Theater

Eine wütende Karin Beier zieht nach Hamburg

Nach Anfeindungen zieht Kölns Erfolgsintendantin Karin Beier die Konsequenzen und wechselt ans Hamburger Schauspielhaus.

Barbusig reckt sie den Arm in die Luft. „Mut zur Kultur“ steht auf ihrer Fahne. So wird Karin Beier als Figur auf einem Wagen im kommenden Kölner Rosenmontagszug dargestellt. Eine Anspielung auf das „Die Freiheit führt das Volk“-Bild von Delacroix. Die Theatermacherin hat es geschafft in Köln.

Sie hat das zuvor mausgraue Schauspielhaus zu einem sprühenden Ort gemacht, an dem die zentralen Themen der Gesellschaft verhandelt werden. Sie hat extreme und kontroverse Stile gewagt und ist zum Dauergast beim Berliner Theatertreffen geworden. In diesem Jahr schickt Köln zwei Produktionen. Und sie hat den harten politischen Kampf gegen den Abriss des Schauspielhauses gewonnen. Nun gibt Beier dem Werben Hamburgs nach und wird ab Sommer 2013 Intendantin des Deutschen Schauspielhauses. In Köln wird sie eine Baustelle hinterlassen.

Debatte um Baumaßnahmen

Denn das Schauspielhaus wird zum Zeitpunkt ihres Weggangs mitten in der Sanierung stecken. Karin Beier wollte diesen Prozess bis zum Ende begleiten. Sie wird wortbrüchig, weil die große Herausforderung lockt. Andererseits ist sie von der Kölner Lokalpolitik mehr als mies behandelt worden.

In der leidenschaftlich geführten Debatte um das Bauensemble aus Schauspielhaus und Oper gab es heftige persönliche Anfeindungen. Darunter hat Karin Beier sehr gelitten. Ihr Erfolg wird zwar vom Publikum gewürdigt, dass fast alle Vorstellungen stürmt. Aber der Stadtrat debattiert dauernd über Millionenkürzungen, über eben das Geld, das Karin Beier für die ungewöhnlichen und oft teuren Projekte braucht. Das hat sie wütend gemacht. Bisher konnte sie diese Wut in kreative Bühnenenergie umsetzen, zum Beispiel im grandiosen Jelinek-Abend, der auch den Einsturz des Kölner Stadtarchivs behandelt. Karin Beier geht, bevor Köln sie zermürbt.

Sie läuft Gefahr, vom Regen in die Traufe zu geraten. Denn auch in Hamburg laufen kulturpolitische Debatten auf erschütterndem Tieffliegerniveau. Das Schauspielhaus konnte gerade noch Kürzungen abmildern, die seinen Spielbetrieb gefährdet hätten. Intern haben viele Politiker bereits angedeutet, bei einer neuen Intendanz werde man die Sparmaßnahmen zurück nehmen. Was nicht gerade logisch wirkt, aber Karin Beier die Zusage erleichtert haben dürfte. Sie hat hart verhandelt, das steht fest. Eine stärkere Position als im Augenblick kann sie sich gar nicht wünschen. In Hamburg hat sich eine breite Mehrheit aller relevanten Parteien für sie ausgesprochen.

Bei ihr arbeiten ästhetische Extremisten

Karin Beier steht für eine Vielfalt der Theaterformen. Bei ihr arbeiten die ästhetischen Extremisten. Das Duo Signa mit seinen interaktiven Theaterwelten, Laurent Chétouane mit seinen Texte radikal auf ihren Kern reduzierenden, spröden Inszenierungen, Jürgen Kruse, der Meister des melancholischen Rausches. Gerade probt Katie Mitchell eine Neuauflage ihrer Live-Video-Kinotheatermaschine. Das passt zum Deutschen Schauspielhaus, das sich ja als Stätte des Innovativen begreift.

Während im Thalia-Theater nach klassischer Aufgabenverteilung eher die bürgerlichen Sehgewohnheiten zu Hause sind. Dieser Gegensatz könnte noch weiter aufweichen als jetzt schon. Denn Thalia-Intendant Joachim Lux und Karin Beier vertreten ähnliche Konzepte, haben schon Aufführungen wie „Die Kontrakte des Kaufmanns“ koproduziert und andere Inszenierungen ausgetauscht. Austauschbar sollten die beiden großen Bühnen einer Metropole allerdings nicht sein.

Beier hat gute Chancen

Seit der Ära Frank Baumbauers gelten die Intendanzen am Deutschen Schauspielhaus als gescheitert. Mancher unkte, der Vertrag des dann zurück getretenen Friedrich Schirmer würde nur deshalb verlängert, damit es mal wieder einer länger als fünf Jahre aushalte. Karin Beier hat alle Voraussetzungen, die Riesenaufgabe zu schaffen.

Sie hat die inhaltliche wie ästhetische Breite, den Mut zu Außergewöhnlichem und die Aufmerksamkeit für die Vorgänge in der Stadtgesellschaft. Vor allem beherrscht sie als Regisseurin die große Bühne, was im Theater heute immer mehr zum Problem wird. Kaum einer findet noch überzeugende Konzepte für die großen Tanker. Karin Beier hat sie. Sie ist eine der wenigen, die für den Job am Deutschen Schauspielhaus ernsthaft in Frage kommen. Eins wird sie allerdings in Hamburg nie erreichen: als barbusige Figur einen Karnevalszug anzuführen.