"Shoes"

Menschen und ihr obsessives Verhältnis zu Schuhen

Viel mehr als Klotz am Bein: In London zeigt ein "Shoesical", dass High Heels, Flip-Flops und Ugg-Boots auch Showtalente sind.

Im Probenraum des Londoner Tanztheaters Sadler’s Wells drehen acht Tänzer Pirouetten auf knallgelben Stilettos, darunter drei Männer in Rugbyshorts. Sie üben für das neue Werk des britischen Komponisten Richard Thomas, „Shoes“: ein Musical aus 29 Gesangs- und Tanznummern, die thematisch von einem Turnschuh-Süchtigen bis zu Imelda Marcos, der schuhverrückten Gattin des einstigen philippinischen Diktators Ferdinand Marcos, reichen.

Neben Tänzern, Sängern und einer Liveband treten in der Show 250 Paar Schuhe auf, darunter Exemplare von Salvatore Ferragamo, Doc Martens und Jimmy Choo.

Ein Kraftausdruck, wirklich sehr oft verwendet

Musical-Erfinder Richard Thomas wirkt dagegen nicht, als halte er persönlich viel von Schuhen: Zu den Proben im Sadler’s Wells ist der 47-Jährige in schmutzigen Stoffturnschuhen erschienen.

Seine preisgekrönte Oper „Jerry Springer – The Opera“ wurde am Londoner National Theatre gezeigt und im West End als hippes Musiktheater gefeiert. Die BBC dagegen erhielt für die TV-Version eine bis dahin ungekannte Zahl von Beschwerden, vor allem wegen Thomas’ freizügigen Umgangs mit christlichen Themen: Unter anderem ist ein homosexueller Jesus in Windeln zu sehen; der Kraftausdruck „fuck“ kommt gleich 500-mal vor.

Mit „Shoes“ widmet sich Thomas nun einem Thema, auf das viele Menschen ähnlich sensibel reagieren. „Dabei hatte ich gar nicht vor, auf die Schuhindustrie einzuprügeln. Im Gegenteil, ich wollte mal etwas Fröhliches schreiben! Schuhe, das habe ich inzwischen gelernt, sind für viele Menschen viel mehr als ein modisches Accessoire: Sie verleihen einem Kraft und machen Menschen mutig; sie können Kunstwerke sein und wie ein Schlüssel zur Seele wirken. Mich fasziniert das komplexe, fast schon absurd intime Verhältnis, das Menschen zu Schuhen pflegen.“

50 Paar Manolo Blahniks – und nichts anzuziehen

Jede Musicalnummer in „Shoes“ basiert auf einer wahren Geschichte: Bevor Thomas mit dem Komponieren begann, interviewte er mit einer Videokamera mehr als hundert Passanten in New York und London.

„Spricht man Menschen auf Schuhe an, öffnen sie sich sofort. In Brooklyn traf ich einen Schuhputzer, der seit vierzig Jahren Schuhe poliert und stolz ist auf seinen Beruf. Oder die Frau, die 200 Paar Manolo Blahniks besitzt, aber zu fünfzig Paar noch das richtige Outfit sucht.

Einige Menschen geben ihren Schuhen Namen; andere stellen sie zu Hause in Vitrinen aus. Und dann natürlich die Leute, die mindestens hundert Paar Schuhe besitzen, obwohl sie sich das eigentlich gar nicht leisten können.“

Nie erhielten Schuhe so viel Aufmerksamkeit

Noch vor drei Jahren schien es so, als könnte die globale Wirtschaftskrise sogar das unstillbare Verlangen nach Schuhen bremsen. In einer weltweiten Studie des Luxusmarktes stellte die Unternehmungsberatung Bain jedoch fest, dass Schuhe in den vergangenen Jahren zu denjenigen Luxusgütern zählten, die sich am besten verkauften, zeitweise sogar besser als Taschen.

Ein Beweis dafür sind die im Herbst 2010 im Londoner Nobelkaufhaus Selfridges auf einer Fläche von mehr als 3000 Quadratmetern eröffneten „Shoe Galleries“, wo mehr als 4000 Paar Schuhe zur Auswahl stehen.

