Literaturverfilmung

Das "Dschungelkind" wird zum Kolonialisten

Die Kino-Version von Sabine Kueglers Bestseller sieht den Urwald als kulturaufklärerisches Verbrauchsmaterial.

So ein Dschungel ist schon faszinierend. Was da alles herum krabbelt. Insekten, Schlangen, schleimiges Getier. Schreckliches Fernsehen kann man im Urwald machen. Und seltsame Menschen besuchen, die seltsame Sprachen sprechen und ganz seltsame Gebräuche haben. Sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegenseitig durchs feuchtschwüle Geäst zu jagen und umzubringen zum Beispiel.

Das Volk der Fayu zum Beispiel. Ein Eingeborenenstamm, der wahrscheinlich ganz glücklich mit der Sprache und den Gebräuchen war, die er da fernab der sogenannten Zivilisation entwickelt hatte. Dann kam Familie Kuegler. Was dann geschah, als sich die beiden Linguisten und Missionare Doris und Klaus-Peter Kuegler samt ihrer drei Kinder Sabine, Judith und Christian Mitte der Siebziger am Rand der Fayu-Siedlung in West-Papua ansiedeln durften, wissen ungefähr zwei Millionen Leser. Zumindest was mit Sabine Kuegler geschah. Die hat nämlich ein Buch geschrieben.

Gedreht wurde in Malaysia

Über ihre Zeit als „Dschungelkind“ und wie sie da im Dschungel für immer verändert wurde und was ihr geschah, als sie – fast ein Dutzend Jahre später und inzwischen 17 Jahre alt – wieder zurück kam in die Welt, in der wir leben. Das wurde in der Nachfolge der ungefähr ähnlich kulturkrachenden „Weißen Massai“ ein Weltbestseller. Und es hätte einer übermenschlichen Kraftanstrengung bedurft, um die Filmproduzenten dieser Welt dazu zu bringen, um dieses merkwürdig blickschiefe Buch einen Bogen zu machen.

So nahm sich die für mehr oder weniger solide Fernsehunterhaltung bekannte ARD-Tochter Degeto der Sache an, und Produzent Nico Hoffmann brachte den für solide Fernsehunterhaltung bekannten Regisseur Roland Suso Richter mit einer ordentlichen Schauspieltruppe zusammen und nach Malaysia zum Drehen. Nicht nach West-Papua. Weil da der Dschungel und die darin wesenden Menschen inzwischen leider schon ganz und gar undschungelig aussehen.

Wofür wir jetzt nicht Familie Kuegler die Schuld geben wollen. Aber wenigstens ein kleiner Hinweis auf die Folgen des Einbruchs der guten Weißen ins schöne Reich der Wilden hätte man sich schon gewünscht. Da hätte sich jedoch der Film dann vom Buch entfernen müssen. Denn bei Sabine Kuegler findet sich davon ja auch nicht viel. Die stellt am Ende ihres Buches fest: „Ich habe erkannt, dass ich in meinem Leben immer ein Dschungelkind bleiben werde.“ Dass der Dschungel kein Kind bleiben durfte – ist ja egal.

Und weil es nicht um die Wilden geht, sondern darum, was die Wildnis mit den Weißen macht, sind die Wilden und der Wald bei Roland Suso Richter, was sie letztlich auch bei der „Weißen Massai“ waren. Eine tolle Staffage, die immer wieder pittoreske kleine Episoden liefert, die bestätigen, was wir schon immer vom Dschungel dachten. Und tatsächlich tolle Bilder. In kleine Tagebucheintragungen, kleine Geschichten hat Roland Suso Richter die Erzählung des Dschungelkindes unterteilt. Schöne Häppchen. Damit keiner überrascht wird von dem, was in den drei, fünf oder zehn folgenden Minuten an Handlung droht, trägt jede der Episoden eine Überschrift, die genau das erklärt.

Aus dem Off hört man Stella Kunkat

Um ganz sicher zu gehen, erzählt die Stimme der tatsächlich sehr begabten Stella Kunkat, die der jungen Sabine Kuegler ähnelt wie ein Klon dem andern, aus dem Off noch einmal, was man dann sieht. Und wem dann noch nicht klar ist, worum es gerade geht, dem spült es lautmalend eine schwülsüße sinfonische Klangsauce in die Ohren.

„Der erste Krieg“ heißt so ein Kapitel, „Der Fluch“ ein anderes. Man sieht die Familie Kuegler beim Bekämpfen der Insektenschleimtierinvasionen. Wie sie vom Rand ins Zentrum des Dorfes rücken. Wie sie eingreifen ins fremde Sozialökosystem, nicht mehr zuschauen, sondern handeln, einen verletzten Fayu-Jungen pflegen. Es wird hübsch fotografiert, was Nadja Uhl und Thomas Kretschmann so spielen, als wären sie gerade vom „Traumschiff“ an der Küste West-Papuas abgesetzt worden. Auf einer großen Leinwand sieht das bestimmt so toll aus, dass man gern hinfahren würde, wo man ja nicht mehr hinfahren kann, weil es das alles ja nicht mehr gibt.

Ein ausbeuterisches Unternehmen

Da wo es – wenn man mal die eurozentrische Perspektive dieses Streifens mal akzeptiert hat – dann aber tatsächlich interessant geworden wäre, bei der Rückkehr des Dschungelkindes in die Zivilisation, wo man ein Psychogramm hätte erstellen können, da fehlt dann die Zeit, es zu ordentlich zu erzählen. Und so geht die Geschichte so haltlos zu Ende, wie sie die ganze Zeit schon vorübergeflittert war.

„Dschungelkind“ ist – wie die „Weiße Massai“ und ähnliche von Kinobetreibern gern gesehenen Kulturkrachschinken – nichts anderes als eine Form von Kolonialismus. Ein ausbeuterisches Unternehmen. Und was lernt man daraus? Der Dschungel ist schrecklich. Er richtet unter Fernsehfilmemachern geschmackliche Verheerungen ungeahnten Ausmaßes an. Zum Glück ist er bald verschwunden.