Vor der RAF-Gründung

Warum Ensslin für Baader ihre Familie verließ

Der Berlinale-Wettbewerbsfilm "Wer wenn nicht wir" von Andres Veiel schildert mit großartigen Schauspielern, wie eine Liebesgeschichte im Terror endet.

Es lässt sich durchaus die Frage stellen, ob wir einen weiteren Film über Andreas Baader, Gudrun Ensslin und die RAF brauchen. Baader hat es in relativ kurzer Zeit auf sechs Kinoauftritte gebracht, und mit Ulrich Tukur, Sebastian Koch, Frank Giering, Lars Eidinger, Moritz Bleibtreu und jetzt Alexander Fehling haben sich einige der feinsten Schauspieler unserer Generation seiner angenommen. Das kann nicht einmal Clyde Barrow (der von Bonnie & Clyde) von sich behaupten. Warren Beatty war sein einziger notabler Interpret.

„Wer wenn nicht wir“ ist eigentlich kein Baader/Ensslin-, sondern ein Vesper/Ensslin-Film. Und kein RAF-Film, sondern einer über Väter und Söhne, Väter und Töchter. Vor allem ist es ein Film, der an der zentralen Erklärungsthese von Achtundsechzig und den Folgen rüttelt: Die junge Generation habe gegen des Schweigen ihrer Eltern über deren Verwicklung mit den Nazis rebelliert, fortschrittlich gegen reaktionär, links versus rechts, ein klarer Weltanschauungsfall.

Ensslin schreibt glühende Vesper-Besprechung

Andres Veiel, der Dokumentarfilmer von „Black Box BRD“ und „Der Kick“, hält weniger von Weltanschauungen als vom genauen Anschauen der Welt. Deshalb beginnt er auch nicht dort, wo alle beginnen, im aufgeregten Berlin der Schah-Proteste 1967 – sondern im beschaulichen Tübingen von 1961, wo lernwillige Studenten mit ihrem Professor über deutsche Schriftsteller disputieren, exilierte und daheimgebliebene. Einer ist nicht allein Student, sondern Partei: Bernward Vesper, Anfang zwanzig, Sohn des hitlertreuen Dichters Will Vesper.

Nach dem regierenden 68er-Erklärschema hätte Bernward gegen Wills Vergangenheit rebellieren müssen. Tut er aber nicht, im Gegenteil. Der Vater fördert die schriftstellerischen Ambitionen des Sohnes, und der Sohn verspricht dem sterbenden Vater, dass er dessen vergessene Werke neu herausbringen wird.

Er gründet einen Verlag und überredet seine Geliebte, ihm als Geschäftsführerin zu helfen. Sie schreibt sogar eine glühende Vesper-Besprechung für ein rechtes Kampfblatt. Ihr Name: Gudrun Ensslin.

In "Wer wenn nicht wir" ist alles noch offen

Ensslin ist gemeinhin das Paradebeispiel für den Generationengraben. Helmut Ensslin: Pastor, unter den Nazis Anhänger der oppositionellen Bekennenden Kirche und doch widerspruchsloser Soldat für Hitlers Wehrmacht.

Das ist es, was ihm Gudrun auch bei Veiel vorwirft: Von dem Unrecht gewusst und nichts unternommen zu haben. Und draußen, jenseits des Pfarrwände, wird Kennedy ermordet (den Ensslin verehrte), bomben die Amerikaner den Vietcong in die Steinzeit und rücken die faschistischen Diktatoren in Westeuropa vor.

Der große Unterschied zwischen „Wer wenn nicht wir“ und den RAF-Filmen liegt darin, dass hier noch keine Unvermeidlichkeit regiert. Es hätte von vornherein alles ganz anders kommen können.

Privates und Politisches von Anfang an vermischt

Zwei von Veiels erstaunlichen Rechercheergebnissen sind diese: Bernward Vespers Mutter teilte ihn nach dem Tod des Vaters mit, er verdanke seine Existenz nur dem Aufruf des Führers zur Kinderkriegen; sein Vater habe ihn gar nicht gewollt; Andreas Baaders Vater wiederum war auf dem Sprung in den Widerstand, als seine Frau ihn mit den Hinweis davon abhielt, sie sei schwanger und das Kind brauche einen Vater.

So ist, praktisch von Geburt an, das Private politisch und das Politische privat. „Wer wenn nicht wir“ ist auch eine Liebesgeschichte, die eines Vor-Achtundsechzigers, der das Postulat der freien Liebe praktiziert, bevor es richtig aufgestellt ist – und die einer späteren Revolutionärin, die sich zum Sterben in den Schnee legt, weil sie sich nicht stark genug fühlt, ihn so stark zu lieben, dass er keine andere braucht.

Die Zeitströme mischen sich in diese Liebe ein, und die Liebenden lassen sich willig dahinschwemmen, denn das Politische konstituiert ihre Liebe. Das ist ein seltsames Konzept für die heutige Generation, die sich mal zum Flashmob verabredet, aber nie daran dächte, ihr Leben der Gesellschaftsveränderung zu weihen. Oder doch? Veiel hat mehr Erstaunliches ausgegraben, etwa eine repräsentative Umfrage unter der deutschen Studentenschaft aus dem Jahr 1967, die ihnen bescheinigte, völlig unpolitisch und nur an ihrer Karriere interessiert zu sein.

Veiel thematisiert Zeit vor der "Radikalisierung"

Dem folgte, wie wir wissen, die „Radikalisierung“. Veiel beobachtet die langsame Erhitzung des Kessels, aber die Explosion kommt bei ihm praktisch nicht mehr vor – einerseits, weil den Action-Komplex bereits andere abgehandelt haben, andererseits, weil ihn viel eher die Hitzequelle interessiert.

Die verortet er natürlich auch im Generationenkonflikt und dem Imperativ vom Handeln statt Zuschauen. So deutlich wie in keinem RAF-Film zuvor kommt aber auch heraus, wie sehr das Radikalisieren ein Posieren war, ein Wettbewerb um die radikalste Haltung zwischen Männern – und zwischen Frauen und Männern.

Einer der Gründe für die Trennung von Vesper und Ensslin ist seine Weigerung, die Schreibmaschine als Waffe gegen das Maschinengewehr einzutauschen. Und Ensslin antwortet auf Baaders Ohrfeige, die sie zu Boden schleudert, nicht mit einer Aufkündigung der Beziehung, sondern indem sie zur entschlosseneren Kämpferin wird.

Film bietet kein einfach gestricktes Terroristen-Bild

Baader, in allen anderen Filmen der Machorabauke vom Dienst, ist bei Veiel zu Beginn noch „unfertig“ und übernimmt in einem Nachtclub auch schon mal von der Transe auf der Bühne das Mikro und singt zu Ende.

Für alle, die sich ihr einfach gestricktes Terroristen-Bild erhalten möchten, ist „Wer wenn nicht wir“ überflüssig. Für alle, die genauer wissen möchten, was in dieser Republik vor dem Wendejahr 1968 geschah, ist Veiels erster Spielfilm unentbehrlich.

Man sollte allerdings wissen, dass dieser Professor im Auditorium Walter Jens ist und dieser Verlegertyp Klaus Roehler, der Vater von Oskar; dies ist Vergangenheit für Fortgeschrittene. Die Schauspieler sind uniform großartig, von August Diehls Vesper über Alexander Fehlings Baader bis zu Lena Lauzemis’ Ensslin.

Wir würden uns nicht wundern, ginge der Preis für die beste Berlinale-Darstellerin zum fünften Mal in den letzten sieben Jahren an eine Deutsche.