"Darfur"

Uwe Boll zeigt die Gewalt der arabischen Milizen

Normalerweise verfilmt Uwe Boll brutale Computerspiele. Mit dem Drama "Darfur" bringt der Regisseur jetzt reale Gewalt ins Kino.

Ganz schön leer hier, grinst ein Journalist im Kinosaal 4 des Berliner Zoopalasts, es seien wohl „nicht so viele Boll-Fans unter uns“. Geschenkt. Gleich wird der vermutlich meist verrissenste Regisseur der Welt, kurzgeschoren und in einem T-Shirt mit Totenkopf-Aufdruck, seinen Amok-Thriller „Rampage“ und sein Genozid-Drama „Darfur“ zeigen.

Dazwischen wird er über die Lage im Sudan sprechen, über „Förderfutzis“ und Zensurwut schimpfen und sich loben. Am Ende wird etwas sehr Merkwürdiges passieren: Einige applaudieren, viele sind bewegt und verblüfft. Wie konnte das passieren?

Boll, mit seinen Computerspiel-Verfilmungen („Alone in the Dark“, „BloodRayne“) für viele die Verkörperung des filmisch Bösen, hat seit dem Krisenjahr 2008 das Böse in der Realität als Thema entdeckt. Und er macht daraus Filme, die plötzlich auch ein paar Kritikern gefallen.

Anders aber als „Siegburg“ (über einen realen Foltermord in einem deutschen Gefängnis) werden „Rampage“ und „Darfur“ in einigen Kinos zu sehen sein. „Darfur“, so Boll, sei der beste Film über Afrika, besser auch als „Hotel Ruanda“, das habe Amnesty International ihm bescheinigt.

Die Menschenrechtsorganisation zeigte den Film bereits in Dutzenden amerikanischer Kinos. Wobei der Vergleich mit Terry Georges Berlinale-Beitrag von 2005 schon ästhetisch zu Georges Ungunsten ausfallen muss: Eine visuelle Leerstelle blieb da: der Völkermord. Es gab ein Happy End, der Massenmord war eh schon vorbei.

Boll hingegen zeigt ein Töten, das noch immer stattfindet, er zeigt es in aller Härte, und er bringt es ohne jeden aufmerksamkeitsschmarotzenden Blick auf den Punkt.

Stringent, differenziert und bodenlos ist „Darfur“ durcherzählt, und die Tatsache, dass reale sudanesische Vergewaltigungsopfer ihre Traumata nachstellen, lässt die Menschen – so paradox es klingt – wenigstens zum Teil wieder über ihre eigene Geschichte verfügen und gibt ihnen Würde zurück – und dem Film eine flirrende Wucht.

„Darfur“ ist von Anfang an auch ein Film über die Zerstörung der Erzählung, die sich eine Gemeinschaft gibt. Zuerst noch hat das sachte Beobachten, Verstehen und Einfühlen seinen Auftritt: Journalisten besuchen ein noch unzerstörtes Dorf in Darfur, um dem Westen ein Bild von der Situation zu machen, in der arabische Milizen Dorf für Dorf massakrieren.

Zwischen den Journalisten und den Bewohnern kommt es zu fragilen, bewegend eingefangenen Begegnungen, deren beinahe dokumentarischer Atem wohl auch daher rührt, dass hier Schauspieler, ganz ohne Skript, auf Menschen trafen, die jene Gräuel erlebt hatten, von denen sie nun im Film erzählen. Man tröstet, hört zu, lässt sich ein uraltes Buch über die Geschichte des Ortes zeigen.

Als sich ein Trupp marodierender Kämpfer auf das Dorf zubewegt, muss sich die Gruppe, gespielt von Boll-Schauspielern wie Kristanna Loken, entscheiden: Soll man fliehen oder den Bewohnern in einem aussichtslosen Kampf helfen? In die Gesichter der Wegfahrenden, Wegsehenden hineingeschnitten werden nun die unerträglichen Bilder aus der inzwischen im Dorf wütenden Hölle.

Dass „Darfur“ zeitgleich mit „Rampage“ in die Kinos kommt, einem in seinem Zeitlupen-Kawumm typischeren Boll, ergibt eine interessante Gesamtstudie über das Böse. Bolls Amokläufer Bill (Brendan Fletcher) schießt in aller Ruhe sein ganzes Heimatstädtchen nieder, raubt viel Geld – und kommt damit durch.

Bill sieht keine Gewaltvideos und hört kein Heavy Metal; bewusst verzichtete Boll darauf, „wegen des peinlichen Argumentationsfadens, der dann immer aufgenommen wird“. Viel mehr gemein habe der Killer ohnehin mit jenen Finanzjongleuren, die die Welt in die Krise gestürzt hätten und ebenfalls davongekommen seien.

Während es die Freiwillige Selbstkontrolle für angebracht hielt, Szenen aus „Rampage“ trotz FSK 18 zu streichen und im Abspann zu erklären, der Täter sei von der Polizei gefasst und zum Tode verurteilt worden, hat „Darfur“ den Segen von Amnesty International. Böser Film, guter Film.

Fast hat man beim Abspann von „Darfur“ den Regisseur vergessen, es wirken die Bilder der Aschehaufen, die einmal Menschen und Buchseiten waren, noch nach, als Boll sich vor die Leinwand stellt und in die Stille hinein ganz trocken den ersten Satz hackt: „Für mich ist die Haupt-Skandalfrage: Wenn man allein die Kameraführung und die Musik mit dem vergleicht, was auf der Berlinale läuft – wie kann man einen solchen Film dort übersehen?“ Da schauen manche im Saal noch ein bisschen fassungsloser.