Skat

Die magischen Zahlen der Deutschen sind 18, 20 ...

Das Skatspiel wird 200 Jahre alt. Stets war es ein Spiegel deutscher Befindlichkeiten zwischen Trümpfen, Contra und Re.

Die Geburtsstunde der deutschen Nation schlug 1810. In Thüringen, genauer: in Altenburg. Damals taten einige Honoratioren das, was ihnen in jenen Tagen nur übrig blieb, sie spielten. Das Alte Reich war nicht mehr, Napoleon herrschte fast über ganz Europa, der Kaiser von Österreich musste ihm seine Tochter Marie-Louise zur Frau geben. Und doch keimte Hoffnung, aus 32 Spielkarten. Das Skatspiel entstand. Mit ihm überwanden die Deutschen die französische Unterdrückung, die Zensur Metternichs, fanden zur Einheit und überlebten sogar Diktaturen und Weltkriege. Noch heute gibt es rund 20 Millionen Skatspieler im Land, oder besser: 19 Millionen Spieler und eine Million Spielerinnen.

Der Mensch ist "nur da ganz Mensch, wo er spielt"

Ausgerechnet im Unglücksjahr 1939 wurde die befreiende Kraft des Spiels erkannt. Da beschrieb der niederländische Kulturhistoriker Johan Huizinga (1872-1945) den Menschen als "homo ludens", als ein Wesen, das im Spiel seine kulturellen und gesellschaftlichen Werte, Regeln und Einrichtungen entwickle - bis aus dem Spiel heiliger Ernst werde. Schon Schiller hatte deklamiert: Der Mensch ist "nur da ganz Mensch, wo er spielt". Was aber sollte es bedeuten, dass die Deutschen die Ausbildung ihres Wesens ausgerechnet dem Skatspiel überantworteten, einem Spiel, das nach zehn Stichen und wenigen Minuten zu Ende ist, immer von einer Mehrheit gegen eine Minderheit geführt wird und mit militärisch hartem Takt, achtzehn, zwanzig, zwo ..., eröffnet wird?

Man darf in diesem Zusammenhang nicht dem Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860) auf dem Leim gehen, der den Siegeszug des Skats mit den Worten kommentierte, Kartenspiel sei der deklarierte Bankrott an Gedanken. Was heute mit dem Anschein von Biertisch-Folklore daherkommt, war von Anfang an der "heilige Ernst" hochgebildeter Männer. Ein Gymnasialprofessor und ein Hofadvocat, jeweils mit Namen Hempel, der Medizinalrat Schuderoff, Ratsherr Neefe und Kanzler Gabelentz sowie der Verleger Brockhaus sollen die Spielkarten, die schon damals seit 300 Jahren in Altenburg hergestellt wurden, bei einem neuen Spiel zum Einsatz gebracht haben, das nach der Überlieferung ein reisender Kutscher aus dem Böhmischen mitgebracht habe. Es handelte sich um eine Variante des wendischen Schafskopfs, die bereits zu Dritt statt zu Viert gespielt wurde. Die guten Bürger aus Altenburg verbanden dieses derbe Bauern- und Soldatenspiel mit Buben als Trümpfen, mit Elementen des L'Hombre (Reizen) und des Tarock (Skat weglegen). Den Gewinn über einen Taler und 13 Groschen aus einer Skatpartie notierte Gabelentz im September 1813. Doch es gilt als sicher, dass diese erste urkundliche Erwähnung einen spielerischen Vorlauf hatte.

Deinem Zauber weicht die Mauer/ Die der Castengeist ersann

Schnell breitete sich das Spiel aus, zunächst unter den Studenten der mitteldeutschen Universitäten, dann als unverfängliche Freizeitgestaltung des Biedermeier und schließlich als Massenbewegung, die mit der nationalen Begeisterung einherging. Dazu sang man nach der Melodie von "Freude schöner Götterfunken": "Scat, du bist die große Kette/ Die die Spielerwelt umfängt/ Sieh, wie Alles um die Wette/ Sich zu deinen Freunden drängt/ Deinem Zauber weicht die Mauer/ Die der Castengeist ersann/ Scat spielt Pastor mit dem Bauer/ Bürger mit dem Edelmann."

Wie die Politik war Skat da aber noch eine reine Männersache. "Was dir gleiche?", fragt denn auch die Hymne, um im selben Atemzug zu höhnen: "Whist? Für Frauen ist's erdacht." Doch der Gender-Ansatz greift in diesem Fall zu kurz. Nach der gescheiterten Revolution von 1848 war auch das spielende Deutschland ein getreues Abbild seiner politischen Existenz. Im Süden behauptete sich Tarock an den Spieltischen, im Norden L'Hombre und im Osten Préférence. Vor allem aber stritten die Skat-Anhänger leidenschaftlich über die Frage, ob denn nun nach Farben oder Zahlen zu reizen sei - wie es alle Deutschen über die Frage taten, ob ein Nationalstaat groß- oder kleindeutsch verfasst sein sollte.

Dieses Problem löste bekanntlich Bismarck 1871 mit der kleindeutschen Reichsgründung von oben. Und damit war auch allen Beteiligten klar, dass, wo es nur eine Währung, ein Volk und einen Kaiser geben würde, auch nur eine Regel für das Skatspiel Gültigkeit haben dürfe. Zuvor waren so viele Variationen im Umlauf, dass bayerische und thüringische Soldaten vor Sedan wohl kaum zum gemeinsamen Spiel gefunden haben.

