Deutsches Theater

Stemanns Show bleibt im depressiven Hamsterrad

Glamourfummel, Schminktisch und Showtreppe: So skurril wie die Ausstattung ist auch der Titel von Nicolas Stemann neuer Show "Aufhören! Schluss jetzt! Lauter!" im Deutschen Theater. Trotzdem hängt sie bisweilen arg durch.

Foto: Buddy Bartelsen

Stefan Raab kann einfach nicht verstehen, wenn Leute sagen, „man solle aufhören, wenn es am schönsten ist“. Also singt Lena auch in diesem Jahr für Deutschland. Warum den Erfolg nicht auskosten, solange er dauert? „Aufhören! Schluss jetzt! Lauter! 12 letzte Lieder“ nennt Nicolas Stemann seinen „Liederabend“ am Deutschen Theater. Der begnadete Regie-Dekonstrukteur, der wieder selbst mit auf der Bühne steht, hat in Bands gesungen, bevor er zum Theater kam. Seine Abende wirken oft wie ins Theater verlegte Rockkonzerte. Zwischen klassische Verse knallt er Songs, die Musiker sitzen mit auf der Bühne und die Live-Cam ist mit dabei.

Grandios gelungen war das in seiner Jelinek-Inszenierung „Die Kontrakte des Kaufmanns“, die 2010 zum Theatertreffen 2010 eingeladen war. Zum Glück meint Stemann es mit dem Aufhören nicht ganz so ernst. Vielmehr handelt sein Abend von der Unmöglichkeit des Schlussmachens. „Auf Wiedersehen und tschüss“, singt das vereinte Ensemble und wirft dazu ein anbiederndes „Ich liebe euch“ ins Publikum. Wie jene Bands, die zum x-ten Mal auf Abschiedstournee gehen. Sie tragen Glamourfummel und tummeln sich auf vollgestellter Drehbühne mit Dschungelcamp-Ecke, Schminktischchen und Showtreppe. Für die selbstgeschrieben Songs zwischen Konstantin Wecker und Abba sind neben Stemann seine Stammmusiker Thomas Kürstner und Sebastian Vogel verantwortlich. „Spiegel“-Titelblätter werden vor die Video-Linse gehalten und auf Leinwände gebeamt: hier ruft man Merkel und Westerwelle „Aufhören!“ zu, dort lächelt uns Margot Käßmann entgegen, da prangt ein „Ausgebrannt“ über einem zusammengesunkenen Anzugträger.

Wir sind eine Gesellschaft von depressiven Hamsterradlern, so Stemanns These. Unfähig, unser Leben zu ändern – auch wenn wir wissen, dass es schief läuft. Wer doch einen Schlussstrich zieht, den katapultiert es ins Rampenlicht. Wie Steven Slater, jener Steward, der aus Wut über einen Fluggast die Notrutsche auslöste und von den Medien als „Rächer der Entnervten“ vereinnahmt wurde. Auch ihm ist an diesem Abend ein Song gewidmet. Auf der „ultimativen Aussteiger-Party“ hotten die theatralen Wiedergänger von Käßmann, Köhler & Co. zu Elektrobeats ab. Margit Bendokat singt grollend vom „Nüscht“, das im Osten einst zusammenschweißte. Barbara Heynen stolpert als abgefuckte Party-Queen die Showtreppe hinunter und fährt Andreas Döhlers „Wir müssen alle sterben“ immer wieder mit einem verzweifelt fröhlichen „Aber bis dohin hob i mei musi“ in die Parade. Toll auch, wie Maria Schrader Freddie Mercurys berühmtes „The Show must go on“ aus leise verzagter Haltung heraus entwickelt: wofür leben wir? – für einen Moment ist das die ernsthaft dringliche Frage.

Das sind große Momente. Aber nicht alle Gags und Songs können zünden, nur selten rockt es so richtig. Stattdessen hängt die Schlussmach-Show bisweilen arg durch. Während Stemann seine Assoziations- und Kommentarfeuerwerke sonst von dem Boden großer Stoffe – Jelinek, Brecht – abfeuert, will er hier eben diese Substanz in Frage stellen. Dem in Theatern herrschenden „Terror des Sinns“ will man sich widersetzen. „Halten wir es aus, dass es, wie immer, um nichts geht – oder werden wir, wie immer, so tun, als ginge es doch um etwas?“ Und wird die Sinnproduktion nicht erst zum Problem, wenn sie zur puren Worthülse verkommt?

So probt Stemann die Pose des DT-Aufmischers und verheddert sich dabei wissentlich ins Paradox der Verweigerung. Natürlich kann auch ihm selbst der Ausstieg nicht gelingen. Und natürlich weiß er das und inszeniert es mit. Genauso wie er die Kritik schon vorwegnimmt. Es scheint, als wolle Stemann bei der Nestbeschmutzung bloß nichts falsch machen. Radikalität sieht anders aus.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Berlin- Mitte, Tel. 030/28441225, Termine: 25. Februar, 11. März 2011, 19.30 Uhr, 6. März 2011, 19 Uhr.