Militärhistoriker ebendies. Heute nimmt daran kein Mensch mehr Anstoß. Wird es ihm mit seinem neuesten Buch "Klimakriege im 21. Jahrhundert" ähnlich ergehen?

Dyers Welt der Zukunft sieht düster aus: Im Jahr 2036 soll die Europäische Union unter dem Druck der Massenmigrationen aus den südlichen Staaten der Gemeinschaft nach Norden zusammengebrochen sein. Der neu gebildeten Nördlichen Union – bestehend aus Frankreich, den Benelux-Ländern, Deutschland, Skandinavien, Polen und den früheren habsburgischen Territorien – ist es gelungen, ihre Grenzen gegen weitere Flüchtlinge aus dem von Hungersnöten geplagten Mittelmeerraum abzuriegeln.

Positive Zukunftsprognose für Russland

Süditalien wurde größtenteils von Flüchtlingen aus den nordafrikanischen Ländern überrannt und ist nicht mehr Bestandteil eines Staates. Die heute noch übersichtliche atomare Weltordnung ist in Dyers Szenarien längst Geschichte: Spanien, Norditalien und die Türkei verfügen zwar über nukleare Waffen, versuchen aber ohne großen Erfolg, die nordeuropäischen Länder zu zwingen, ihren Reichtum an Nahrungsmitteln mit ihnen zu teilen.

Großbritannien hingegen ist durch eine gewaltige nationale Anstrengung nahezu autark und verschanzt sich ohne nennenswerten Kontakt zum europäischen Festland ebenfalls hinter einer nuklearen Abwehrmauer.

Wird Russland in vielen gegenwärtigen Prognosen eine dunkle Zukunft vorausgesagt, so überrascht Gwynne Dyer mit einem gegenteiligen Szenario: Moskau hat von den positiven Auswirkungen des Klimawandels auf die Erzeugung von Lebensmitteln am meisten profitiert und ist nun unangefochtene Großmacht in Asien.

China bekommt angeblich Nahrungsproblem

Allerdings bedroht China, das sich – nach dem politischen Chaos zwischen 2020 und 2040 infolge einer Aufspaltung des Landes – wiedervereinigt hat, erneut die russischen Grenzen.

Die chinesische Bevölkerung ist zwar auf 800 Millionen Menschen dezimiert, aber ausreichend Nahrung kann auf den ausgetrockneten Böden dennoch nicht mehr angebaut werden. Das Ackerland versteppt, seit die Niederschläge über der nordchinesischen Ebene immer weiter zurückgingen und das Flussnetz völlig zusammengebrochen ist.

Für Südasien erahnt Dyer eine Entwicklung, die von der heutigen nicht mehr weit entfernt scheint, nachdem die Jahrhundertflut Pakistan endgültig zu destabilisieren droht: Südindien tritt als regionale Großmacht wieder in Erscheinung.

Probleme in Nahen Osten im Nach-Öl-Zeitalter

Nordindien, Pakistan und Bangladesch leiden nach wie vor unter Anarchie und Hungersnöten, da Indus, Ganges und Brahmaputra nicht mehr ausreichend mit Gletscherwasser gespeist werden. Immer häufiger bleibt der Monsun aus. Hingegen hat sich das wohlhabende Japan wie Großbritannien vom Festland abgeschottet und starrt gleichfalls vor Atomwaffen.

Im Nahen Osten malt sich Dyer aus, wie die Region im Nach-Öl-Zeitalter aussehen könnte: Die Bevölkerung der Islamischen Republik Arabien, die zeitweise auf vierzig Millionen Menschen angewachsen war, hat sich innerhalb von fünf Jahren halbiert, nachdem das Ölfeld von Ghawar 2020 erschöpft war. Seitdem ist die Bevölkerung noch einmal um die Hälfte zurückgegangen, da Lebensmittel zu hohen Preisen importiert werden müssen.

Für Afrika steht Dyers Uganda-Szenario: Als das Land 1962 unabhängig wurde, hatte es fünf Millionen Einwohner. Bis 2030 wuchs die Bevölkerung dann auf 110 Millionen an, bevor sie auf ein Viertel schrumpfte. Die meisten Überlebenden leiden an Unterernährung.

Die Gefahren der auftauenden Permafrost-Zonen

In Südamerika sind Brasilien und Argentinien noch autark. Mexiko hingegen wurde aus der nordamerikanischen Freihandelszone ausgeschlossen. Damit verbleiben den Vereinigten Staaten und Kanada nach Dyers Schätzung gerade genug Nahrung und Wasser, um wenigstens andeutungsweise ihre frühere Lebensweise aufrechtzuerhalten. Die Grenzmauer zwischen Mexiko und den USA steht weiterhin.

Und nun zum Wetter: Die Emission von Treibhausgasen stagniert im Jahr 2032. Der Wert liegt 47 Prozent über dem von 1990, was Dyer vor allem auf die sinkenden Ölvorräte und den von ihm vorhergesagten chinesischen Bürgerkrieg zurückführt.

Dann aber setzt das Auftauen der Permafrost-Zonen in der kanadischen Arktis, in Alaska und Sibirien Tausende von Megatonnen Kohlendioxid frei, was die bisherigen Einsparungen durch den Menschen weit hinter sich lässt.

Wenn die Klimaerwärmung außer Kontrolle gerät

Die Klimaerwärmung gerät außer Kontrolle. Die Summe aus menschlichem und natürlichem Ausstoß von Treibhausgas steigt ungebremst an. Die Durchschnittstemperatur wird bis zum Ende des 21. Jahrhunderts acht bis neun Grad höher sein als 1990. Dyers Fazit: "Prognose: Katastrophal".

Damit aus diesen Szenarien nicht Wirklichkeit wird, ruft der Sicherheitsexperte zu sofortigem Handeln auf: "Wir müssen unsere Wirtschaft vollständig dekarbonisieren, und wenn wir es bis zum Jahr 2050 nicht geschafft haben, die Emission von Treibhausgasen auf Null zurückzufahren, und am besten bis 2030 bereits eine Reduktion um 80 Prozent erreicht haben, wird die zweite Hälfte des 21. Jahrhunderts eine Zeit werden, in der zu leben sich keiner wünschen würde."

Um diese Reduktionen noch rechtzeitig erreichen zu können, muss sich die Menschheit von den Methoden der Industriellen Revolution zugunsten von Technologien verabschieden, die weniger ausbeuterisch und destruktiv mit der Umwelt umgehen.

Zugleich setzt Dyer mit dem sogenannten Geo-Engineering auf bislang umstrittene technische Eingriffe in geochemische und biochemische Kreisläufe, um die Klimaerwärmung zu bremsen. Nicht zuletzt der Westen sollte auch in diesem Punkt auf ihn hören. In Afghanistan werden Dyers Empfehlungen bereits Wirklichkeit.

Gwynne Dyer: Schlachtfeld Erde. Klimakriege im 21. Jahrhundert. Klett-Cotta, Stuttgart. 384 S., 22,95 Euro.