Die kulturgeschichtliche Deutung Huizingas, dass das Spiel der normierenden Regel vorangeht, wurde im Kaiserreich eindrucksvoll bestätigt. Während Bismarck den Kulturkampf gegen die katholische Kirche entfesselte, zerfleischten sich die Spieler des Reiches nicht weniger heftig über ihr Regelwerk. Skatkongresse wurden veranstaltet, die noch heute so gezählt werden wie die großen Parteitage der Kommunistischen Partei Russlands und der Sowjetunion.

Der "Schützengrabenskat" produzierte zahllose Varianten

Bei so viel leidenschaftlichem Engagement konnte die Mythen-Bildung nicht ausbleiben. Um zu begründen, warum das Skatspiel eine Sache aller Deutschen sei und viel zu wichtig, um im sektiererischen Zirkeln in dunklen Wirtsstuben verhandelt zu werden, wurde die Geschichte bemüht. Und man fand heraus, dass der "rasche Siegeszug des Skat", der "alle Kreise erobert hat", wohl einen "nationalen Hintergrund" hatte, wie ein Zeitgenosse schrieb. Mit Skat sei "ein echtes altdeutsches Spiel kultiviert" worden, "statt zu den bisher gewohnten Spielen des Auslands zu greifen".

So war es kein Wunder, dass gut hundert Jahre nach seiner Erfindung die Deutschen mit Skatkarten 1914 in den Krieg zogen. Dieser "Schützengrabenskat" produzierte allerdings zahlreiche neue Varianten. Erich Maria Remarque beschreibt es lakonisch in seinem Roman "Im Westen nichts Neues": "Wir legen den Deckel des Margarinefasses auf unsere Knie. So haben wir eine gute Unterlage zum Skatspielen. Kropp hat die Karten bei sich. Nach jedem Null ouvert wird eine Partie Schieberamsch eingelegt. Man könnte ewig so sitzen."

1927/28 setzte sich das Zahlenreizen durch

Sollte es aber nicht. Niederlage, Revolution, Republik konnten zwar dem Skat zunächst wenig anhaben. Auf dem 11. und 12. Skatkongress 1927 und 1928 setzte sich das Zahlenreizen in der Deutschen Skatordnung endgültig durch. Ein Ruck muss damals durch Deutschland gegangen sein. Als Kurt Tucholsky kurz darauf die SPD-Bonzen mit den Worten attackierte, "die Stunde rennt, ihr pennt", konnte er dies noch mit spielerischer Autorität untermauern: "Flaschen könnt ihr spüln. Aber nicht Skat." War es nur ein Spiel für die oberen Schichten?

Tatsächlich folgte wenige Jahre später eher der Absturz. Zum 14. Deutschen Skatkongress 1937 in Altenburg wurde der Antrag gestellt, dass alle Veröffentlichungen des Deutschen Skatverbandes "mit deutschen Druckbuchstaben gedruckt" und "die Wörter 'Grand', 'ouverte', 'Pique' ... grundsätzlich vermieden werden". Der Wittenberger Skatverein "Gut Blatt" forderte, "dass Skatspieler, die Juden sind, weder dem Deutschen Skatverbande noch einem Skatverein angehören dürfen, und auch von Skatwettspielen jeder Art auszuschließen sind".

1945 wurde auch die Skat-Welt geteilt

Doch nicht nur die Deutschen überlebten die Katastrophe des Tausendjährigen Reiches, sondern auch der Skat – nun allerdings in zwei Staaten. Dessen Spieler hatten aus ihrer früheren Gleichschaltung offenbar gelernt und widersetzten sich, so sie sich in der DDR wiederfanden – spielerisch- ihrer erneuten Vereinnahmung. Zwar scheuten sich die bekennenden Skatfreunde wie Ulbricht und Honecker nicht, ihr Spiel in den Dienst des Sozialismus zu stellen und auf Agitationsplakaten "Contra zu Krupp & Co." zu sagen. Doch ihren Untertanen verboten sie, sich in Skatvereinen zu organisieren. Und die spielten einfach so weiter, wie es um den Skat ohne den Eisernen Vorhang bestellt wäre.

Das Deutsche Skatgericht, 1927 gegründet, war mitsamt der Verbandsführung 1945 nach Bielefeld gezogen. Dennoch gelangten immer wieder Klärungsfragen aus aller Welt an seinen ursprünglichen Sitz in Altenburg. Erst 1964 konstituierte sich dort wieder ein Skatgericht. Wobei die Altenburger von Anfang an ihren Skatfreunden im Westen auf subversiven Wegen erklärten, sich deren Grundsatzurteilen anzuschließen. Umgekehrt konsultierten die Bielefelder ihre ostdeutschen Skatbrüder, wenn Regeländerungen anstanden. So trugen die Skatspieler auf ihre Weise zur Wende von 1989/90 bei, die umgehend mit der Wiedervereinigung der Deutschen Skatgerichtsbarkeit in Altenburg gefeiert wurde. 2002 kehrte auch die Zentrale des Skatverbandes, der immerhin 37 000 Mitglieder vertritt, dorthin zurück.

Hat also Skat die Deutschen zu besseren Menschen gemacht? Die Frage ist falsch gestellt. Nach Huizinga geht es um die Dialektik von Spiel und Regel, Experiment und Institution, Schalk und Ernst. Und dabei hat die Versuchsanordnung mit drei Spielern, 30 Karten auf der Hand, zweien im Skat und freiem Reizen zwischen Vor-, Mittel- und Hinterhand ein Potenzial, das vielleicht nicht zur Förderung hochfliegender Gedanken taugt, wohl aber praktische Lebenshilfe gibt. In dem Sinne: Achtzehn, zwanzig ...