Ob Lady Gagas Schuhe aus rohem Fleisch, Alexander McQueens schimmernde, von Ballettschuhen inspirierte High Heels oder Pradas hochhackige Loafers: Nie sorgten Schuhe für so viel Aufmerksamkeit, nie waren sie so verspielt wie heute.

Jeder braucht Schuhe – ob arm oder reich

„Die zeitgenössische, von Extremen geprägte Schuhmode hat viel mit Macht und Kontrolle zu tun: Kontrolle über den Körper und die Macht, den Körper zu nutzen, um die Blicke anderer auf sich zu ziehen“, schreibt die amerikanische Autorin Nancy Rexford in ihrem Buch „Women’s Shoes in America, 1795–1930“.

„Ob arm oder reich, ob Mann oder Frau: Jeder braucht Schuhe, und deshalb haben sie, etwa im Vergleich zu Hüten, eine so universelle Anziehungskraft“, sagt Richard Thomas. „Und sie sind ein sehr einfaches Mittel, anderen zu sagen: Hallo, hier bin ich!“

Während der Komponist noch an seinem ersten Kaffee des Tages nippt, proben die Tänzer im Sadler’s-Wells-Theater gerade eine Stepptanznummer. Sie tragen mit Strasssteinen verzierte Plateauboots, die Rock-’n’-Roll-Designlegende Terry de Havilland eigens für die Show entworfen hat.

Führende Schuhhersteller unterstützen Show

Auf der Bühne werden sie später um einen riesigen, glitzernden Stöckelschuh tanzen, auf dem die Liveband wie in einem Vogelnest sitzt. Allem Glamour zum Trotz treffen nicht wenige der Songs aus „Shoes“ ins Mark: Ein Nonnen-Chor singt etwas, was wie eine lateinische Messe klingt; tatsächlich trällern die schwarz-weißen Damen „Manolo Blahnik“ und „Jimmy Choo“.

Im Song „Health & Safety“ üben mit gelben Schutzhelmen bekleidete Tänzer, wie man auf Absatzschuhen geht. Der Song „Flip Flop Paradigm“ erinnert daran, dass der weltweit am meisten getragene Schuh aus einem schlichten Stück Plastik besteht. In „Your Mum“ warnt eine Mutter vor heiklem Schuhwerk, während Tänzer auf Plateauschuhen um sie herumsteppen.

Trotz der teilweise respektlosen Behandlung, die Richard Thomas bestimmten Schuhmarken angedeihen lässt – in einer Nummer über die beliebten Lammfellstiefel der Marke Ugg sind die Tänzer als Schafe verkleidet; die ähnlich streitbaren Crocs kommen erst gar nicht vor – unterstützen mehr als siebzehn führende Schuhhersteller die Show, indem sie Schuhe für das Musical entwarfen oder Schuhe zur Verfügung stellten.

Regisseur besitzt nun selbst mehr Schuhe

Darunter sind ausgefallene Holzplateauschuhe der Marke Finsk oder PVC-Stilettos der brasilianischen Marke Melissa, aber auch klassische High Heels von Christian Louboutin.

Eines aber fehlt in „Shoes“: eine Nummer über Herrenschuhe. Tatsächlich bleiben ausgefallene oder hochhackige Schuhe bis heute französischen oder italienischen Präsidenten vorbehalten – trotz der Versuche von Patrick Cox und Donatella Versace, Herrenstiefeletten mit fünf beziehungsweise sechs Zentimeter hohen Hacken einzuführen.

Zumindest auf Richard Thomas zeigte „Shoes“ bereits Wirkung: Seit seiner Arbeit an dem Musical besitzt der Komponist drei Paar „schöne“ Schuhe. „Inzwischen kann ich Schuhen etwas abgewinnen; als Mann bin ich mit dieser Ansicht aber noch in der Minderheit.

Wenn ich durch meine Recherchen etwas gelernt habe, dann ist es, dass es Männern immer noch egal ist, was sie an den Füßen tragen, während Frauen sich ständig Gedanken darum machen. Männer verstehen nicht, worum es bei Schuhen geht: Man kann sie tatsächlich lieben.“

"Shoes – The Musical“ – bis 3. April, Peacock Theatre, London, Infos unter www.sadlerswells.com .